Wetterumschwung:Erhöhte Lawinengefahr für Skisportler und Tourengeher

220116 Alpen. Nach den tagelangen Schneefällen in den Alpen ist die Lawinengefahr massiv angestiegen. Aktuell herrscht

Die Lawinengefahr steigt zum Wochenende.

(Foto: Bernd März/imago images)

In dieser Woche schneit es erst tagelang, es ist windig. Mit wärmeren Temperaturen und mehr Niederschlag zum Wochenende könnte die Schneedecke in den Bergen aber schnell durchfeuchtet werden.

Von Benjamin Engel

Die aktuellen Wetterprognosen könnten Sport in den Bergen gegen Ende dieser Woche besonders kritisch machen. Bis zum Donnerstag sind täglich Schneefall und Wind vorausgesagt. In der Nacht zum Freitag sollen die Temperaturen steigen und kräftiger Regen einsetzen. Das ist für den Aufbau der Schneedecken heikel. "Regen auf Neuschnee ist immer schlecht", sagt Thomas Feistl, Leiter des Bayerischen Lawinenwarndienstes. Je schneller Wasser eindringe, desto stärker werde die Schneedecke durchfeuchtet. Damit könnten Nassschneelawinen leichter abgehen. Dringe die Feuchtigkeit bis zu bodennahen Schwachschichten vor, könnten es auch große Abgänge werden.

In diesem Fall spricht Christian Held von einer "Schmierschicht", auf welcher der Schnee talwärts rutsche. Für den Obmann der Kochler Lawinenkommission ist die momentane Situation ganz schwierig zu beurteilen. Nach den starken Niederschlägen vor zwei Wochen sei der Schnee am Herzogstand bis zu 1,3 Meter hoch gelegen. Am Montagnachmittag waren es noch 86 Zentimeter. Bei Föhn waren die Temperaturen vergangene Woche etliche Grad im Plus gestiegen, die Nächte aber kalt geblieben. Dadurch habe sich der Schnee gut gesetzt, schildert Held.

Thomas Feistl Leiter Lawinenwarndienst Bayern

Schneit es viel, ist Thomas Feistl vom Lawinenwarndienst stark gefordert.

(Foto: Privat)

Die Lawinengefahr lag am Montagvormittag unterhalb der Baumgrenze bei der geringsten Warnstufe Eins für die bayerischen Voralpen. Bis Dienstag stieg die Skala auf Zwei (mäßig), beziehungsweise Drei (erheblich) oberhalb von 1500 Höhenmetern. Doch so wird es nicht bleiben. Mit den vorhergesagten Neuschnee- und Regenfällen und wärmeren Temperaturen am Wochenende sei eine Prognose sehr schwierig, sagt Held. "Man muss die Situation jeden Tag neu beurteilen." Kritisch sei zudem der Wind. Dieser gilt als "Baumeister der Lawinen", weht den Schnee auf Bergkämmen und -rücken ab und treibt ihn in Hänge sowie Rinnen und Mulden auf der windabgewandten Seite. Dort kann die Schneedecke dann teils mächtig werden. Begeben sich Skifahrer in solches Gelände, steigt das Risiko je nach Warnstufe, dass sie eine Lawine auslösen.

Auf dem vor allem bei Tourengehern beliebten Herzogstand ist derzeit viel los. Held beobachtet auch unter der Woche mehr Wintersportler als normalerweise, und zwar jeglicher Couleur bis hin zu Schlittenfahrern. Am Kesselberg seien die Parkplätze an schönen Tagen zugeparkt, sagt er. "Viele Leute haben Zeit und wollen raus." Selbst auf Skipisten sollte sich heuer aber niemand zu sicher fühlen. Die Skigebiete sind in der Pandemie noch bis mindestens Mitte Februar geschlossen. Vor Lawinengefahren sichern die Bergbahnbetreiber Abfahrten wie am Herzogstand derzeit nicht. "Das ist momentan wildes Gebiet", sagt Held. An den Hängen oberhalb lawinengefährdeter Pisten werde derzeit nicht gesprengt. Jeder Wintersportler müsse das Risiko für sich selbst einschätzen.

Lawinenkommissionen wie die Kochler gibt es im Landkreis noch für das Skigebiet Brauneck sowie für Fall am Sylvensteinspeicher. Deren Mitglieder schätzen die Gefahr für Skipisten, aber auch Straßen ein und empfehlen notfalls Sperrungen. Das könnte auch wieder die für den öffentlichen Verkehr gesperrte Straße am Nordostufer des Walchensees zwischen Urfeld und Sachenbach treffen. Dafür müsste es allerdings in den kommenden Tagen eine "ordentliche Packung" schneien, sagt Held. Ein halber Meter Neuschnee ohne Verbindung zur Altschneedecke, womöglich noch mit zwischengelagerter Graupelschicht, könnte kritisch werden. "Das wirkt wie ein Kugellager."

Am Brauneck blieben zwei junge Tourengeherinnen am Donnerstag vor zwei Wochen nach einem Lawinenabgang unverletzt. Es hatte frisch geschneit, als beide auf der Piste des derzeit geschlossenen Skigebiets oberhalb des Speichersees im Garlandkessel aufstiegen. In diesem Moment löste sich eine Lawine an der Hangkante oberhalb. Die Ausläufer rissen eine der Tourengeherinnen mit sich. Die Frau konnte sich aber selbst befreien, blieb wie ihre Begleiterin unversehrt.

Dass die beiden Frauen keine Lawinenausrüstung dabei hatten, war zumindest leichtsinnig. "Es gibt im Skigebiet derzeit kein gesichertes Gelände", sagt Rolf Frasch. "Nichts ist überwacht." Für den bayerischen Lawinenwarndienst erfasst er die Schnee- und Witterungsdaten am Messfeld in Gipfelnähe. Zudem ist er Mitglied der hauptamtlichen Skiwacht und mit Kollegen für die Sicherheit am Lenggrieser Hausberg verantwortlich. Selbst ohne Skiliftbetrieb seien viele Wintersportler am Brauneck unterwegs, sagt er. In dem großen Gebiet zwischen dessen Gipfel und dem Idealhang verteilten sich die Leute. "Es passiert ganz wenig." Wer unterwegs sei, müsse sich aber am täglichen Lawinenlagebericht orientieren. Das Risiko sei je nach Hang und Schneesituation unterschiedlich. "Man muss das total lokal sehen", sagt Frasch.

Die Bergbahn-Betreiber hoffen am Brauneck immer noch, in dieser Saison den Skibetrieb doch starten zu können. Deshalb werden sogar Lawinen gesprengt, um das Risiko zu minimieren - aber nur unregelmäßig. "Darauf sollte man sich nicht verlassen", sagt Sprecherin Antonia Asenstorfer.

Auf die vor Lawinengefahren ungesicherten, derzeit geschlossenen Skipisten weist der bayerische Lawinenwarndienst derzeit explizit hin. Täglich erstellen die Mitarbeiter einen aktuellen Lagebericht für sechs Regionen am Alpenrand (abrufbar unter www.lawinenwarndienst-bayern.de). Das Risiko hängt von vielen Faktoren ab, unterscheidet sich je nach Region und Topographie. Wie sich die Schneedecke entwickle, sei über einen längeren Zeitraum praktisch kaum vorherzusagen, sagt Feistl. Bodennahe Schwachschichten seien aber immer problematisch.

© SZ vom 27.01.2021/vewo, van
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