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Geschichte in Wolfratshausen:Lebendiger Erinnerungsort

Reihe Begegnungen im Badehaus Dagmar Nick Emanuel Rüff Wolfratshausen Waldram

Die Nachkriegslyrikerin und Zeitzeugin Dagmar Nick, hier mit Emanuel Rüff, war der erste Gast der neuen Reihe "Begegnungen im Badehaus".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ein Jahr nach der Eröffnung des Badehauses spricht die Lyrikerin Dagmar Nick über ihre Jugend in Deutschland zur Zeit der Nazi-Diktatur. Die Vereinsvorsitzende Krafft mahnt mehr Unterstützung für das Museum an

Zum ersten Geburtstag hat der Badehausverein sich selbst, aber auch Gästen aus der Kommunalpolitik und Verwaltung sowie Freunden und Gönnern ein ganz besonderes Geschenk überreicht: den Besuch der Zeitzeugin und Dichterin Dagmar Nick. Die 93-Jährige, die zu den wichtigsten Lyrikerinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte zählt, beschrieb mit fester Stimme, stets mit einem feinen Lächeln um die Lippen und in aufrechter Haltung in einer szenischen Lesung ihre Jugend in Nazi-Deutschland. Eines ihrer bekanntesten Gedichte "Flucht" wurde von Erich Kästner publiziert.

Im inzwischen weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannten Erinnerungsort Badehaus im Wolfratshauser Stadtteil Waldram strahlte die Vorsitzende des Vereins, Sybille Krafft, über das ganze Gesicht. Sie begrüßte am Sonntag jeden Gast mit Handschlag und fasste in ihrer Festrede zusammen, was diesen Ort ausmacht.

Genau vor einem Jahr, am 20. Oktober 2018, wurde am Kolpingplatz das ehemalige Badehaus der Displaced Persons als Erinnerungsort eröffnet. Es setzt nicht nur den überlebenden Juden des Lagers Föhrenwald, sondern auch den Zwangsarbeitern und Heimatvertriebenen ein sehr persönliches, intensives und anschauliches Denkmal. Krafft meinte, dass es ihr vorkommt, dass nicht nur ein Jahr vergangen sei, sondern das Museum schon ewig bestünde. Gleichwohl habe der Kampf um den Erhalt dieses besonderen Ortes gute neun Jahre gedauert - mit Genehmigungen, Sanierung und Umbau. Im rasch gegründeten Verein, mit derzeit stattlichen 460 Mitgliedern, habe man oft gezweifelt aber auch gehofft, ob das umfangreiche Projekt überhaupt zu bewältigen sei. Krafft griff auf den wohl bekanntesten Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel zurück. Der Verein habe nämlich beschlossen: "Wir schaffen das!".

Mit der Lyrikerin Nick begann die neue Reihe "Begegnungen im Badehaus". In diesem Rahmen plant Krafft künftig einmal im Monat Veranstaltungen mit Zeitzeugen, Lesungen, Filmen, Szenen "und was uns sonst noch einfällt, um damit neue Impulse zu setzen". Denn Besucher sollten nicht nur Museumsluft schnuppern. Vielmehr solle das Badehaus als "lebendiger Ort der Erinnerungen für Alt und Jung, Mitglieder aller Religionen und Nationen" weiter auf sich aufmerksam machen.

Die Vorsitzende freute sich sichtlich, dass sie im vollbesetzten Raum der "Bäume der Erinnerung" im Obergeschoss relativ viele Kommunalpolitiker begrüßen konnte. Auch Anita Zwicknagl und ihre Assistentin Melanie Großmann vom Geretsrieder Kulturamt waren unter den Gästen. Krafft betonte, dass die beiden Städte zumindest auf kultureller Ebene gut zusammenarbeiteten. Die Vorsitzende kritisierte aber auch mangelnde Unterstützung und richtete sich direkt an die kommunalpolitischen Gäste: "Keinen Cent hat das Museum heuer bekommen, weder von der Stadt, dem Landkreis, Bezirk ober der Staatsregierung. Wir brauchen jedoch Hilfe", sagte sie. Allein Ehrenamtliche stemmten alles. "Wir sind am Anschlag. Es ist ein Wahnsinn, was wir leisten müssen." Immerhin habe man im Eröffnungsjahr gut 3500 Besucher aus aller Herren Länder begrüßen können. Ebenso hätten die Vereinsmitglieder 200 reguläre sowie besondere Führungen für Schulklassen oder Gruppen organisiert und begleitet.

Diese Einlassung war aber der einzige wahrnehmbare Wermutstropfen in dieser eindrucksvollen Veranstaltung mit dem mit vielen Preisen bedachten Ehrengast Nick. Der Vize-Vorsitzende Emanuel Rüff hat die Lyrikerin im Rahmen seines Geschichtsstudiums wiederentdeckt und sie zum Geburtstagsfest des Badehauses für ihre Zeitzeugenberichte und eine Lesung gewonnen. Rüff empfindet die Preziosen der Nachkriegsliteratin als leichtfüßig, aber von besonderer Tiefe.

© SZ vom 22.10.2019

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