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Folgen der Coronakrise:Wenn die Pisten dicht bleiben

Brauneck Winter Draxlhanglift

Bilder aus den vergangenen Jahren - und doch irgendwie aus einer ganz anderen Zeit: Unbeschwerter Winterspaß am Draxlhanglift.

Die Wintertourismusbetriebe in der Region bangen um das wirtschaftliche Hauptsaisongeschäft zu Weihnachten. Wird coronabedingt kein Skibetrieb möglich sein, sind die Auswirkungen finanziell gravierend - für Bergbahnen bis zur Skischule.

Von Benjamin Engel

So umsatzstark wie die Weihnachtszeit sind im Wintertourismus nur noch die Faschingsferien. Daher trifft die Feststellung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), das Skigebiete nur öffnen dürfen, wenn in der betreffenden Region der Inzidenzwert unter 50 liegt, den Isarwinkel existenziell. Vom Wintertreiben am Brauneck leben viele Skibetriebe wirtschaftlich gut, doch nun ist die Verunsicherung groß. "Wir sitzen selbst wie auf dem Pulverfass", fasst Kerstin Oswald von der Reiseralm die derzeitige Stimmung stellvertretend für viele andere Betroffene zusammen. Mit ihrem Mann Alois führt Oswald den Gastbetrieb am Nordosthang des Lenggrieser Hausbergs. Um coronakonform möglichst im Freien bewirten zu können, haben die Wirtsleute ihre Terrasse mit Holz überdachen lassen und Heizpilze ausgeliehen.

Was würde also passieren, wenn die Liftanlagen über Weihnachten und Neujahr still stehen? Für Gäste ist die Reiseralm im momentanen Teil-Lockdown ohnehin schon seit Anfang November geschlossen - genauso wie schon im Frühjahr. Ohne Weihnachtsgeschäft werde es schwierig werden, sagt Kerstin Oswald. In der Gastronomie kämpfe jeder ums Überleben. Die Wirtsfamilie verkauft trotzdem weder Essen noch Getränke zum Mitnehmen. Denn zum einen dürfe sich kein Gast hinsetzen, zum anderen liege die Alm zu dieser Jahreszeit sowieso schon gegen 11 Uhr vormittags im Schatten.

Die Hoffnung bleibt

Wenigstens ist das Sommergeschäft dank vieler Urlauber in der Reiseralm zufriedenstellend gelaufen. Wirtschaftlich bemerkbar mache sich aber, dass größere Gruppen wie bei Geburtstagsfeiern nicht bewirtet werden konnten, sagt Oswald. Im Winter ist die Reiseralm vor allem auch bei Rodlern beliebt. Deshalb hoffen die Oswalds auf genügend Schnee und die Chance, doch noch irgendwann im Winter wieder aufsperren zu können.

Darauf zählen auch die Brauneck und Wallbergbahnen GmbH. "Es ist natürlich eine bittere Pille, die wir da schlucken müssen", bewertet Sprecherin Antonia Asenstorfer die vermutliche Zwangsschließung des Skigebiets. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Geschäfts gehe damit verloren. Auch auf die Gastronomie, die Skischulen und weitere Betriebe werde sich dies negativ auswirken. Jetzt müssten die Entscheidungen aber erst einmal abgewartet werden. Die Seilbahnverbände in Deutschland und den Nachbarländern der Alpen müssten sich auf jeden Fall absprechen, sagt Asenstorfer. Alles andere sei unsinnig. Denn eines darf aus ihrer Sicht auf keinen Fall passieren: dass das Brauneck geschlossen bleibt und die Skifahrer einfach ins Skigebiet Christlum am Achensee im benachbarten österreichischen Bundesland Tirol weiterfahren. "Das wäre an der Sache vorbei", sagt Asenstorfer.

