Kloster BenediktbeuernEin Jahr im „Palast der Kühe“

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Mira Eberhardt, Jannina Fischer und Emily Späth (von links) haben ein Jahr lang im Maierhof gelebt und gearbeitet und wollten mehr über diesen Ort wissen.
Mira Eberhardt, Jannina Fischer und Emily Späth (von links) haben ein Jahr lang im Maierhof gelebt und gearbeitet und wollten mehr über diesen Ort wissen. Harry Wolfsbauer

Drei junge Frauen haben sich intensiv mit der Geschichte des Maierhofs in Benediktbeuern befasst, in dem vor 300 Jahren mehr als 400 Tiere untergebracht waren. Von ihrer Neugier und ihren Erkenntnissen dürfen nun alle Gäste im Kloster profitieren.

Von Stephanie Schwaderer, Benediktbeuern

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Jannina Fischer weiß noch genau, wie es losging. Sie war vom Kloster durchs Moor Richtung Loisach geradelt. Und dann musste sie stehen bleiben vor diesem wuchtigen Feldkreuz, vier Meter hoch, zwei Meter breit, mit einem geschundenen Jesus, dessen Kopf so schwer und tief nach unten gesunken ist, dass man den Anblick kaum erträgt. Das Grabmal, las sie auf einem Schild, sei Häftlingen und Kriegsgefangenen gewidmet, die im Moor Schwerstarbeit leisten mussten und daran zugrunde gingen. „Ich wollte mehr darüber wissen“, sagt die 19-Jährige. „Aber im Internet habe ich fast nichts dazu gefunden.“ So sei ihr der Gedanke gekommen, selbst der Geschichte der Gefangenen nachzugehen. Mit dieser Idee traf sie nicht nur beim Team des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK) auf offene Ohren. Auch zwei Gleichaltrige, Emily Späth und Mira Eberhardt, waren sofort mit dabei.

Jannina vor dem Feldkreuz, das sie zu dem Projekt inspiriert hat.
Jannina vor dem Feldkreuz, das sie zu dem Projekt inspiriert hat. Harry Wolfsbauer

Ein knappes Jahr später sitzen die drei jungen Frauen in den blauen ZUK-T-Shirts im Gästestüberl des Maierhofs und erzählen selbstbewusst von ihren Recherchen. Es sind ihre letzten Tage als „Volontärinnen“ im ZUK. Zwei von ihnen haben ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert, eine den Bundesfreiwilligendienst. Alle drei sind sich einig, dass sie dieses Jahr gestärkt hat. Dass es Spuren in ihrem Leben hinterlässt. Sie können jetzt Traktor fahren und Tümpel-Safaris leiten, drei Teller gleichzeitig von der Theke zu den Tischen balancieren, sie wissen, wie man Gäste professionell empfängt und wie man Landschaftspflege mit der Motorsäge betreibt. Auch ihr selbst gewähltes Geschichtsprojekt hat sie verändert.

„Geschichte war lange mein Hassfach“, bekennt Mira. Erst in der Oberstufe habe sie ein Interesse daran entwickelt. In Benediktbeuern sei ihr aufgefallen, wie wenig Informationen es über den Maierhof gebe, das imposante vierflügelige Gebäude neben dem Kloster, in dem unter anderem das ZUK und seine „Volos“ untergebracht sind. Hatte sich Jannina zunächst vor allem für die NS-Zeit interessiert, weitete sich das Projekt schnell aus. Nun hängen elf Infotafeln zur Geschichte des Maierhofs im Gang zur neuen ZUK-Kapelle. Auch wenn es dort wegen der andauernden Renovierungsarbeiten derzeit noch etwas düster ist, lohnt es sich, innezuhalten.

Die Zeitreise, zu der die ansprechend in Wort und Bild gestalteten Tafeln einladen, beginnt im Jahr 1708. Damals wurde der Grundstein zum heutigen Maierhof gelegt, dessen Wurzeln ins zwölfte Jahrhundert zurückreichen. 1718 sah der Architekt Michael Ötschmann seine Pläne dann verwirklicht: Neben dem Kloster präsentierte sich eines der größten und markantesten Landwirtschaftsgebäude des bayerischen Barocks. Es diente dazu, das Kloster möglichst unabhängig vor der Außenwelt zu halten und wurde von einem Verwalter, dem Maier, geleitet.

