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Behörden waren nicht informiert:Drama um zwei uralte Linden

Dass vor dem Edeka kürzlich noch zwei Linden standen, sieht man nur noch an den Aussparungen im Kopfsteinpflaster.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Vor dem Wolfratshauser Edeka-Markt an der Sauerlacher Straße sind Anfang Mai zwei wohl mehr als 130 Jahre alte Bäume weggekommen. In der Nachbarschaft ist man entsetzt. Bei einer skurrilen Trauerfeier kommen Zweifel auf, dass bei der Fällung alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Die Baumfreunde machten ihrem Ärger Luft: Zwei anscheinend sinnlos gefällte Linden mit historischem Alter - dieser Verlust verursachte nicht nur Gram, sondern auch Wut auf den Bauherrn, den Wolfratshauser Stadtrat und die zuständigen Behörden. Die Rede war nicht nur von Baumfrevel, sondern auch von Spezlwirtschaft. Eine Trauerfeier mit allem Drum und Dran war die Antwort auf den Kahlschlag.

Die Bäume standen an der Kreuzung Sauerlacher Straße und Weidacher Hauptstraße, zwei mehr als 130 Jahre alte Linden. Als der Edeka-Markt dort aufgestockt wurde, kamen sie weg. Der Eigentümer der Immobilie hat sie am 9. Mai fällen lassen, was den Anliegern natürlich nicht verborgen blieb. Als Grund wurde der Brandschutz angeführt. Die hochgewachsenen Bäume würden die "Anleiterung" der Dachgauben durch die Feuerwehr verhindern.

Das Problem: Die Stadt und die Untere Naturschutzbehörde hatten erst im Nachhinein von der Fällung erfahren. Im Zuge der Aufklärung stellte sich heraus, dass die Linden zwar prinzipiell rechtens weggekommen seien, da sie nicht im Bebauungsplan eingezeichnet waren. Dies hätte aus Brutschutzgründen aber nicht im Zeitraum zwischen März und September geschehen dürfen.

Thomas Martin nagelte jeweils ein Holzkreuz an die Stelle, wo bis vor Kurzem noch die beiden Baumveteranen gestanden haben. Nur noch eine kreisförmige Aussparung im Pflaster erinnert an sie, selbst die Stümpfe sind jetzt weg, die Martin kürzlich fassungslos auf dem Weg zum Einkaufen entdeckt hat. Mit einer Traueranzeige hat der Wolfratshauser die Nachbarschaft daraufhin zu einem Trauermarsch eingeladen. "Für uns alle unfassbar wurden rücksichtslos gefällt: zwei wunderschöne mächtige alte Linden, ca. 130 Jahre alt", stand darin zu lesen. Martins Wunsch, dem Anlass entsprechend gekleidet zu erscheinen, kamen aber nur einige nach. Von den rund 30 Anwesenden war am Samstag nur rund die Hälfte in formelles Schwarz gewandet, sodass die Versammlung ein etwas weniger dramatisches Bild abgab als erhofft.

Vor dem Edeka an der Sauerlacher Straße hat sich am Samstag eine Trauergemeinde versammelt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Es habe ihn so geärgert, keine offizielle Antwort von den Behörden bekommen zu haben, dass er jetzt "öffentliche Aufmerksamkeit" schaffen wolle, so Martin in seiner Ansprache. Die Fällung im Nachhinein mit dem Brandschutz erklären zu wollen, "das ist für mich nicht glaubhaft". Er wünschte sich eine "saftige Strafe" für den Eigentümer und außerdem eine Ersatzbepflanzung unweit der alten Stelle.

Auch Beatrice Wagner vom Ickinger Bund Naturschutz als Ideengeber der Aktion sowie Franz Breit vom Landesbund für Vogelschutz rechneten in ihren Reden mit den Verantwortlichen ab. "Eine Stadt ohne Baumschutzverordnung, ein Bebauungsplan, in dem die Bäume nicht eingezeichnet sind, ein Architekt, der sich die Lage vor Ort entweder nicht angesehen hat oder dem die Bäume egal sind", das sind für Wagner nicht wieder gutzumachende Versäumnisse. "Da fehlt jede Sensibilität für den Wert eines Stadtbaums", schimpft sie.

Wagner erinnerte an die enorme kulturgeschichtliche und emotionale Bedeutung der Linden, von denen sie vermutet, dass sie als Friedensbäume nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs gepflanzt wurden, wahrscheinlich als Ensemble, da zwei ähnlich große Exemplare beim griechischen Lokal gegenüber stehen, dem früheren Gasthaus "Zur Linde".

"Die Linden haben zwei Weltkriege überlebt, aber nicht die Dummheit der Wolfratshauser", sagt Wolfgang Ramadan.

Der Ickinger Künstler, der zusammen mit der 14-Jährigen Nachwuchssängerin Mia Cerno das musikalische Requiem übernahm und dem Stadtrat und der Verwaltung gar "Spezlwirtschaft" unterstellte, setzte damit verbal noch eins drauf.

Aus den Reihen des Stadtrats waren Manfred Menke (SPD) und Hans Schmidt (Grüne) gekommen. Letzterer bekannte sich öffentlich zum Versäumnis der Stadt: "Das ist uns durch die Lappen gegangen." Nachdem er von "Schmiergeldern" fabuliert hatte, warf Schmidt dem Hauseigentümer vor, die Linden wegen der Aussicht aus dem Weg geräumt zu haben und tat den Brandschutz als Ausrede ab: "Es hätte gereicht, die Bäume auszuschneiden, damit die Feuerwehr den Erker problemlos anleitern kann", sagte Schmidt. Anschließend machte sich das Grüppchen noch auf zu einem Trauermarsch - natürlich in der prallen Sonne. Einen Schatten spendenden Baum, den gibt es an der Ecke schließlich nicht mehr.