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Mückenplage:"Nicht unter zehn Stichen"

Menschen, die im Freien arbeiten, leiden besonders darunter: Im Landkreis herrscht in diesem feucht-schwülen Sommer eine lästige Mückenplage. Nur wenige sagen: War was?

Von Erik Häussler und Benjamin Engel, Bad Tölz-Wolfratshausen

Dieses Jahr scheint es besonders schlimm zu sein: Allenthalben hört man im Landkreis Menschen über eine Mückenplage klagen. Der viele Regen und das schwüle Wetter begünstigen die Mücken. Vor allem an stehenden Gewässern sind Mensch und Tier davon betroffen. Aber nicht nur dort. Eine Blitzumfrage.

Der Wassersportler

Selbst jetzt trägt Sascha Berentzen oft lange T-Shirts und Hosen und manchmal auch einen Pullover. So versucht sich der Stationsleiter am Wassersportcenter am Starnberger See in St. Heinrich vor den Mücken zu schützen. In diesem Jahr sei es extrem, selbst in den Büro- und Lagerräumen werde er regelrecht "überfallen und aufgefressen", sagt er. Abends organisierten sie oft Grillsessions. Wenn man sich nicht mit Mückenschutzmitteln einsprühe, sei es kaum auszuhalten, sagt Berentzen. Schlimm sei es auch beim Wäldchen an der Station. Halte er sich nur zwei Minuten dort auf, um zu erklären, wie man ein Segel handhabe, sei er gleich zerstochen. (Das Wassersportcenter bietet Surf- , Segel-, SUP-Kanu- und Kajakkurse an.) Weil Berentzen möglichst ohne chemische Mückenschutzmittel auskommen will, flüchtet er sich auch manchmal zu den Rauchern oder zündet den Grill an. Durch den Rauch würden die Mücken ein wenig vertrieben, sagt er. "Aber unter zehn Stichen komme ich nicht nach Hause."

Die Bäuerin

Die aktuelle Mückensituation verwundert die Kreisbäuerin Ursula Fiechtner wenig. "Es ist Sommer! Vielleicht haben die Leute, die sich beschweren, das noch nicht mitbekommen?", sagt die Rothenrainerin schmunzelnd. Ihrer Meinung nach tragen zur Vermehrung der Mücken die Gartenbesitzer selbst auch bei. Immer mehr hätten kleine Teiche und Tümpel im Garten, die zum Problem werden könnten. Sie selbst habe ihre Regentonne vor dem Schlafzimmerfenster bereits abgedeckt, um den Plagegeistern den Zugang zu den Brutstätten zu erschweren. Von den Bauern gebe es keine Berichte über eine besonders schwierigen Lage: "Die kämpfen gerade eher mit dem Regen, da ist der Kopf bei vielen woanders, nicht bei den Mücken", erklärt sie. Fiechtner selbst ist aber von den Stichen ohnehin nur selten betroffen: "Vielleicht mögen die Mücken mich ja nicht", sagt sie lachend.

Der Ponyhof

Barbara Vorsteher, Besitzerin des Ponyhofs in Dorfen, profitiert von der Lage ihres Hofs: "Hier geht immer ein leichter Wind, da ist das Problem dann grundsätzlich aushaltbar." Gut vorbereitet ist sie dennoch. "Wir verwenden Anti-Insekten-Spray und -Gels, sowohl für die Tiere, als auch welche für die Menschen", erklärt Vorsteher. Gänzlich sei das Problem damit aber nicht gelöst: "Dann kommen die Mücken zwar nicht an uns ran, schwirren aber eben im Abstand von zwei bis drei Zentimetern um einen rum. Da wird man trotzdem ganz wuschig." Auch für die Pferde sind die Mücken ein Problem, vor allem die Kriebelmücken. Barbara Vorsteher versucht alles, um den Pferden zu helfen: "Wir verwenden entsprechende Decken zum Schutz. Wenn wir das nicht machen, schubbern die Pferde sich das Fell ab, bis sie offene Stellen haben. Das ist aber von Tier zu Tier unterschiedlich. Manche sind mit Pusteln übersät und andere haben gar nichts." Helfen könnten den Tieren eventuell einige Forscher. Die hätten beobachtet, dass Zebras seltener gestochen würden, das liege wohl am Streifenmuster, erklärt Ponyhof-Besitzerin Vorsteher. Deshalb wurden spezielle Decken in Zebra-Optik entwickelt. "Wir haben zwar solche Decken nicht, weil sie sehr teuer sind. Aber vielleicht ist das ja für manche einen Versuch wert", sagt sie. Dass sie auch für den Menschen wirken, ist aber wohl noch nicht bewiesen.