Elf ansprechende Plakate bündeln mehr als 300 Jahre Geschichte.  Jannina, Emily und Mira (von links) vor ihren Informationstafeln.
Elf ansprechende Plakate bündeln mehr als 300 Jahre Geschichte.  Jannina, Emily und Mira (von links) vor ihren Informationstafeln. Harry Wolfsbauer

Das nächste Plakat beleuchtet schlaglichtartig die Jahre 1708 bis 1803, als der zweistöckige Hof mit dem fünfstöckigen Mittelrisalit sich als „Palast der Kühe“ überregional einen Namen machte. Dazu trugen seine ein Meter dicken Außenmauern und die Fassaden-Bemalung im „Benediktbeurer Grün“ bei. „Mehr als 300 Rinder und 95 Pferde waren hier untergebracht“, sagt Emily, „das muss man sich einmal bewusst machen.“ Genauso beeindruckt hat sie, „was später hier alles passiert ist: dass man in den einstigen Ställen Steinpilze gezüchtet hat und eine der ersten Biogasanlagen Bayerns im Hof stand“.

Drei Tafeln sind den Gefangenen im Kloster und der NS-Zeit gewidmet. Von 1900 bis 1929 waren Häftlinge des Zuchthauses Straubing im Maierhof einquartiert. Sie mussten Moorflächen entwässern, um diese für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, eine Knochenarbeit. „Und heute machen wir das alles wieder rückgängig und renaturieren die Moore“, wirft Mira ein. Die Vergangenheit ist plötzlich ganz nah.

Im Klosterarchiv haben die Volontärinnen viele Stunden verbracht.
Im Klosterarchiv haben die Volontärinnen viele Stunden verbracht. Harry Wolfsbauer

Auch in der NS-Zeit mussten Kriegsgefangene im Moor schuften. 1941 wurde eine Heeresverwaltungsschule im Maierhof eingerichtet, 1945 ein Reservelazarett. „Es ist unglaublich, was sich hier alles ereignet hat“, fasst Jannina zusammen.

„Ich habe bei diesem Projekt noch einiges dazugelernt“, sagt Benedikt Hartmann, Leiter des ZUK. Beeindruckt habe ihn aber auch die Wissbegierde und der Eifer der drei jungen Frauen, die bei der Recherche zu erstaunlichen Methoden gegriffen hätten: „Da kommt man in den Aufenthaltsraum, und dann sitzen sie da und lesen Bücher!“ Auch im Archiv hätten sie viele Stunden verbracht.

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Unterstützung bekamen die drei von Richeza Reisinger, die im ZUK für Marketing und Kommunikation zuständig ist, und von Martin Blösl. Der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit hatte zum 300-jährigen Bestehen des Maierhofs im Jahr 2018 eine viel beachtete Ausstellung und eine Broschüre konzipiert, die als Basis für das neue Projekt diente.

Während die Broschüre mit dem Kapitel „30 Jahre Zentrum für Umwelt und Kultur“ schließt, beleuchtet die letzte Infotafel im Obergeschoss das verheerendste Ereignis der vergangenen Jahre in Benediktbeuern: das Unwetter am 26. August 2023, bei dem auch der Maierhof massiv beschädigt wurde. Der Text schließt mit den Worten: „Nach dem Unwetter haben die Verantwortlichen entschieden, Kloster und Maierhof wieder aufzubauen. Damit kann auch das ZUK seinen Auftrag weiterhin erfüllen.“

„Ohne sie würde hier nichts laufen“, sagt Hartmann über die Freiwilligen

Und dann gibt es noch eine zwölfte Tafel. Sie ist Jannina, Mira und Emily gewidmet, benennt sie als die Verantwortlichen, dankt ihnen und zeugt von der Wertschätzung, die das ZUK jungen Menschen entgegenbringt. „Unsere Volontäre sind das ZUK“, sagt Hartmann. „Ohne sie würde hier nichts laufen.“ Mittlerweile gebe es einen Verein, in dem sich Ehemalige organisierten. 120 Mitglieder habe er. „Hier schaut ständig jemand vorbei.“ Und so habe das ZUK im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen und Institutionen keine Probleme, seine zehn Freiwilligen-Stellen zu besetzen, obwohl in Bayern heuer der Abitur-Jahrgang ausgefallen ist.

In einer halben Stunde werden die Neuen erwartet, dann ist Übergabe. „Das ist immer ein Höhepunkt“, sagt Hartmann. Auch Emily, Jannina und Mira werden dabei sein und ihre Erfahrungen teilen. Und dann werden sie bald ihre Taschen packen und ihre Zimmer im Maierhof verlassen.

„Es ist unglaublich, was sich in diesem Gebäude alles ereignet hat“, sagt Jannina. „Und jetzt sind wir auch Teil dieser Geschichte.“ „Das Projekt hat viel Arbeit gemacht“, sagt Mira: „Aber es bleibt, auch wenn wir weg sind.“

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