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Bad Tölz-Wolfratshausen:Kooperation statt Keule

Auch die Max-Villa in Ammerland am Starnberger See hat der Tölzer Kreisbaumeister Andreas Hainz auf seiner Projektliste. Das geschichtsträchtige Gebäude steht seit 20 Jahren leer, die Eigentümerin lässt es zusehends verfallen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Um Denkmalbauten gibt es immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Mit einem wegweisenden Pilotprojekt will der Tölzer Kreisbaumeister Andreas Hainz Streit zwischen Behörden und Eigentümern künftig verhindern

Von Henri Hoschar, Bad Tölz-Wolfratshausen

Das Verhältnis zwischen Denkmalschützern und den Eigentümern geschützter Gebäude ist nicht immer einfach. Wird der Denkmalschutz penibel ausgelegt, verhindert das oft größere Umbauten. Manche Denkmalbesitzer lassen ihre Schmuckstücke im äußersten Fall deshalb sogar willentlich verfallen. Die historisch bedeutsame Bausubstanz rottet dann so lange vor sich hin, bis sie nicht mehr zu retten ist. So ähnlich passiert es gerade mit der Max-Villa in Ammerland, die mittlerweile seit über 20 Jahren leer steht.

Die Villa aus der Gründerzeit gehörte dem berühmten Maler und Affenliebhaber Gabriel von Max (1840-1915). 1996 wurde das Haus von einer Münchnerin erworben, die bis heute insgesamt drei Abrissanträge gestellt hat, von denen bis jetzt alle abgelehnt wurden. Was ist also in so einem Fall das richtige Vorgehen? Denn, dass Eigentümer eines Denkmals, die ihr Haus wieder bewohnbar machen möchten, sich oft so fühlen, als würden die Behörden ihnen Steine in den Weg legen, ist auch bekannt: Jede noch so kleine Veränderung muss in der Regeln mit den Ämtern abgesprochen werden. Zielführend ist das nicht. Denn eine denkmalgerechte Sanierung ist teuer. Das liegt unter anderem daran, dass man durch Auflagen verpflichtet wird, bestimmte Materialien zu verwenden, die in Einklang mit der Historie des Bauwerks stehen.

Den Problemen, die sich im modernen Denkmalschutz auftun, versucht der Tölzer Kreisbaumeister Andreas Hainz nun mit einem neuen Konzept entgegenzutreten. Das Projekt: "Denk mal - kulturelle Identität erhalten, schützen, leben" setzt nämlich an genau dieser Stelle der Debatte an. Neben Urheber Hainz und dem Tölzer Landratsamt als Unterer Denkmalschutzbehörde ist auch das Bayrische Landesamt für Denkmalpflege beteiligt. Ziel des Projekts, das erstmals hier im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen erprobt wird, soll eine bessere Zusammenarbeit mit den Denkmalbesitzern sein.

Bayerns Generalkonservator Mathias Pfeil zeigt sich angetan von dem neuen Projekt: "Das Besondere und Reizvolle an diesem Konzept ist es, mit der intensiven Einbindung der Bauherren gemeinsam eine Lösung zum Erhalt des Denkmals zu erarbeiten, ohne sofort auf die uns zur Verfügung stehenden Rechtsmittel zurückgreifen zu müssen", sagt er. Pfeil möchte das Projekt deshalb auch allen anderen bayerischen Landkreisen weiterempfehlen. Bei ersten Erfolgen des Pilotprojekts soll auch eine Broschüre dazu entstehen, so Initiator Andreas Hainz.

Denkmalschutz neu gedacht: Andreas Hainz, Kreisbaumeister im Tölzer Landratsamt, will in Zukunft eine bessere Zusammenarbeit mit Besitzern von denkmalgeschützten Gebäuden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Anstoß zum Projekt sei vor allem sein eigenes Interesse und seine "Liebe" zu den Denkmälern im Landkreis gewesen, sagt Hainz. Auch wollte er dadurch den Denkmalschutz im eigenen Landkreis rechtlich besser absichern. Vorher konnten Zwangsmaßnahmen gegen einzelne Härtefälle vor Gericht einfach gekippt werden, da ein Konzept und damit auch die Konsequenz bei der Verfolgung im Landkreis fehlte.

Im April 2020 hatte er sich erstmals mit dem Landesamt für Denkmalpflege über das Projekt abgestimmt. In einer ersten Nachricht forderte er dann die Bürgermeister der jeweiligen Gemeinden dazu auf, ihm aus ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich zwei vom Verfall bedrohte Denkmäler zu nennen, um erst einmal die Akzeptanz einer solchen Aktion zu testen. Die Resonanz war eher dürftig: Mit einem zweiten Aufruf im August habe man insgesamt rund von der Hälfte der Bürgermeister Antworten erhalten. Dies führt Hainz auf fehlendes Interesse am Denkmalschutz zurück. Zudem vermutet er, dass manche Gemeinden das Konzept nicht richtig verstanden hätten und ihre Bürger nicht an die Behörden "verraten" wollten. Dabei gehe es bei dem Projekt doch gerade darum, von einem Denkmalschutz mit der "Holzkeule" wegzukommen, sagt Hainz. Statt "Instandhaltungsanordnung" und "Ersatzvornahme" soll auf eine Zusammenarbeit mit den Eigentümern gebaut werden. Hierfür wird vor allem auf Aufklärung gesetzt.

