Mit dem Neubau der Tölzer Jahnschule hätte alles wie am Schnürchen laufen können. Die Stadt lag mit dem Großprojekt gut in der Zeit, auch die Kosten von insgesamt knapp zwölf Millionen Euro hatte Stadtbaumeister Florian Ernst im Griff. Aber dann kam der Ärger: Das Dach über der eingeschossigen Aula und dem zweigeschossigen Trakt mit der Turnhalle, dem Probenraum für die Stadtkapelle, Klassenzimmern, Funktionsräumen und der Mittagsbetreuung wurde offenbar nicht richtig abgedichtet, weshalb Wasser eindrang. An mehreren Stellen, aus unterschiedlichen Ursachen. Seither liegt die Stadt im Clinch mit der Dachdeckerfirma, die nicht aus dem Landkreis stammt. Die Kommunikation mit ihr sei mittlerweile "sehr wenig konstruktiv", sagte Ernst am Dienstag im Bau- und Stadtentwicklungsausschuss des Stadtrats.
Mängel fielen dem Stadtbaumeister erstmals im Frühjahr auf, und zwar am Dach über dem Holzbau. Von dort sei das Wasser in die Aula gelaufen, sagt er. Später wurden weitere undichte Stellen bemerkt - "peu à peu", wie Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) mitteilt. Zwar wurde das schadhafte Dach punktuell aufgemacht, aber um einen Gesamtüberblick zu bekommen und eine Schadenssumme benennen zu können, "muss alles geöffnet werden", so Mehner. Und weil der Winter naht, muss dafür erst einmal ein wetterfestes, also schneetragendes Schutzzelt über den Neubau gespannt werden.
Eine Baufirma hat per Vertrag ein fehlerfreies Werk abzuliefern, muss aber nachbessern können, wenn Mängel auftreten. In die Ausschreibung habe die Stadt verschiedene Qualitätsanforderungen reingeschrieben, sagt Mehner. Aber schlussendlich müsse sie den günstigsten Anbieter nehmen. Und wenn dieser Fehler macht, "können wir nicht sagen, wir reißen selbst alles weg". Nur im Rahmen der Gewährleistung könne man auch Geld zurückholen.
Die Stadt hat die Dachdecker bislang mit Abschlägen je nach Baufortschritt bezahlt, nachdem der Architekt des Neubaus die Rechnungen geprüft hatte. "Wir haben ein Werk bestellt, das fertiggestellt werden muss, und wir müssen die Möglichkeit geben, nachzubessern." Das hat die Dachdeckerfirma an der Jahnschule anfangs auch versucht. "Aber nur mit kleineren Aktivitäten", sagt Ernst. "Und mit mäßigem Erfolg", ergänzt der Bürgermeister. Als die Stadt erkannte, dass die Firma das schadhafte Dach jedoch nicht zurückbauen und auch sonst nichts weiter tun mochte, kündigte sie den Vertrag.
Seither dreht sich die leidige Angelegenheit im Kreise: Die Dachdecker schieben den Schwarzen Peter weiter zu anderen Gewerken wie den Zimmerern, die Stadt hat Gutachter bestellt, die Gegenseite auch. Außerdem gibt es da noch die Versicherung der Firma, die wie üblich erst mal nicht zum Zahlen bereit ist. Nicht auszuschließen also, dass der Streit vor Gericht landet. Der Dachdecker, sagt Ernst, habe jedenfalls Hausverbot auf der Baustelle, "jeder Schritt wird jetzt dokumentiert".
Zuvor muss aber erst einmal das Schutzdach für den Winter her. Die Stadt hat diesen Job im VOB-Verfahren (Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen) beschränkt ausgeschrieben, um die Suche nach einer Firma zu beschleunigen. "Dann werden wir das Dach öffnen, die Schäden komplett feststellen und alles austrocknen." Dies sieht auch das Sanierungskonzept vor, das der Architekt gerade erstellt. Mit der Mängelbeseitigung will man eine andere Firma beauftragen, aber auch dies muss zunächst ausgeschrieben werden. Ein privater Bauherr, sagt Mehner, könne da viel schneller handeln.
Das Problem mit dem undichten Dach verzögert den Neubau an der Jahnschule. Dadurch kommen andere Baufirmen in Verzug, die ihre Terminpläne haben oder auch Lagerflächen vorhalten, zum Beispiel für die neuen Schulmöbel. "Diese Firmen werden bei uns anklopfen und sagen, dass sie mehr Geld wollen", prophezeit Ernst. Hinzu kämen ja noch die Kosten für Gutachter und Rechtsanwalt. Auch der Zeitplan auf der Baustelle gerät ein wenig ins Rutschen: Erst wenn der neue Schultrakt steht, können die restlichen Punkthäuser abgerissen werden. Und erst danach kann der Rest der Freianlagen vor dem neuen Kindergarten nebenan gestaltet werden, der Vorplatz, der Teich, die Spielgeräte, die Rad- und Fußgängerwege zum Krottenbach.
Immerhin ist die halb ins Souterrain des Neubaus versenkte Turnhalle seit Schuljahresbeginn fertig. Und Ende Oktober, vielleicht Anfang November soll auch die Tölzer Stadtkapelle erstmals im neuen Proberaum üben können. Umso mehr bedauerte Zweiter Bürgermeister Michael Lindmair (FWG) im Bauausschuss die Probleme mit dem undichten Dach: "Das ist schade, weil wir mit dem Bau so gut angefangen haben - und jetzt das."
