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Bad Tölz:Ziemlich beste Freunde

Bad Tölz und Vichy sind seit 50 Jahren in einer Städtefreundschaft vereint. Der Anfang war schwer, schließlich mussten die Initiatoren Ressentiments überwinden. Heute sind die Beziehungen prächtig. Nun muss die Jugend gewonnen werden, die Partnerschaft weiterzutragen

Als er nach Bad Tölz kam, wollte Eric Bardet gar nicht lange bleiben. Ein halbes Jahr, dann zurück nach Vichy. In seiner 936 Kilometer entfernten Geburtsstadt war er unzufrieden mit seiner Arbeitsstelle als Koch, er suchte eine neue Herausforderung und fand Studiendirektor Ernst Schweinberger. Der Lehrer am Tölzer Gymnasium riet ihm, doch in die Partnerstadt zu ziehen und im Kurhaus anzufangen. Bardet dachte eine Weile darüber nach und wagte den Schritt. Eine neue Erfahrung und ein wenig Abenteuer - das waren die Motive, die ihn vor 26 Jahren zu dem Wechsel bewegten. "Ich konnte kein Wort Deutsch", sagt der heute 49-Jährige. "Aber meine Kollegen waren alle sehr nett." Anders als geplant blieb er in Bad Tölz hängen. 1999 heiratete er, bekam zwei Kinder und arbeitet längst als Koch in der Asklepios-Stadtklinik. Seither, sagt er, führe er ein Doppelleben. Die Familie, aus der er stammt, und seine Freunde in Vichy, seine eigene Familie und seine Freunde in Bad Tölz - "ich fühle mich gespalten".

Seit 50 Jahren sind Vichy und Bad Tölz in einer Städtefreundschaft vereint. Das war nicht abzusehen, als Studiendirektor Schweinberger im Jahr 1964 zusammen mit dem damaligen Kreisjugendpfleger Karl Weigl und Kaplan Mooshuber nach Frankreich fuhr, um eine Stadt zu finden, die mit der oberbayerischen Kurstadt verbandelt sein mochte. Sie kamen in die Bretagne - ohne Erfolg. Sie kamen nach Vichy - ohne Erfolg. Sie kamen mit leeren Händen nach Hause. Jedenfalls, was Bad Tölz betraf. Ganz vergebens war ihre Reise nicht, immerhin sprang dabei am Ende die Partnerschaft zwischen den Gemeinden Lenggries und Yffiniac heraus. Es sei eben eine schwierige Zeit gewesen, meint Martin Englert, Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins Bad Tölz - Vichy - San Giuliano Terme. Knapp 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Schrecken der Nazi-Okkupation in der Erinnerung der Franzosen sehr lebendig.

Aber dann klappte es doch noch mit der Städteverbindung: In Jean Sulacroix fand Schweinberger einen Gleichgesinnten in Vichy, wo während des Kriegs das nazi-freundliche Regime unter Maréchal Philippe Pétain residierte. Einfach deshalb, weil die Stadt - unter Napoleon III. zum weltberühmten Bad ausgebaut - mit seinen rund 260 Hotels eine Administration mit etwa 30 000 Beamten beherbergen konnte. Das bekamen die Vichyssois nach dem Kriegsende zu spüren, als Kollaborateure wurden sie von manchen Franzosen geschnitten. "Denen war nicht klar, dass die Leute in Vichy das nicht freiwillig gemacht hatten", sagt Englert.

Die beiden Lehrer Sulacroix und Schweinberger zogen aus dem Grauen die Lehre, die zuvor schon Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in den Élysée-Verträgen niedergelegt hatten: Aus Erbfeinden sollen Freunde werden, die gemeinsam an einem friedlichen Europa bauen. Sulacroix und Schweinberger "waren so verantwortungsbewusst und weitblickend, dass sie das in die Wege geleitet haben", sagt Englert.

Die Ehe zwischen Vichy und Bad Tölz wurde lange sozusagen ohne Trauschein geführt. Zu Pfingsten 1966 fuhren erstmals Tölzer Gymnasiasten nach Frankreich, an Weihnachten gab es den Gegenbesuch aus Vichy. Dies markiert den Anfang der Partnerschaft, die jedoch erst 2004 mit der Unterzeichnung der offiziellen Urkunde durch Bürgermeister Claude Malhuret und Englert besiegelt wurde. Zuvor hatten sich wie in jeder Beziehung gute und schwierige Zeiten abgewechselt. Auf der einen Seite gab es regelmäßig Bürgerfahrten, Sportler- und Musikertreffen, offizielle Schulpartnerschaften, eine Gewerbeschau der Tölzer in Vichy, die Stände von Vichy auf den Tölzer Märkten. 1989 nahmen auch die Krankenpflegeschule beider Städte die ersten Kontakte auf. Andererseits kam es das eine oder andere Mal zu einem Durchhänger. Zum Beispiel im Jahr 1997. Da trat Englert, seinerzeit Kulturreferent des Stadtrats, vor seinen Ratskollegen auf und ließ sie wissen: "Freunde, so geht's nicht weiter."