Die Gärtnerei

Die Gärtnerei Holzmann am Hofgut Letten bei Bad Heilbrunn kämpft stark mit der Mückenplage. Durch den vielen Regen und die warmen Temperaturen werde die Anzahl der Mücken begünstigt. Das sei dieses Jahr gefühlt schlimmer als in der Vergangenheit, erklärt der Inhaber der Gärtnerei, Michael Holzmann: "Untertags ist es unproblematisch, wenn es trocken ist. Für uns ist es aber besonders unglücklich, weil wir in der Früh raus müssen auf die Felder. Da ist heftig. Gerade die Kriebelmücke ist ganz ekelhaft. Die fliegen ständig um einen rum, fliegen in die Nasen und hinterlassen überall kleine Stiche", sagt der 42-Jährige. Das sei sehr unangenehm, weil auch Anti-Mücken-Cremes nicht helfen. Weitreichende Schutzmaßnahmen sind aber schwierig umzusetzen: "Klar, man könnte sich auch mit Imker-Netzen schützen, aber dann wird das Arbeiten natürlich schwer." Man arbeite eben im Freiland und müsse sich da mit den natürlichen Umständen auseinandersetzen, sagt Michael Holzmann etwas resigniert.

Desinfizieren und kühlen

Die gefürchtete Tigermücke, die das Denguefieber übertragen kann, ist im Landkreis noch nicht gefunden worden, wie Franz Hartmann sagt, Leiter des Amts für Humanmedizin. Die Kriebelmücken, die es hier sehr wohl gibt, sind aber unangenehm genug. Sie fliegen lautlos an, man spürt auch nicht, dass sie auf der Haut landen. Richtig fies: Die Kriebelmücken stechen nicht, sondern beißen die Haut auf und saugen das auslaufende Blut auf. Zuweilen fallen ganze Schwärme über Mensch und Tiere her, was zu ernsten Problemen führen kann. Die Bisse jucken oft stark, man ist versucht zu kratzen, dadurch können Bakterien die Wunde infizieren.

Hartmann rät dazu, Stiche und Bisse zu desinfizieren und zu kühlen. Man kann auch versuchen, sie mit Hausmitteln zu behandeln. Empfohlen werden etwa zerquetschte Blätter des Spitzwegerichs, mit denen man sich einreiben kann. Auch eine aufgeschnittene Zwiebel oder Essig werden empfohlen. Hartmann tendiert als Mediziner eher zu handelsüblichen alkoholischen Desinfektionsmitteln.

Um sich zu schützen, empfiehlt er, die Haut zu bedecken: Also langärmelige Oberteile, lange Hosen und Socken. Insektenabwehrmittel könne man ausprobieren, sagt er. Gefährlicher als die Mücken seien aber die Zecken: "Die gefährlichsten Tiere, die es bei uns gibt." Denn sie übertragen die Bakterieninfektion Borreliose. Hartmann rät, Zecken so schnell wie möglich zu entfernen, die Bissstelle zu desinfizieren und danach lange zu beobachten. Tritt eine Schwellung oder Rötung auf, kann der Arzt die Infektion mit Antibiotika gut bekämpfen. Zecken gebe es heuer aber nicht mehr als sonst auch, sagt Hartmann - anders als Mücken. ihr

Die Jugendsiedlung

Glück haben die Kinder und Jugendlichen in der Jugendsiedlung Hochland. Die Leitung der Einrichtung gibt Entwarnung, es gebe keine erhöhte Plage. Keiner der Betreuer habe in der Hinsicht anderes rückgemeldet. Die Natur scheint auf der Seite der Jugendlichen, ist Leiter Josef Birzele überzeugt. Ein stehendes Gewässer sei nicht in der Nähe und die Umstände für die Vermehrung der Mücken seien ungünstig: "Eine Erklärung meinerseits ist die sehr intakte Natur hier bei uns. Mit den Vögeln, Igeln und so weiter können sich Mücken gar nicht erst aufbauen." Trotzdem arbeite man auch selbst daran, dass diese problemlose Situation bestehen bleibt. "Wir beugen vor, indem wir die Zeltplätze immer gut gemäht halten, dann können sich dort keine Mücken ansiedeln. Ansonsten haben unsere Betreuer immer etwas Mückenspray dabei, um bei den Kindern vorzubeugen. Und ein rauchendes Lagerfeuer hilft auch immer", weiß der Sozialpädagoge.

Das Lokal am Weiher

Ganz entspannt ist der Inhaber des Waldhauses am Deiniger Weiher, Markus Tschurtschenthaler: "Mückenplage? Ist das denn irgendwo ein Problem?", fragt er überrascht. Es sei wie sonst auch, eventuell etwas mehr. Trotz der direkten Seelage seien Mücken hier noch nie ein Problem gewesen: "Das hat uns selbst ganz verwundert, weil wir auch dachten, das könnte mal ein Problem werden, aber wir haben hier keine prekäre Situation", pflichtet der Bruder Sebastian Tschurtschenthaler bei. Deshalb sehe man auch keinen Grund, irgendwelche Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Keine Mücken, keine Beschwerden - keine Probleme.

© SZ vom 16.06.2015

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