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Benediktbeuern:Die Leinwand als Spiegel

Vier Künstler zeigen im Kreuzgang des Klosters Benediktbeuern Arbeiten zum Thema "Illusion".

Von Anja Brandstäter

Da ist ein Nachtkästchen mit angeknipster Lampe. Darüber hängt ein Bild, das mit einem roten Vorhang verdeckt ist. Der Betrachter kommt unweigerlich in Versuchung, ihn zur Seite zu schieben - und sieht sich selbst im Spiegel. Das hintergründige Gemälde "Selbstbildnis" von Gerd Lepic ist eines von mehr als 100 Werken, die derzeit im Kreuzgang des Klosters Benediktbeuern zu sehen sind. Vier Künstler, die sich seit langem kennen und schätzen, stellen dort gemeinsam aus: Monika und Bernd Fleißner aus Antdorf, Gerd Lepic aus Penzberg und Désirée Deutsch aus Triftern. In den Fokus haben sie das Thema "Illusion" gerückt, das sie auf ganz unterschiedliche Weise in Aquarellen und Ölbildern, Radierungen, Druckgrafiken, Holzschnitten und Zeichnungen umsetzen.

Als zentrales Kunstwerk sticht das Monumentalgemälde "Stationen und Illusionen" von Bernd Fleißner heraus. Das siebenteilige Tafelbild misst 3,83 auf 1,38 Meter und ist als große biografische Retrospektive Fleißners und seiner Frau zu verstehen: Ein ganzes Leben in einem Bild. Dabei verschmelzen Zeit- und Familiengeschichte, Träume und Realität zu einem Kaleidoskop, das den Betrachter in seinen Bann zieht.

Tafel I bildet Evolution und Menschheitsgeschichte ab. Tafel II zeigt Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs und den Bombenabwurf über Dresden. Auf Tafel III bis V sieht der Betrachter sowohl Auszüge aus Fleißners Familiengeschichte als auch Zeitgeschehen - beides läuft parallel ab. Da ist etwa Monika Fleißners Flucht im Jahr 1961 aus der DDR nach Westdeutschland und der Moment, als Monika und Bernd sich kennenlernen. Oben links ist die einstige Geretsrieder Firma Lorenz abgebildet, bei der Bernd 30 Jahre lang gearbeitet hat; ein Spielzeugfrosch hat einen Zettel im Maul auf dem steht: "Wirtschaft. Ökonomie ist die Lehre vom großen Haufen, der größer zu sein hat als ein anderer . . . " Weitere Szenen zeigen das Ehepaar beim "Nestbau", zwei Kinder kommen auf die Welt, Bernd liest den beiden vor, Monika musiziert, die Kinder malen.

Ausstellung Kloster Benediktbeuern

Eine Hommage an die Insel Hiddensee von Monika Fleißner.

(Foto: Manfred Neubauer)

Auf Tafel IV wächst eine riesige Zeitung aus dem Bild heraus. Monika sitzt mit einer Tasse Tee darin, während Bernd mit einer Schere Artikel herausschneidet. Dies zeigt, wie intensiv sich das Ehepaar seit jeher mit dem Zeitgeschehen auseinandergesetzt hat. Viele kleine Zeitungsausschnitte flattern in dem Gemälde kreuz und quer herum. Der Betrachter kann lesen, um was es sich handelt: Waldsterben, Terror in New York, RAF, Fall der Mauer. Dann beginnt der persönliche Herbst, die Blätter fallen herab, eine Marionette hängt an seidenen Fäden. Die letzte Tafel zeigt einen wolkigen Nachthimmel - "unser aller unausweichlicher Weg".

Im Kontrast zu diesem ebenso zeitkritischen wie allegorischen Werk stehen die Arbeiten Monika Fleißners. Ruhig und klar sind ihre Farbholzschnitte und Zeichnungen. Einige sind eine Hommage an ihre frühere Heimat Hiddensee, andere zeigen ihre jetzige in Oberbayern. Die kleinen Formate nehmen sich neben dem Tafelbild geradezu bescheiden aus, sind aber von großer Intensität und Schönheit. Dagegen strotzen die großformatigen Bilder von Désirée Deutsch geradezu vor Farbe. Die Kunsttherapeutin, die mal mit aufgewühltem, mal ruhigem Pinselstrich arbeitet und vor allem auf Acryl, Öl und Pigmente zurückgreift, lässt mit Motiven wie "Im Wald" oder "Graceland" in ihr Seelenleben blicken, eröffnet aber auch der Fantasie Freiräume.

Ausstellung Kloster Benediktbeuern

Bernd Fleißners allegorisches Tafelbild "Stationen und Illusionen". Unser Bild zeigt den Künstler (re.) im Gespräch mit Pater Leo Weber.

(Foto: Manfred Neubauer)

Eine nachdenklich machende, sehenswerte Schau, die man im Kloster-Café stilvoll ausklingen lasen kann.

"Das Quartett", Kloster Benediktbeuern, bis Sonntag, 25. September, täglich 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei

© SZ vom 20.09.2016
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