Konkret sieht das Konzept so aus: Sind erst einmal genügend Objekte bekannt, werden die Besitzer der Denkmäler zu einer Auftaktveranstaltung eingeladen. Auf dieser soll erst einmal durch Vorträge die historische Bedeutsamkeit der jeweiligen Denkmäler hervorgehoben werden. Auch werden die Teilnehmer detailliert über Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten für Plan- und Baukosten aufgeklärt. Neben Steuererlassen für Umbau- und Instandsetzungsmaßnahmen kann auch eine 60-prozentige Kostenübernahme für die Kostenplanung beantragt werden. Das Projekt wird größtenteils durch die Initiative "Kommunales Denkmalkonzept" des Landesamts für Denkmalpflege finanziert. Bei den Baukosten kann man unter anderem bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz eine Förderung beantragen. Auch soll in Kooperation mit dem Landesamt Kontakt zu Spezialisten hergestellt werden, die sich mit Ausbesserungsarbeiten zum Beispiel bei Fensterläden, am Putz und bei der Dämmung auskennen. Das soll ermöglichen, dass kleinere Arbeiten auch alleine von den Besitzern erledigt werden können und sich die Kosten so im Rahmen halten, sagt Hainz.

Auch das Wasserhaus in Egling hat der Kreisbaumeister auf seiner Projektliste.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Momentan steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen. Aufgrund der momentanen Pandemielage konnte noch keines der Treffen veranstaltet oder geplant werden. Auch fehlen noch einige Gemeinden mit ihren Einsendungen. Neben der Gemeinde Münsing, welche die Max-Villa einreichte, war Hubert Oberhauser, Bürgermeister der Gemeinde Egling, einer der ersten Teilnehmer. Neben dem Wasserhaus reichte er auch die Kapelle Sankt Coloman in Reichertshausen ein. Das Kleinod aus dem 15./16. Jahrhundert war 2016 durch einen umgefallenen Baum beschädigt worden und war auch schon davor sanierungsbedürftig. Die Kapelle soll jedoch vorerst nicht mehr im Projekt berücksichtigt werden. Das läge daran, dass die Notsicherung bereits vorgenommen wurde, so Hainz. Zudem sei die Erzdiözese München und Freising dafür bekannt, nötige Renovierungsarbeiten zuverlässig durchzuführen, wenn auch immer mit einer gewissen Zeitverzögerung. Das Wasserhaus in Egling hingegen ist weiterhin im Rennen, hier ist jedoch das Problem, dass der Bau momentan noch nicht in der Denkmalliste steht. Weitere mögliche Objekte für das Pilotprojekt sind zum Beispiel ein Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert in der Tölzer Marktstraße oder ein Hof in Benediktbeuern aus dem 17./18. Jahrhundert. Dies sei jedoch alles noch nicht in Stein gemeißelt, sagt Hainz, man müsse die Liste erst noch mit dem Landesamt für Denkmalpflege abstimmen.

Diese "Dringlichkeitsliste" soll die jeweiligen Denkmäler der Gemeinden nach Bedeutsamkeit und Grad des Verfalls einordnen. Sobald diese Liste steht, will Hainz auch mit der Dokumentation der Denkmäler beginnen. Dabei könnte ihn Sybille Krafft unterstützen, die Historikerin und Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen ist. Krafft hat bereits zugesagt, den Kreisbaumeister bei einigen Ausflügen zu begleiten. Als erste Zielsetzung hat man sich die Notsicherung einiger Projekte im Landkreis vorgenommen. Für die Abarbeitung der später vollständigen Liste plant Hainz mindestens acht, wahrscheinlich aber eher zehn Jahre ein. Ginge es aber nach ihm, sollte sich die Liste niemals leeren: Durch den Erfolg sogenannter "Leuchtturmprojekte" erhofft er sich auch andere Denkmalbesitzer zu "animieren", dem Projekt beizutreten oder ähnliche Maßnahmen bei ihren Bauwerken durchzuführen.

Diese Leuchtturmprojekte sollen nicht nur grundlegend saniert werden, sie sollen - falls noch nicht vorhanden - auch ein zukunftsfähiges Nutzungskonzept erhalten. Auch appelliert Hainz an Denkmalbesitzer, die entweder nicht die finanziellen Mittel oder keine Zeit für ihr Denkmal haben, dieses auf der eigens dafür eröffneten Börse des Landesamt für Denkmalpflege zu verkaufen. Es gebe für diese alten Bauten einen "eigenen Käuferkreis", so Hainz. Aufgrund seines guten Drahts zum Landesamt für Denkmalpflege weiß er, dass die meisten Objekte nur vier bis fünf Wochen auf dem Markt bleiben.

Bezüglich des Projekts wird Hainz dieses Jahr noch einmal gesondert auf die Gemeinden zugehen, die bislang eine Antwort schuldig geblieben sind. Wann das Konzept umgesetzt werden könne, hänge aber weiterhin davon ab, so der Kreisbaumeister, wann in der Corona-Krise wieder größere Veranstaltungen möglich sind.

© SZ vom 04.01.2021
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