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Benediktbeuern:Die Störche halten durch

Das Paar auf dem Klosterkonvent ist überraschend nicht in den warmen Süden abgeflogen. Experten beruhigen besorgte Passanten: Die Futtersuche klappt problemlos - noch.

Von Kathleen Hildebrand

Seinen im Mai gebauten Horst auf dem Dach des Konventbaus von Kloster Benediktbeuern will das Storchenpaar auch im Winter nicht verlassen. Laut dem Vogelschutzbund überwinterten im vergangenen Jahr 116 Störche in Bayern - wegen der milderen Winter werden es immer mehr.

Das Storchenpaar von Kloster Benediktbeuern wird den Winter über offenbar in Bayern bleiben. Trotz fortgeschrittener Jahreszeit und Schneefalls sind die Vögel nicht nach Süden aufgebrochen. Anlass zur Sorge sei das aber nicht, sagen Experten: Störche sind sehr kälteresistent und finden in milderen Wintern auch hier genügend Nahrung.

Als ihre beiden Jungstörche Anfang September den Horst verließen und sich einer Storchengruppe in Richtung Afrika anschlossen, da schauten ihre Eltern nicht einmal hin, sagt Pater Karl Geißinger. Im Kloster Benediktbeuern ist er zuständig für das Zentrum für Umwelt und Kultur (ZUK), das die Störche während der Brut- und Aufzucht beobachtet hat. Im Café des Zentrums steht ein Monitor, auf dem man das Familienleben im Horst verfolgen konnte. Nun sieht man die Eltern am späten Nachmittag von der Futtersuche zurückkehren, eins der roten Beine einziehen und stoisch den nächtlichen Schneestürmen trotzen.

Doch auch wenn der Storch mit seinen dünnen Beinen viel zu zart wirkt für den bayerischen Winter, ist es nicht ungewöhnlich, dass die Vögel bleiben. Anne Schneider vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) weiß von 116 Störchen, die allein in Bayern überwintern. Auch Karl Geißinger hat sich bei den Vogelschutz-Experten erkundigt, um besorgte Spaziergänger beruhigen zu können: Die Kälte macht den Störchen nichts aus, und solange der Kochelsee, Teiche und Gräben eisfrei sind, finden sie auch genug zu fressen. Problematisch wird es erst, wenn Dauerfrost die Gewässer zufrieren lässt, aus denen sie jetzt noch kleine Fische, Larven und Wasserschnecken picken können.

Die Zahl der "Winterstörche" habe in den vergangenen Jahren sprunghaft zugenommen, sagt Geißinger. Das könne daran liegen, dass Menschen zufüttern, aber auch an den Wintern, die seit Jahrzehnten immer milder werden.

Den Weg in den Süden kennt zumindest einer der beiden Benediktbeurer Störche: Der männliche Vogel ist beringt und wurde schon mehrmals in Südfrankreich und Gibraltar beobachtet - an Zwischenstationen auf dem Weg nach West- oder Südafrika. Woher seine Partnerin kommt, weiß hingegen niemand. Es sei gut möglich, sagt Geißinger, dass sie bisher nur milde Winter erlebt hat oder auch, dass sie von Menschen gefüttert wurde. Offenbar hat sie ihren Mann zum Bleiben überredet.

Sollten die beiden doch noch von einem besonders strengen Winter überrascht werden, würden sie wahrscheinlich spontan an den Bodensee oder ins Elsass ziehen. Eine solche "Winterflucht" kann die Vögel um die Alpen herum bis an den Gardasee führen oder in die südfranzösische Camargue. "Tausend Kilometer sind für Störche kein Problem", sagt Geißinger.

Füttern will er die Vögel jedenfalls nicht, auch wenn viele Benediktbeurer dafür ihre Hilfe angeboten haben. Damit folgt er dem Rat des Vogelschutzbundes: Die Störche sollen ihr natürliches Verhalten nicht ändern, sondern Wildtiere bleiben. Geißinger will so wenig wie möglich eingreifen, "damit die Tiere ihren eigenen Rhythmus finden".

Ein wenig besorgt ist er aber doch. Denn auch wenn die Störche den Winter gut überstehen, könnte die nächste Brutperiode problematisch werden. Schon der März bringt die ersten warmen Föhntage ins Klosterland und dieser vermeintliche Frühlingsbeginn könnte das Paar zu früh zur Brut verleiten. Wenn die anfangs noch sehr empfindlichen Jungen aber im April schlüpften und dann eine neue Kälteperiode anbräche, könnten sie sich erkälten und eingehen. Dieses Jahr haben die beiden Störche ihren Horst erst im Mai gebaut, als diese Gefahr schon nicht mehr bestand.

© SZ vom 12.12.2012
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