Begegnung mit der Kunst in Bad Heilbrunn:Funken geschlagen

500 Literatur- und Musikfreunde lassen sich beim ersten "Moosbrand-Fest" auf Gut Nantesbuch von Schriftstellern, Musikern und Schauspielern begeistern

Von Stephanie Schwaderer, Bad Heilbrunn

Moos brennt schlecht. Um ein Moor anzuzünden, bedarf es großer Energie. Hat das Feuer aber erst einmal seinen Weg in die tiefen Torfschichten gefunden, ist es nur schwer zu stoppen. "Moosbrand" hat die Stiftung Nantesbuch ihr erstes Literatur- und Musikfest im kleinen Weiler Karpfsee bei Bad Heilbrunn genannt. Das "Lange Haus", spektakulär zwischen Himmel und Moor gelegen, soll sich als Ort der Begegnung mit Kunst und Natur etablieren und "Moosbrand" nicht weniger als "einen kleinen Flächenbrand in den Herzen der Besucher auslösen", so Kuratorin Brigitte Labs-Ehlert in ihrer Ansprache am Freitagabend. Ein hohes Ziel - und ein Wagnis, die Herzenseroberung mit einem so sperrigen Text anzugehen wie Stéphane Mallarmés Gedicht "Un coup de dés - Ein Würfelwurf niemals je auslöschen wird den Zufall".

Stiftung Nantesbuch | Moosbrand - Ein Würfelwurf | 2017-09-22

Sibylle Canonica und Mark Polscher eröffneten das Programm mit einer Performance.

(Foto: Lioba Schöneck)

Ungezählte Dissertationen sind über den 1897 erschienenen Text des französischen Symbolisten verfasst worden. "Un coup de dés" gilt als Meilenstein der Moderne. Mallarmé hat die Wörter aus ihrem Zusammenhang gerissen, sie aufs Papier, zehn Doppelseiten, wie eine Partitur gesetzt. Die Schrift unterscheidet sich in Art und Größe, das nackte Weiß trägt ebenso Bedeutung wie die Gedankenbruchstücke. Es geht um die Frage von Zufall und Notwendigkeit, um Anfang und Ende in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, in der alte Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren haben. Labs-Ehlert hat dieses Gedicht zur Premiere ausgewählt, weil es "wie eine Ouvertüre die großen Fragen des Menschseins stellt": Woher kommen wir, wo sind wir, wohin gehen wir? Keine leichte Kost für einen Freitagabend.

Begegnung mit der Kunst in Bad Heilbrunn: Drei Tage lang ging es im "Langen Haus" um Musik und Literatur.

Drei Tage lang ging es im "Langen Haus" um Musik und Literatur.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stuhlreihen im giebelhohen Veranstaltungssaal des "Langen Hauses" sind mit fast 100 Gästen dennoch dicht gefüllt, als Sibylle Canonica und Mark Polscher, beide ganz in Schwarz, die Bühne betreten. Stecknadelstill ist es, als Polscher seiner E-Gitarre die ersten sphärischen Klänge entlockt und Canonica die Worte "Ein Würfelwurf" in den Raum stellt. Gefolgt von einer langen Pause und einem energischen: "Ein Würfelwurf - niemals!"

Beide Künstler arbeiten mit Loops und Echos. Bei den einzelnen Wortmodulen halten sie sich an eingespielte Regeln, die Pausen dazwischen jedoch, die Verzerrungen und Verfremdungen gestalten sie frei im Moment. So gibt es trotz der statischen Anordnung dieser Performance einen lebendigen Austausch auf der Bühne. Canonicas Mimik - egal ob sie aufbraust und wütet oder wie ein Vögelchen zirpt - ist ein Ereignis; Polscher hält feinfühlig den Blickkontakt zu ihr, wirkt zugleich aber so in sein Spiel vertieft, dass er den Weltuntergang, sollte er gerade stattfinden, vermutlich verpassen würde.

Begegnung mit der Kunst in Bad Heilbrunn: Raoul Schrott erwies sich als genialer Geschichtenerzähler.

Raoul Schrott erwies sich als genialer Geschichtenerzähler.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stimmung des Textes ist düster, ein Ringen um Halt. Das Motiv des Schiffbruchs taucht immer wieder auf, das tobende Meer, Wogen und Wahnsinn, Nebel, das Nichts, vereinzelt aber auch Hoffnungsschimmer wie eine weiße Feder und ein Sehnen mit Blick in den Himmel: "Vers sein. Pol und Polarstern der Sieben des Kleinen Wagens". Viele Besucher - das Durchschnittsalter liegt deutlich jenseits der 50 - halten die Augen geschlossen, andere lassen sie immer wieder hinauf in den Dachstuhl wandern, wo 30 bunte Hemden davonfliegen (eine Installation der finnischen Künstlerin Kaarina Kaikkonen).

Nach 90 hochkonzentrierten Minuten fallen die letzten Worte: "Ein Würfelwurf niemals je auslöschen wird den Zufall. Jeder Gedanke ein Würfelwurf" - und Applaus brandet auf. Der Abend ist damit aber noch lange nicht vorbei. Harte Kost will verdaut sein. Die Künstler und das Stiftungsteam mischen sich unter die Gäste, die überall in Grüppchen stehen und angeregt diskutieren. Ein Lehrerpaar bedankt sich mit Tränen in den Augen bei Polscher ("Überwältigend!"). Und Canonica erzählt freimütig davon, wie sie vor diesem Text zunächst "fast erschrocken" sei, bis ihr nach Monaten der Annäherung plötzlich klar geworden sei: So geht es. Ein Jahr ist es her, dass sie zusammen mit Polscher das erste Mal nach Karpfsee gekommen ist, um sich von diesem Ort inspirieren zu lassen. Auf Spaziergängen habe sie "das Moorige" aufgesogen, "die Birken".

Die Stiftung zeigt sich an diesem Abend einmal mehr so großzügig wie die Natur rund herum: Es gibt Häppchen und Wein und viele freundliche junge Menschen, die den Gästen den Weg durchs Haus oder zum Auto weisen.

Es geht gegen 23 Uhr, als drei Frauen hinaus in die sternklare Nacht treten. "Was für ein schöner Himmel", sagt die eine. "Vers sein", beginnt die zweite zu rezitieren. "Pol und Polarstern ", ergänzt die dritte, "der Sieben des Kleinen Wagens". Keine Frage: Da schwelt etwas.

© SZ vom 26.09.2017
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