Serie zur Europawahl 2024Millionen für den Landkreis

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Leader ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, das Bürgerinnen und Bürger vernetzen und ländliche Regionen stärken soll.
Leader ist ein Förderprogramm der Europäischen Union, das Bürgerinnen und Bürger vernetzen und ländliche Regionen stärken soll. (Foto: oh)

Als „Leader-Region“ profitiert Bad Tölz-Wolfratshausen von Fördermitteln der Europäischen Union für den ländlichen Raum. Finanziert werden Projekte, die sonst keine Chance auf Zuschüsse hätten. Doch nicht alles lässt sich auch verwirklichen.

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz-Wolfratshausen

Es ist ein Hobby und ein großer Dienst an der Gesellschaft: Leben retten. Ehrenamtliche Bergretter rücken regelmäßig aus, um im Frühjahr und Sommer Wanderern, Bergsteigern oder Gleitschirmfliegern in Not zu helfen. In den Wintermonaten sind sie für verunglückte Wintersportler da. Nicht allein eine schlechte Ausrüstung spielt bei Unglücken eine Rolle. Oft überschätzen sich die Freizeitsuchenden. Herzinfarkte, Kreislaufversagen, Abstürze können Ursachen sein, dass Menschen in den Bergen auf Hilfe angewiesen sind – nicht immer kommen die Ehrenamtlichen rechtzeitig: Zwischen Mai und November 2023 starben 72 Menschen in den oberbayerischen Alpen. Damit die Aktiven des Bayerischen Roten Kreuzes ihre Einsätze bestens ausgebildet meistern, gibt es in Bad Tölz ein Bergwacht-Zentrum. So ein Projekt ist ohne Zuschüsse kaum zu stemmen. Da kommt die Europäische Union ins Spiel. Mehr als 320 000 Euro gab es für den Neubau aus dem Topf des „Leader“-Programms.

„Leader“ ist die Abkürzung für „Liaison Entre Actions de Développement de l‘Économie Rurale“ (Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der Ländlichen Wirtschaft) und dient der Entwicklung ländlicher Regionen. Finanziert wird das Programm größtenteils durch den „Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des Ländlichen Raums“ (Eler). Beim Begriff „ländlicher Raum“ mag so mancher Fuchs und Hase vor Augen haben, die sich gute Nacht sagen. Das freilich trifft selten die Realität. Vielmehr sind ländliche Regionen der Wohn- und Arbeitsort vieler Menschen. Sie sind Kulturlandschaften und Erholungsgebiete und haben daher eine zentrale Bedeutung – auch für Städterinnen und Städter.

Gleichwertige Lebensbedingungen

Von einer schönen Natur allein kann man jedoch nicht leben. Oft fehlt es an Infrastruktur, etwa, wenn es keine Nahversorgung mehr gibt. Eine Aufgabe des Bundes und der Länder besteht daher darin, gleichwertige Lebensbedingungen für alle Bürgerinnen und Bürger zu schaffen – egal, wo sie wohnen und arbeiten. Und ein Weg, ländliche Regionen zu stärken, ist das Leader-Programm. In Bayern ist Leader angesiedelt beim Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus.

Luftrettungstraining mit dem Simulationshelikopter im Bergwacht-Zentrum Bad Tölz, in dessen Bau mehr als 300 000 Euro aus Leader-Mitteln geflossen sind.
Luftrettungstraining mit dem Simulationshelikopter im Bergwacht-Zentrum Bad Tölz, in dessen Bau mehr als 300 000 Euro aus Leader-Mitteln geflossen sind. (Foto: Manfred Neubauer)

