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Benediktbeuern:132 Jahre geballte Tradition

Etwa 5000 Schaulustige kommen zur Leonhardifahrt nach Benediktbeuern, wo 53 Reitergruppen und Gespanne um den kirchlichen Segen bitten

132. Leonhardifahrt Benediktbeuern

Nur kurz hat das Wetter gehalten, dann kam der Regen und machte aus der Leonhardifahrt eine nasse Angelegenheit.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die herausgeputzte Kutsche mit den etwas unruhigen Süddeutschen Kaltblütern von Helmut und Bernhard Waxenberger- sie gehören zum Organisationsteam - hält vor dem Pfarrhaus. Die Männer wirken angespannt und herrschen den Buben im Gefährt an, Platz zu machen für die Pfarrgeistlichkeit mit dem emeritierten Weihbischof Engelbert Sieber von der Erzdiözese München und Freising. Dieser wird nach der Leonhardifahrt und der Segnung der Wallfahrer und der Tiere in der Basilika des Klosters Benediktbeuern den feierlichen Gottesdienst leiten.

Noch sind blaue Flecken am Himmel zu sehen, auf den Bergen ist fast jeder Stein zu erkennen. Vielleicht bleibt der angekündigte Regen aus und der Föhn zieht über die Alpen herein. Doch bleiben die Besuchermassen aus. Die Polizei schätzt, dass sich etwa 5000 Schaulustige im Dorf eingefunden haben. Noch können die Zaungäste entlang der Dorfstraße die schönen Dirndl, alten Trachten, die bis zu drei Kilogramm schweren Schnürhüte oder Otterfellmützen, den Silberschmuck an Schalk und dem alten Kassetl aus Großmutters Gewandtruhe und die reich verzierten bunten Kranl der Kinder und jungen Mädchen bei Sonnenschein betrachten und vielfach fotografieren.

Zur Leonhardifahrt auf den Weg gemacht haben sich 53 Reitergruppen und Gespanne mit Kaltblütern und Haflingern, die ihre blonden Mähnen aber nicht im Wind flattern lassen können. Vielmehr haben die sogenannten Lichtfüchse schon am Abend zuvor stillhalten müssen, um sich kunstvolle Zöpfe flechten zu lassen. Aus dem gesamten Oberland sind die Gespanne nach Benediktbeuern gefahren, wo die Leonhardifahrt seit 132 Jahren gepflegt wird und mit zu der größten Wallfahrt dieser Art in Bayern zählt, wie Sabine Rauscher von der Gästeinformation weiß. Sie kennt auch die Tradition, dass seit vielen Jahren Abordnungen aus den zimbrischen Gebieten des Lessiniatals bei Verona als Ehrengäste dabei sind. Bruno Corradi und seine Kameraden haben einige der 40 Kilogramm schweren Trombini mitgebracht. Das sind urig aussehende Vorderlader aus Nussbaum und Messing, die sie nach den kirchlichen Zeremonien krachen lassen wollen. Zimbrisch, eine alte Variante des Bairischen, beherrsche er nicht, nur noch seine Mutter, erzählt er. Vor gut 900 Jahren seien Benediktbeurer nach Oberitalien ausgewandert, wo sie bis ins 17. Jahrhundert zimbrisch sprachen, übersetzt Rauscher.

Nicht nur diese Delegation macht aus der Leonhardifahrt im Klosterdorf etwas Besonderes, noch etwas unterscheidet diese von der Wallfahrt in Bad Tölz: "Wir sind glücklich und froh, dass Alkohol niemals im Vordergrund stand", sagt Rauscher. Das kann Anastasia Frey von der Plattlergruppe aus Antdorf bestätigen. "Wir trinken nichts auf den Wagen und ratschen auch nicht, wir beten die gesamte Fahrt über", betont sie. Doch nach der Segnung wird das Geheimnis der Basttaschen der Frauen gelüftet. Allerlei Selbstgebranntes kommt zum Vorschein, wird aber nur an Familie, Freunde und Bekannte ausgeschenkt. Bei der gelernten Konditorin Frey bildet sich eine Traube von Leuten, denn ihre handgefertigten Pralinen sind berühmt.

Jäh wandelt sich das bunte Bild hin zum Einheitsplastik. Regen und Wind setzt ein. Sepp Pritzl aus Bichl legt Decken über seine Rappen. Die Frauen ziehen Plastikhauben über die Hüte und die Kinder Anoraks über die hübschen Seidendirndl. Bei solch kaltem Herbstgruß kann niemand ein Gläschen verwehren.