In einem Punkt bleiben die Vorbereitungsarbeiten aber trotz aller Unsicherheit unverändert. Sobald es kalt genug ist, sollen die Kanonen und Lanzen für Kunstschnee laufen. Nur präpariert wird laut Asenstorfer dann erst einmal noch nicht. Selbst für den maschinell erzeugten Schnee war es aber in manchem milden Jahr vor Weihnachten nicht kalt genug. So verzögerte sich der Saisonbeginn schon öfter.

Am Herzogstand etwas weiter südwestlich funktioniert Skibetrieb ohne Naturschnee erst gar nicht. Schneekanonen gibt es am Berg nicht. Für Wintersportler existieren aber auch nur die Kabinenbahn und ein steiler Schlepplift am Fahrenberg. Die Skifahrer machen aber nur einen geringen Teil der Gäste aus. Die Bergbahn zieht vor allem normale Ausflügler an. Geschäftsführer Georg Findeisen spricht davon, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. "Wir spielen alle Szenarien durch", sagt er. Weiter möchte er sich vor der Gesellschafterversammlung am 8. Dezember - die Kommune Kochel am See und die Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen leiten die Betreiber-GmbH - nicht äußern. Dann gelte es die Situation neu zu bewerten, sagt er.

Sich ständig auf neue Begebenheiten einstellen muss sich auch Ursula Werner vom Hotel Altwirt in Lenggries. "Es ist schon existenzbedrohend", sagt sie. In Lenggries sei die Wintersaison ohnehin relativ kurz. Dürfte sie ihren Betrieb zu Weihnachten nicht öffnen, fielen zwei Kernwochen weg. Das sei bitter für den ganzen Ort, bis hin zum Einzelhandel. Auf ihre 25 Mitarbeiter könnte dann zumindest teilweise wie bereits im Frühjahr Kurzarbeit zukommen. Auf das Einkommen seien aber viele angewiesen, so Werner.

Zu tun gebe es für das Hotelteam bislang genug. "Wir sind fast voll gebucht für Weihnachten", sagt die Inhaberin. Derzeit sei alles unsicher. Man müsse abwarten. Sie müsse verschiedene Szenarien durchspielen. Dafür bräuchte Werner verlässliche Vorgaben. "Man kann den Betrieb nicht von einem Tag auf den anderen wiederaufnehmen", sagt sie. Wie schwierig dies sei, hätte sie schon nach dem Lockdown im Frühjahr gemerkt.

"Momentan ist Totentanz"

Damals musste auch Ecki Kober seine Skischule vorzeitig schließen. Für ihn ist allerdings der Betrieb in den beiden Weihnachtswochen und zu Fasching wirtschaftlich viel entscheidender. Jeweils 30 Prozent seines Jahresumsatzes macht er zu diesen Zeiten, wie er schätzt. Normalerweise wäre das Kursprogramm seiner Skischule für die Wintersaison jetzt bereits weitgehend durchgeplant, sagt Kober. "Momentan aber ist Totentanz." Auf eine schwache Saison hat sich der Skischulleiter mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung bereits eingestellt. Wäre kein Skibetrieb zu Weihnachten möglich, wäre das für Kober ein "schwerer Schlag". Ausdrücklich bezeichnet er sich nicht als Systemkritiker. Aber aus seiner Sicht müsste die Pandemie womöglich gesamtgesellschaftlich gesehen werden. Der Skisport sei in einer kultivierten Gesellschaft systemrelevant. Wer sich in der freien Natur bewege, tue etwas für seine Fitness, aber auch für die Seele. "Der soziale Aspekt dabei kommt für uns zu kurz", sagt Kober.

Seine Skischule nutzt nun alle digitalen Kanäle, um die Kunden aktuell zu informieren. Sobald am Jaudenhang Skifahren möglich sei, könne er direkt loslegen. Wie es finanziell laufen werde, könne er erst am Saisonende im April sehen. Womöglich müsse man dann künftig kleiner planen. "Wir haben schon öfter nicht ganz so tolle Winter gehabt."

© SZ vom 27.11.2020/van
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