Wer sich selbst als „Fuadakarrn“ und „Bierbulldog“ bezeichnet, beweist Humor und passt perfekt zur zuweilen etwas kernigeren Stimmung eines bayerischen Bierzelts. Das ist auf der Lenggrieser Festwoche an diesem Tag gegen 17.30 Uhr noch fast leer, als Monika Erhard und Benedikt Pichlmayr ankommen. An den Bierbänken verlieren sich weniger als zehn Leute im Raum mit Platz für bis zu 1400 Besucher. Die Gaißacherin und der Jachenauer haben Zeit zu reden.

Beide zählen zu den 24 Servicekräften, die an diesem Abend im Festzelt von Peter und Michael Gascha bedienen. Erhard und Pichlmayr sind als Team für die erste Reihe mit 20 Bierbänken vor der Bühne zuständig. Der Beschäftigte im öffentlichen Dienst wird in erster Linie das Essen, die Gesundheits- und Krankenpflegerin das Bier zu den Besuchern bringen.
Eine voll Mass Bier wiegt 2,3 Kilogramm
Daher stammen die Aufschriften „Fuadakarrn“ und „Bierbulldog“, die auf den Holzansteckern zu lesen sind, die das Duo an die Kleidung auf der Brust befestigt hat. Bis zu 16 Gerichte kann Pichlmayr auf dem großen Tablett auf einmal unterbringen. Erhard schafft maximal 14 Mass Bier, eine Mass wiegt gefüllt 2,3 Kilogramm. Echte Schwerstarbeit also – und das an elf Tagen hintereinander, Montag bis Samstag immer abends, sonntags ganztags.

Warum das jemand zusätzlich zum Beruf auf sich nimmt? Besonders dann, wenn das Festzelt brechend voll ist, alle auf einmal bestellen wollen, Erhard und Pichlmayr ständig zwischen Schank und Essensausgabe hin- und herlaufen müssen. „Weil es Spaß macht“, sagt der Jachenauer, auf Bairisch kurz Bene genannt. „Die Leute sind gut drauf“, so die Gaißacherin (die „Moni“). „Was kann es Schöneres geben.“ Die Stimmung sei leger und blöde Sprüche könne sie kontern. Nur bequeme Schuhe seien wichtig, um Blasen zu vermeiden, betont Erhard. „Andere gehen ins Fitnessstudio, ich ins Bierzelt.“

Daher hilft, dass die zwei Mittdreißiger bierzelterprobt sind. Sie bedient schon seit knapp 20 Jahren auf Volksfesten im Oberland, er seit zehn Jahren. So arbeitet das Duo auch im Team auf dem Münchner Oktoberfest in der Ochsenbraterei zusammen. Das Hemd mit Schriftzug hat er auch in Lenggries an. Auf der Wiesn sind es vor allem die Stufen zum Brauereibalkon, die schweißtreibend werden können, wenn Erhard und Pichlmayr zum Bedienen hinauf- und hinunterlaufen. Uneins ist sich das Duo nur, ob es 22 oder 21 sind. Mehr noch zeigt der kurze Austausch, wie vertraut beide miteinander sind. „Wir mögen uns auch privat“, sagt der Jachenauer. „Das Bedienen ist ganz angenehm, weil wir uns so lange kennen.“ Meist reiche nur Blickkontakt, um sich zu verständigen.
Vor dem Auftritt von „Tropical Rain“ dringt der Regen schwallartig ins Zelt herein
Auch wenn es im Lenggrieser Festzelt im Gegensatz zur Wiesn keine Stufen, sondern nur ebenen Holzboden gibt, wird es anstrengender, je länger der Abend dauert. Bevor im Isarwinkel die auf Volksfesten bekannte Partyband Tropical Rain zusätzlich die Stimmung anheizt, kommt der Niederschlag zwischen den umliegenden Bergen sturzbachartig wie in den Tropen. Dem kann kurz vor Dreiviertelsieben Uhr das Planendach hinter den Holzfässern in der Schank nicht mehr standhalten. Schwallartig ergießt sich das Wasser zu Boden. Mehrere Mitarbeiter stemmen sich dagegen, um das Loch zu flicken, was einige Zeit dauert.

Davon betroffen sind die Besucher an den Biertischen glücklicherweise nicht. Und so sehr Festwirt Peter Gascha wegen des Wolkenbruchs eher einen mau besuchten Abend erwartet, hat der Regen für das Serviceteam wenigstens etwas Gutes. Die Luft kühlt ab, was es weniger anstrengend macht, als an schwülheißen Tagen zu arbeiten.

Nach dem Regen füllt sich das Zelt wider Erwarten schnell. Spätestens als die Band ihren Auftritt mit einer Serie von Udo-Jürgens-Liedern von „Aber bitte mit Sahne“ bis „Mit 66 Jahren“ sowie Abbas „Mamma Mia“ eingeleitet hat, sind die meisten Bierbänke voll besetzt. Nun muss sich das Serviceteam mit den geschulterten Tabletts fürs Essen oder Maßkrügen vorsichtig den Weg durch die Menge an Festgästen zu den Tischen bahnen.

Um abzukassieren ist schnelles Kopfrechnen gefragt. Notfalls gebe es aber einen Spickzettel mit den Preisangaben für die gängigsten Bestellkombinationen, den Erhard vorzeigt. „Den braucht man aber schnell nicht mehr“, so die Gaißacherin.
Zwischendurch poliert Erhard Besteck
Gegen die stundenlange, laute Musik vor der Bühne arbeitet sie zudem mit Ohropax. Für sie und Pichlmayr kommt es darauf an, ihren Bedienbereich immer genau zu beobachten und durchzugehen, damit keine Bestellung vergessen bleibt. Das spart Zeit und unnötige Wege. Zwischendurch poliert Erhard zudem mit zwei Frauen aus dem Serviceteam Besteck. Das gehört genauso zum Tätigkeitsspektrum wie nach Betriebsschluss Bänke und Tische abzuwischen und aufzuräumen. Laut Erhard dauert es bis 1.30 Uhr, ehe sie nach Hause kommt.

Ob darunter das Familienleben mit Mann und drei Kindern nicht leidet? Heute seien sie zum Baden tagsüber am Sylvensteinspeicher gewesen und dann eben um 15 Uhr wieder nach Hause gefahren, sagt Erhard. Auf die Kinder allein aufzupassen, das sei ihr Mann schon durch ihre Schichttätigkeit auf Intensivstation im Krankenhaus gewohnt. Zum oft emotional sehr belastenden Beruf sei das Bedienen im Bierzelt für sie ein wichtiger Ausgleich, mit „lustigen und fröhlichen Menschen“, wie Erhard sagt. Pichlmayr ergänzt, dass er beruflich den ganzen Tag sitze. „Hier kann ich rumlaufen.“

Das Bedienen im Festzelt ist fester Bestandteil im Alltagsleben beider. Klar käme damit auch Geld zusammen, sagten Erhard und Pichlmayr. Aber nur deswegen, mache das keiner. „Ich kann es gar nicht richtig beschreiben“, sagt der Jachenauer. „Entweder mag man das oder nicht.“