Seit 1991 setzt sich die Europäische Union dafür ein, ländliche Regionen zu stärken. Konkret geht es darum, die Zusammenarbeit in solchen Räumen zu verbessern, die Bürgerinnen und Bürger bei der Auswahl der Projekte zu beteiligen und sie untereinander zu vernetzen. Letztlich sollen sich die Regionen mit innovativen Ideen fit für die Zukunft machen. Eine Förderperiode erstreckt sich über mehrere Jahre. Akteure aus ländlichen Regionen können sich zu Beginn einer Periode zu einer Lokalen Aktionsgruppe (LAG) zusammenschließen und mit einer Lokalen Entwicklungsstrategie (LES) als Leader-Region bewerben. Die LAG Bad Tölz-Wolfratshausen besteht seit 2006 und ist seit 2007 als eingetragener Verein organisiert. Mitglieder sind der Landkreis selbst wie auch alle 21 Städte und Gemeinden. Mit von der Partie sind ebenfalls Verbände, Unternehmen und momentan drei Privatpersonen.

Die Entwicklungsstrategie umfasst in der aktuellen Förderperiode von 2023 bis 2027 vier Handlungsfelder: Stärkung des sozialen Miteinanders und Ausbau des Kultur- und Bildungsangebots; Schutz der Umwelt, des Klimas und der Biodiversität; regionale Wirtschaft, Wertschöpfungsketten, nachhaltige Flächennutzung und Land- und Forstwirtschaft; sowie als Letztes Entwicklung zu einem nachhaltigen Tourismus- und Lebensraum mit naturfreundlicher Naherholung, Freizeitmöglichkeiten und vernetzender Mobilität.

Auch der Kräuter-Erlebnis-Park in Bad Heilbrunn wurde von Leader-Mitteln gefördert.
Auch der Kräuter-Erlebnis-Park in Bad Heilbrunn wurde von Leader-Mitteln gefördert. (Foto: Manfred Neubauer)

Diese definierten Ziele klingen recht abstrakt. Was sie aber konkret bedeuten, zeigt ein Überblick auf bereits umgesetzte Projekte seit dem ersten Förderzeitraum, der im Jahr 2007 begann. Die Palette ist breit und reicht vom Kräuter-Erlebnis-Park Tölzer Land in Bad Heilbrunn über den Bewegungsparcours in Geretsried, das Willkommenszentrum im Kloster Benediktbeuern, die Erinnerungsstätte Badehaus Waldram-Föhrenwald und den Bergwaldlehrpfad in Wolfratshausen bis zu einem Kooperationsprojekt der oberbayerischen Landkreise Rosenheim, Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen namens „Baukulturregion Alpenvorland“, das mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft die Qualität der Baukultur in dieser Region nachhaltig verbessern soll.

Andreas Wüstefeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus" und LAG-Manager.
Andreas Wüstefeld, Leiter des Tölzer Land Tourismus" und LAG-Manager. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Wer die Idee für ein förderfähiges Projekt hat, wird im Verfahren begleitet, von der Genehmigung durch den Lenkungsausschuss bis zum Absenden des Förderantrags und darüber hinaus. Ansprechpartner ist Andreas Wüstefeld, Chef des „Tölzer Land Tourismus“ und LAG-Manager. Manchmal, erzählt er, kämen die Antragsteller direkt zu ihm. Oder sie unterbreiteten ihrem Bürgermeister ihren Vorschlag, der ihn wiederum an die LAG weiterreiche. „Egal, wie rum. Je früher die Leute mit ihrem Antrag zu uns kommen, umso besser“, sagt Wüstefeld. Schließlich sei so ein Vorhaben nicht in ein paar Wochen umgesetzt. Und eine gewisse Flexibilität erleichtere das Antragsverfahren. Für dieses gebe es „harte Fristen“, so der LAG-Manager. Alle Anlagen samt Projektbeschreibungen müssten komplett eingereicht werden. Vom Tag der Bewilligung an muss die Umsetzung dann innerhalb eines Vierteljahres erfolgen. Wüstefeld rät allen, die eine Idee einreichen möchten, an diesen kurzen Zeitraum zu denken, wenn das Vorhaben von Stadtrats- oder Gemeinderatsbeschlüssen, Gutachten oder Umweltuntersuchungen abhängt. „Das geht nicht von heute auf morgen. Daher ist es gut, wenn all solche Fragen vor der Antragstellung geklärt sind, wie auch eine exakte Kostenaufstellung.“

