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Kochel am See:Wasserschlacht am Walchensee

Rettet die Isar jetzt!

Der Rißbachstollen von oben: Hier zapft das Walchenseekraftwerk dem Rißbach Wasser ab.

Für das Wasserkraftwerk laufen 2030 die Rechte aus. Umweltverbände beklagen den Zustand der umliegenden Gewässer - und fordern für die Neuausschreibung einen Schwerpunkt auf ökologischen Kriterien

Von Sandra Freudenberg und Florian Zick

Das Wasser aus dem Karwendelgebirge lässt international die Dividenden sprudeln. Am Walchenseekraftwerk werden im Jahr inzwischen zwar 50 Millionen Kilowattstunden weniger gewonnen als vor ein paar Jahren. "Empfindliche Einbußen" seien das, so Kraftwerkssprecher Theodoros Reumschüssel. Wenn man sich aber die jüngsten Geschäftszahlen der Eon-Tochter Uniper anschaut, die das Kraftwerk betreibt, dann kann man sagen: Die Wasserkraftanlage ist trotzdem noch alles andere als unrentabel.

Uniper würde am Walchensee deshalb gerne über das Jahr 2030 hinaus Strom erzeugen. Ob das Unternehmen dafür die Konzession bekommen wird, ist derzeit offen. Die Wasserrechte für den Walchensee laufen nämlich in zehn Jahren aus. Demnächst will die Regierung von Oberbayern die Rechte neu ausschreiben. In den Verträgen soll dann dem Thema Ökologie deutlich mehr Platz eingeräumt werden, so fordert es zumindest ein Bündnis von zwölf Umweltverbänden und Nutzervereinen wie dem Landesfischereiverband oder dem Kanuverband, das sich kürzlich zum landschaftlichen Schutz der Walchensee-Region zusammengeschlossen hat.

Dass es eine solche Initiative braucht, hat mit einem Paradoxon zu tun: Damit im Walchenseekraftwerk immer eine gewisse Menge Ökostrom erzeugt werden kann, leiten die Betreiber aus dem Rißbach nämlich immer wieder Wasser in den Walchensee. Dadurch fällt in dem Wildbach aber immer wieder das Flussbett trocken, die Fische sterben. Der Zugewinn an sauberer Energie auf der einen Seite bringt also immer auch ökologische Opfer auf der anderen Seite mit sich.

Der kleine Verein "Rettet die Isar", der auch im Walchensee-Bündnis organisiert ist, kämpft deshalb seit 1974 gegen die Ableitung des Wassers. In dieser Zeit hat der Verein auch beachtliche Erfolge erzielt. So musste der Betreiber des Walchenseekraftwerks bereits 1990 Isarwasser quasi zurückgeben. Seitdem braust wieder ein wenig mehr malachitblaues Wasser die Isar herunter. Das freut nicht nur Anwohner und Wanderer, sondern ist auch gut für die Tier und Pflanzenwelt.

Rettet die Isar jetzt!

Wegen der Waserentnahme fällt das Flussbett des Rißbachs immer wieder trocken.

Trotzdem ist am Rißbach noch nicht wieder alles in Ordnung. "Wenn über 100 Jahre lang ein Fluss kaputt gemacht wurde, können wir den nicht in fünf Jahren retten", so der Landschaftsökologe Franz Speer von "Rettet die Isar". Dass mit dem Wasser aus dem Rißbach Geld gemacht wird, stört die 275 Mitglieder des Lenggrieser Vereins dabei gar nicht mal so sehr. Ihnen ist aber wichtig, dass die Umwelt dabei besser bedacht wird.

Was der Verein im Kern fordert, ist mehr Restwasser für die Isarzuflüsse - für den Rißbach und die Jachen, vielleicht auch für die Dürrach und den Walchen. Man dürfe die Flussbetten nicht vollständig entleeren, sagt Speer, zum Zweck des Umwelt- und Landschaftsschutzes müsse man den Flüssen schon einen Teil ihres Wassers lassen.

Die Betreiber des Walchensee-Kraftwerks halten dagegen. Uniper argumentiert, dass zum Beispiel die Tamariske und die Schnarrheuschrecke trockene Flussläufe bevorzugten und weiße Kiesbänke optisch schließlich auch ihren Reiz hätten. Zudem könne man sich um den Naturschutz nur dann richtig gut kümmern, wenn das Kraftwerk auch entsprechende Erträge abwerfe. So habe der Verein beispielsweise in die Fischaufstiegsanlage in Krün oder die Renaturierung der Obernach investiert. Und außerdem habe der Konzern schon Zugeständnisse gemacht: Durch die 1990 eingeführte Restwassermenge für die Isar etwa habe der Kraftwerksbetrieb schon 20 Prozent an Leistung verloren, so Sprecher Theodoros Reumschüssel.

Ob sich Uniper vorstellen könne, eine Restwassermenge für den Rißbach fest zuzusagen, kann Reumschüssel derzeit nicht beantworten. Es sei die Entscheidung der Genehmigungsbehörden, ob eine solche Auflage Teil der neuen Konzession sein wird, sagt er. Es sei für ein alpines Gewässer aber nicht ungewöhnlich, dass es viele Tage im Jahr kein oder nur wenig Wasser führe. Zudem bedeute mehr Wasser auch nicht unbedingt gleich mehr Umweltschutz. Ein dauerhaftes Restwasser fördere zum Beispiel die Verbuschung. An der Isar habe das auch schon zu Problemen geführt. Und außerdem: Das Ableiten des Wassers trage auch zum Hochwasserschutz bei. Bei Hochwasser reagiere der Rißbach nämlich sehr heftig, "diese Spitzen konnten wir ihm nehmen", sagt Reumschüssel.

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Franz Speer und der Verein "Rettet die Isar" kämpfen seit 1974 gegen die Ableitung des Wassers in den Walchensee.

Aktuell liegt das Flussbett des Rißbachs da wie eine Mondlandschaft. Ein großer Schwemmholzstamm in der Nähe von Vorderriß erinnert an die Zeit, als der Fluss noch die Kraft hatte, Bäume und Geröllmassen mit sich zu reißen. Ob diese Zeit jemals wiederkommt? Dass der Freistaat Bayern selbst den Betrieb des Wasserkraftwerks übernimmt, wie es sich das Walchensee-Bündnis wünscht, ist jedenfalls unwahrscheinlich. Dann könnte man zwar wohl tatsächlich verstärkt auf einen ökologischen Betrieb der Anlage hinwirken. Nach Einschätzung des Tölzer Landratsrats Josef Niedermaier (Freie Wähler) wäre ein Rückkauf aber zu kostspielig.

Im Oktober will die Regierung von Oberbayern nun vorstellen, mit welchem Verhandlungskonzept sie in die Neuausschreibung der Wasserrechte gehen möchte. Auch der Verein "Rettet die Isar" wird Einblick bekommen. Franz Speer hofft, dann schon einmal ein bisschen Hoffnung für den Rißbach schöpfen zu können.

© SZ vom 21.08.2020

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