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Oberbayern:Schockstarre in Kochel nach tödlichem Unfall

Obwohl der Rieder Bahnübergang gut einsehbar ist und nur ein bis zwei Züge in der Stunde durchfahren, war der Unfall am Sonntag nicht der erste.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nachdem an einem Bahnübergang ein Landwirt und sein zweijähriger Enkel starben, herrscht Entsetzen im Ort. Ein Gutachten soll klären, wie es zu der Kollision des Quads mit dem Zug kommen konnte.

Es ist einer dieser Unfälle, die für einen Moment die Zeit stehenlassen, weil sie an Tragik und Sinnlosigkeit kaum zu überbieten sind. Nun herrscht eine Schockstarre in Kochel am See, wo am Sonntag ein 65-Jähriger und sein zweijähriger Enkel auf einem Bahnübergang im Ortsteil Ried vom Zug erfasst und tödlich verletzt wurden.

Es ist ein traumatisches Ereignis, nicht nur für die Angehörigen und den Lokführer, sondern auch für die Einsatzkräfte. Steffen Wiedemann ist seit 30 Jahren Polizist, hat viel gesehen. Am Montag spricht er dennoch von "einem der schlimmsten Einsätze, die ich erlebt habe", so der Leiter der Kochler Polizeistation. "Man ist draußen und funktioniert". Er spricht von einer für alle schweren Belastung - "gerade, wenn man selber Kinder hat".

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Um Worte ringt auch der Bürgermeister. "Was soll man da noch sagen", so Thomas Holz. Und spricht dann von einem in der Gemeinde bekannten, sehr engagierten Landwirt, den eigentlich jeder im Ortsteil kannte. "Ried verliert eine große Stütze. Meine tief empfundene Anteilnahme gehört den Angehörigen", so Holz.

Am Sonntagvormittag waren der 65-Jährige Landwirt und sein zweijähriger Enkel zusammen auf dem Quad unterwegs, als sie den unbeschrankten Bahnübergang in Richtung Kochler Moor überqueren wollten. Dabei übersah der Fahrer offenbar einen herannahenden Zug der Werdenfelsbahn. Das Quad wurde beim Überqueren der Gleise vom Triebwagen erfasst und von der Böschung auf eine angrenzende Wiese geschleudert. Die Fahrgäste im Zug blieben unversehrt, der Quadfahrer und sein Enkel wurden tödlich verletzt.

So tief der Schock nun im Ort sitzt, so schwer tut man sich mit der Frage, die sich nun jeder stellt: Wie konnte es dazu kommen? Der Bahnübergang ist laut dem Kochler Polizeichef völlig frei einsehbar. Es sei schwer, den Zug nicht zu sehen - "außer man ignoriert völlig den Rechts-links-Blick", so Wiedemann. Zumal die Übergänge überwiegend von Einheimischen genutzt würden, die den Rhythmus und die Geschwindigkeit der Züge kennen.

Den Unfallhergang muss nun ein Gutachter klären. Relevant dürfte hierbei auch sein, dass die Züge aus Benediktbeuern seit dem vergangenen Jahr laut der Deutschen Bahn (DB) wegen Anwohnerbeschwerden keinen Pfeifton mehr als Warnsignal abgeben. Wegen der ohnehin guten Einsicht sei das bei einer Verkehrsschau mit den weiteren Akteuren entschieden worden, so der Sprecher. Das Gesamtgutachten, bei dem alle Puzzleteile zusammengesetzt werden müssen, dürfte laut Wiedemann Wochen dauern. "Gründlichkeit geht jetzt vor Schnelligkeit", sagt er.

So hält man es auch bei der DB, die zusammen mit der Gemeinde, der Straßenverkehrsbehörde im Landratsamt und der Polizei verantwortlich für die Sicherheit am Bahnübergang ist. Ein Sprecher betont am Montag, dass diese Parteien in gemeinsamen Verkehrsschauen entscheiden, ob an einem Übergang Schranken, Ampeln oder nur Andreaskreuze errichtet werden. Letztere seien "keine nette Empfehlung. Der Zug hat Vorfahrt", so der Sprecher. Nach dem tragischen Unfall fühle man sehr mit den Angehörigen und dem Lokführer. Umso bitterer sei es, dass "der Verursacher das Opfer ist. Das ist für alle Beteiligten schwer zu ertragen."

Einen ähnlichen Unfall hatte es an der Stelle zuletzt im Jahr 2015 gegeben. Der 48-jährige Traktorfahrer hatte damals Glück im Unglück - er überlebte den Unfall schwer verletzt. Nach dem Credo "ein guter Bahnübergang ist kein Übergang" reduziert die Bahn deren Zahl; alleine zwischen 1990 und 2015 in Bayern um die Hälfte. Und wenn ein Übergang bleiben und sicherer werden soll, wird es nicht selten teuer: Laut Eisenbahnkreuzungsgesetz müssten sich Bund, DB und Gemeinde die Kosten dritteln, was bei insgesamt etwa 500 000 Euro pro Schranke für viele Kommunen immer noch eine Abwägung ist - die wie am Sonntag auch tragisch enden kann.