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Bauen in Bad Tölz:Kontroverse um das Kurviertel

Bei einer Podiumsdiskussion der Freien Wähler über die Zukunft des Badeteils tauschen Anton Hoefter, Vorsitzender der Jod AG, Rathauschef Josef Janker und Bürgermeisterkandidat Michael Lindmair bekannte Standpunkte aus

Die denkmalgeschützte Wandelhalle ist sanierungsbedürftig, nebenan sprießen Büsche zwischen den Platten des Parkplatzes, das Alpamare-Areal liegt brach und der Jodquellenhof ist schon lange kein Hotel mehr: Der jahrelange Streit zwischen der Jodquellen AG und der Stadt Bad Tölz zeigt mitten im Badeteil deutliche Spuren. Wie soll es mit dem Besitz der Jod AG und dem Stadtviertel weitergehen? Darum rankte sich die Podiumsdiskussion über die "Zukunft des Badeteils", die von der Freien Wähler Gemeinschaft (FWG) am Dienstagabend in der Alten Schießstätte veranstaltet wurde. Mehr als 120 Zuhörer drängten sich eng aneinander im Saal des Gasthauses. Das hatte seinen Grund: Neben dem FWG-Bürgermeisterkandidaten Michael Lindmair saßen sich in Anton Hoefter, dem Vorsitzenden der Jodquellen AG, und Bürgermeister Josef Janker (CSU) die zwei Antipoden des Streits gegenüber.

Alle drei durften zunächst ihre Vision schildern, wie das Gebiet zwischen Vichyplatz und Kurhaus im Jahr 2030 aussehen soll. Hoefter begann den imaginären Spaziergang mit einem kleinen Café und einer Markthalle im Kleinen Kurhaus, sprach von spielenden Kindern auf der Ludwigspromenade, links und rechts des Weges haben sich für ihn kleinere und größere Firmen angesiedelt, in das Rondell der Wandelhalle ist eine Gastronomie eingezogen, aus dem Kurpark wurde eine Art Englischer Garten. Gegen dieses Bild hatten Lindmair und Janker nicht viel einzuwenden. Allerdings mit einer entscheidenden Ausnahme: Beide wollen ein Hotel im Jodquellenhof. Genau das kommt für Hoefter allerdings nach wie vor nicht in Frage.

In zwei Bebauungsplänen für die linke und für die rechte Seite der Ludwigspromenade - hier der Jodquellenhof und das Alpamare-Gelände, dort die Wandelhalle und der Herderpark - hat der Stadtrat eine touristische Nutzung festgeschrieben. Gegen beide Pläne laufen Normenkontrollklagen der Jod AG. Hinter dem Zerwürfnis verbirgt sich eine konträre Sicht von Bad Tölz als Touristenort, die wiederum auf unterschiedlichen Interessen fußt. Tourismus in der alten Kurstadt ist für den Unternehmer Hoefter nur "der romantisch verbrämte Blick zurück". Tölz sei weder am Meer noch in den Bergen gelegen, schöne Wanderwege und eine attraktive Einkaufsstraße seien zu wenig, sagte er. Die Übernachtungszahlen seien in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent zurückgegangen, während sie in Oberbayern um 30 Prozent stiegen. Und mit einer Bettenauslastung von unter 40 Prozent im Schnitt brauche man auch kein neues Hotel. Stattdessen solle sich die Stadt mit ihrer guten Infrastruktur und der Nähe zu München darum bemühen, neue Unternehmen anzulocken - "das ist die Zukunft".

Dem widersprachen Janker und Lindmair. Der Bürgermeister gestand ein, dass die Transformation von der Sozialkurstadt zu einer modernen Tourismus-Destination kompliziert sei. Aber die rund 330 000 Übernachtungen pro Jahr (800 000 waren es zu Kur-Zeiten) würden nun von Gästen generiert, die selbst zahlen. Außerdem sei die Bettenauslastung in Tölz nicht schlechter als etwa in Tegernsee. Auch Lindmair glaubt an die Zukunft des Fremdenverkehrs in der Kreisstadt. Ein neues Hotel wäre für ihn "ein Magnetbetrieb, der andere Beherbergungsunternehmen befeuert". Tölz sei eine schöne Stadt und habe "eine super Lage", sagte er.

Dieser Zuversicht hielt Hoefter entgegen, dass es seit 2010 in Deutschland einen Hotel-Boom gegeben habe, aber von den Investoren habe sich niemand auf Tölz festgelegt. "Die Wertdifferenz zwischen Wohnen und Hotel ist hier sehr groß", sagte er. "Ein Hotel lässt sich nur schwer entwickeln." Allenfalls dann, wenn man das Grundstück von der Stadt fast geschenkt bekomme - "aber das ist nicht Aufgabe der Kommune". Bei dem Vorhaben der Eheleute Tien auf der Wackersberger Höhe sei das nicht passiert, betonte Janker. Im Übrigen verwies er darauf, dass die Hotelprojekte in Tölz nicht mangels Investoren geplatzt seien. So seien die Pläne an der Arzbacher Straße der Firma Arcus und am Bichler Hof des Tölzer Unternehmers Hubertus Hörmann am Widerstand der Bürger gescheitert. Außerdem gebe es noch die Firma Merz Objektbau aus Aalen, die zwei Hotels an der Bockschützstraße bauen will.

Für die Wandelhalle hatte Hoefter ein Wohnbaukonzept erstellt, das die Billigung des Landratsamtes und des Landesamtes für Denkmalpflege hatte. Die Stadt forderte hingegen erst einmal ein Gesamtkonzept, das auch den Herderpark umfasst. "Erst Wandelhalle mit Wohnbebauung, dann Wohnbebauung auf den Parkplätzen, und dann noch im Herderpark - dadurch ist das Ganze gestorben", erklärte Janker. Auch Stadtrat Willi Streicher würden "das Herz bluten", wenn der Herderpark zugebaut würde. "Wir wollen den Großteil des Parks schützen, wir wissen, dass der Park schon Qualität in sich hat", erwiderte Hoefter.

Die Podiumsdebatte drehte sich indes nicht ausschließlich um die Immobilien der Jod AG, sondern auch um den Badeteil an sich. 33 Prozent der Bewohner sind dort inzwischen älter als 60 Jahre, das Viertel wird zunehmend zu einer Seniorenresidenz. Das liegt auch an den vielen Wohnbauprojekten: In die meist hochpreisigen Domizile zogen oftmals wohlhabende Senioren. Auch Hoefter wünscht sich "eine bessere Durchmischung" des Kurviertels, also mehr Familien und junge Leute. Ob er sich denn dazu einen städtebaulichen Vertrag für seinen Grundbesitz vorstellen könne, fragte Moderator Tobias Fuhrmann, Stadtratskandidat der FWG. Immerhin hatte die Jod AG an einen Bauträger verkauft, der dann teure Wohnungen an der Wilhelmstraße errichtete. Ein solcher Vertrag sei möglich, müsse aber genau ausgefeilt werden, zeigte sich Hoefter zurückhaltend.

Eine düstere Szenerie wie in Bad Heilbrunn, wo das Kurhotel jahrelang mit vernagelten Fensterkreuzen dastand, soll es im Tölzer Badeteil trotz des langsamen Verfalls nicht geben. "Wir wollen keinen Stillstand", sagte Hoefter. Eine Annäherung der Standpunkte hatte die Podiumsdiskussion am Ende nicht gebracht. Vor solchen Erwartungen hatte Moderator Fuhrmann gleich zu Beginn gewarnt. "Aber wir können einen ersten Schritt machen." Vielleicht war es ja ein halber.