Der Erinnerungsort Badehaus in Waldram hat ebenfalls von den EU-Zuschüssen profitiert.
Der Erinnerungsort Badehaus in Waldram hat ebenfalls von den EU-Zuschüssen profitiert. (Foto: Manfred Neubauer)

Leader-Projekte müssen einen „öffentlichen Nutzen“ haben. Ein Vereinsheim würde zum Beispiel nicht gefördert, betont Wüstefeld. Deswegen stellten die Schützen in Linden den Antrag für einen Zuschuss für ein Gemeinschaftshaus. „Das dient als Wahllokal und steht für Veranstaltungen offen“, berichtet Wüstefeld. Auch die Sternwarte in Königsdorf sei nicht nur Mekka für Himmelsgucker: „Dort gibt es Schulungsräume.“

Wertschätzung für Ehrenamtliche

Über die Förderperioden hinweg sei „hübsch die gleiche Summe“ in den Landkreis geflossen. „Immer etwa 1,5 Millionen Euro. Das ist toll, denn mit den Mitteln werden Projekte gefördert, die sonst kein Geld bekämen“, betont der LAG-Manager. Wüstefeld verweist auf das Bergwacht-Zentrum in Bad Tölz. Förderungen würde die Organisation im Normalfall für Ausrüstung oder Fahrzeuge erhalten, aber nicht für bauliche Maßnahmen. „Das Zentrum gefördert zu bekommen, bedeutet sehr viel Wertschätzung für die Arbeit der Ehrenamtlichen.“ Im Übrigen hege er größten Respekt für alle, die so ein Vorhaben auf die Beine stellen.

Die Wolfratshauser Surfwelle sollte am Kanal der Loisach in Weidach entstehen, doch daraus wurde nichts.
Die Wolfratshauser Surfwelle sollte am Kanal der Loisach in Weidach entstehen, doch daraus wurde nichts. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Doch es gab auch Flops in der Vergangenheit. „Das Aus für die Surfwelle in Wolfratshausen war hart“, sagt Wüstefeld. „Das war eine große Enttäuschung.“ Zweimal sei das Vorhaben im Lenkungsausschuss besprochen worden. Letztlich hätten die Corona-Pandemie und die Kostensteigerungen im Bausektor den Bau der stehenden Welle auf dem Loisachkanal verhindert. Die Attraktion hätte Wolfratshausen gutgetan, glaubt Wüstefeld, insbesondere in Sachen Sport- und Jugendförderung. „Es gibt in jeder Förderperiode eine Idee, die scheitert“, sagt er und erinnert an den geplanten Ausbau der „Alten Apotheke“ in Benediktbeuern.

Das EU-Programm aber geht weiter. Für die aktuelle Förderperiode gebe es bereits Ideen. „Es sind etwa zehn Projekte in der Pipeline“, berichtet Wüstefeld, darunter auch eine Pumptrack-Bahn in Geretsried. Mehr möchte er nicht verraten. Pro Vorhaben gibt es 275 000 Euro netto, die unter bestimmten Voraussetzungen auf maximal 375 000 Euro aufgestockt werden. Ein Projekt muss mindestens 7000 Euro kosten, um zuschussfähig zu sein. In den Regularien gibt es auch eine Neuerung: Die Zweckbindungsfrist, die vormals zwölf Jahre betrug, wurde auf fünf Jahre verkürzt.

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Freizeit im Oberland
:Ausgesurft

Die Welle in Wolfratshausen wird nicht gebaut, der Stadtrat hatte das Projekt aus finanziellen Gründen im Juni endgültig gekippt. Nun kündigt auch der Verein, der das Projekt seit neun Jahren forciert hatte, seine Auflösung an. Spenden werden rückabgewickelt.

Von Claudia Koestler

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