Bis dahin lag die Pflege der Städtefreundschaft in den Rathäusern. Aber um den Austausch war es "sehr ruhig geworden", wie sich Englert erinnert. Dabei sei es doch gerade in einer solcher Verbindung wesentlich, dass die Politik die Bevölkerung mitnehme. "Wenn das Volk nicht dahinter steht, bringt das gar nichts." Sechs Jahren zuvor hatte man zwar ein Partnerschaftskomitee in Bad Tölz aus der Taufe gehoben, aber allzu viel Konkretes kam Englert zufolge dabei nicht heraus. 2004 wurde dann auf seine Initiative der Städtepartnerschaftsverein gegründet. Vichy und Bad Tölz - das laufe jetzt problemlos, sagt der Vorsitzende. "Die gutnachbarschaftlichen Beziehungen sind zur Normalität geworden."

Fast schon ein wenig langweilig. Bernard Kajdan wünscht sich häufigere Begegnungen. Auch wenn die Partnerschaft sehr gut funktioniere, sehe man die Tölzer Freunde zu wenig, findet der stellvertretende Bürgermeister von Vichy, der für ausländische Beziehungen und Partnerschaften zuständig ist. "Man könnte den Sportaustausch mit den Vereinen, die schon in Vichy waren, oder den Schüleraustausch mit dem Gymnasium wieder zum Leben bringen und die Leute motivieren, die ein echtes Interesse an diesem Austausch haben." Überhaupt geht es ihm darum, dass die Jugend die Freundschaft beider Städte weiterträgt. Diese Generation könne im Internet und in den sozialen Medien virtuell inzwischen schnell überall in der Welt sein, weshalb es eine "große Herausforderung" sei, sie zu realen Treffen mit den Partnern zu bewegen. Damit sie Land und Leute erleben, damit sie feststellen, "dass die Vichyssois und die Tölzer echte Wesen sind, und nicht nur Bilder auf einem Computer oder auf einem Smartphone", meint Kajdan. Auch Englert wünscht sich mehr Zusammenkünfte der Sportvereine. "Da ist es momentan ruhig."

Französische Folklore beim Festzug

Mit 71 Teilnehmern kommt Vichy nach Bad Tölz, um 50 Jahre Städtepartnerschaft zu feiern: Zu der Delegation zählen 55 Musiker der Stadtkapelle "Société Musicale de Vichy", zwölf Tänzer der Folkloregruppe "Vichy et ses Sources", der stellvertretende Bürgermeister Bernard Kajdan, Stadtrat Jean-Louis Guitard mit Frau sowie Jacqueline Brunel, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins "Vichy - Echanges Européens".

Das Jubiläumsfest beginnt am Freitag, 15. Juli, 20 Uhr, mit einem gemeinsamen Abend im Gasthaus Starnbräu. Die Höhepunkte folgen am Samstag, 16. Juli: Die Stadtkapelle und die Folkloregruppe aus Vichy tritt von 10 Uhr an auf dem Vichyplatz und in der Marktstraße auf. Die Aufstellung zum Kirchenzug ist um 14.45 Uhr am Rathaus. Der Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche, den Pfarrer Peter Demmelmair zelebriert, beginnt um 15 Uhr. Die Messe wird von der Tölzer Stadtkapelle musikalisch gestaltet. Danach marschieren alle Teilnehmer in einem Festzug zum Kurhaus, wo um 17 Uhr der Festakt mit Ansprachen angesetzt ist. Um 20 Uhr folgt ein internationaler Abend. Die Feier klingt am Sonntag, 17. Juli, mit einem musikalischen Frühschoppen im Gasthaus Starnbräu (10 Uhr) und einem Auftritt der Gäste aus Frankreich in der Marktstraße (11 Uhr) aus. In Vichy wird das Partnerschaftsjubiläum nächstes Jahr nachgefeiert.sci

Beide schwärmen von der jeweils anderen Stadt. Vichy ist für Englert als Architekten stets eine Reise wert mit all seinem Art deco, seinen Jugendstilbauten, "das ist herrlich". Kajdan kam schon als 13-jähriger Bub nach Bad Tölz und in den folgenden 47 Jahren immer wieder. "Ich mag die Tölzer Atmosphäre, die wunderschöne Landschaft, die Gemütlichkeit der Brauereien oder der Cafés und überall die Gastfreundlichkeit der Tölzer, jedesmal, wenn wir sie besuchen", sagt er.

Und Eric Bardet? Ihn muss man nicht fragen, ob es ihm in Tölz gefällt. Na klar, erwidert er in akzentfreiem Deutsch und ein wenig verwundert, "ich lebe ja seit 26 Jahren hier." In der Beziehung zwischen Vichy und Bad Tölz ist aus seiner Sicht "schon Leben drin", auch wenn er wie Kajdan meint, dass es heute schwierig geworden sei, die Jugend dafür zu begeistern. In seinem Dasein zwischen Hier und Dort ist er in einem allerdings ganz Franzose geblieben. Beim Halbfinale der Fußball-EM zwischen Deutschland und Frankreich, gibt Bardet zu, "bin ich doch blau-weiß-rot".