Serie zur Europawahl 2024Zusammenwachsen in der Grenzregion

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Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Georg Mair und Jakob Wasensteiner hüten Vieh auf den Gemeinschaftsalmen um den Lärchkogel, teils auf Tiroler Boden.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Georg Mair und Jakob Wasensteiner hüten Vieh auf den Gemeinschaftsalmen um den Lärchkogel, teils auf Tiroler Boden. (Foto: Benjamin Engel/oh)

Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach suchen seit Ende 2021 in einer „Euregio“ mit der Tiroler Region Schwaz nach gemeinsamen Lösungen.

Von Benjamin Engel, Bad Tölz-Wolfratshausen

Die Alarmfarbe Rot dominiert die Online-Kampagnenseite für Sicherheit im Freizeitradsport. Die grafische Darstellung eines weißen Totenschädels macht darauf aufmerksam, dass 13 Prozent aller Verletzungen von Mountainbikern den Kopf betreffen. Skizzierte Schulterknochen stehen für 22 Prozent Blessuren an diesem Körperteil, wenn es bei dieser Sportart zu Unfällen kommt. Unter einem weißen Herz steht, dass Herz-Kreislauf-Versagen 42 Prozent aller Todesfälle auslöst, vor allem dann, wenn Mountainbiker sich selbst überschätzen.

Die Homepage, die mit ihrer Schockwirkung bei der Zielgruppe besonders eindringlich sein soll, ist eines der inzwischen drei abgeschlossenen Projekte der Euregio SBM. Im Zusammenschluss arbeiten die Bezirkshauptmannschaft Schwaz im österreichischen Bundesland Tirol sowie die Landkreise Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen auf bayerischer Seite seit November 2021 grenzüberschreitend zusammen. Mitgewirkt an der Sicherheitskampagne, die vor allem für die Unfallprävention gedacht ist, über Verletzungsursachen informiert und Vermeidungstipps gibt, hat Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV). Das federführend beteiligte Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) habe diese drastische Darstellung gewollt, um das Thema besonders bewusst zu machen, sagt der Ressortleiter für Sportentwicklung beim DAV. Besonders positiv erinnert er sich aber an den generellen Austausch mit Kollegen beidseits der tirolerisch-bayerischen Grenze. „Manchmal ist der Prozess wertvoller als das Ergebnis“, fasst das Winter zusammen.

Eine Geschäftsstelle für die Zusammenarbeit

Damit spricht er direkt den Kerngedanken des derzeit jüngsten Euregio-Zusammenschlusses an. Wer bei der Pressestelle des Landratsamts Bad Tölz-Wolfratshausen nach dem konkreten Mehrwert fragt, erfährt, dass alle drei Partner aus Bayern und Tirol bereits seit den 1990er-Jahren im Tegernsee-Isar-Achensee-Forum zusammenarbeiteten. „Durch die Gründung der Euregio SBM wurde die Kooperation nun institutionalisiert und mit einer eigenen Geschäftsstelle ausgestattet.“ Durch diese Professionalisierung könnten potenzielle Projektträger besser unterstützt werden, um etwa Fördermittel aus dem EU-Programm Interreg Bayern-Österreich zu beantragen. Das ermögliche es, insbesondere Begegnungsprojekte zum leichteren persönlichen Austausch von Bewohnern der drei Regionen zu organisieren. „Die Euregio fördert das Zusammenwachsen der gemeinsamen Grenzregion, sie muss sich aber an den jeweiligen nationalen Vorgaben orientieren“, so die Pressestelle im Landratsamt.

Ganz praktisch erlebbar gemacht hat das ein Drehtag für das Förderprojekt „Almenreich grenzenlos“ im Sommer 2023 im Lärchkogel-Gebiet südlich des Sylvensteinspeichers. Das österreichische Filmteam um den Ischgler Regisseur Dominik Walser begleitete damals Georg Mair und Jakob Wasensteiner aus Bayern, die auf den Gemeinschaftsalmen um den Lärchkogel, teils auf Tiroler Boden, das Vieh betreuen. Der fertige Film soll die Leistung der Almwirtschaft für den Naturschutz und die Biodiversität beidseits der Grenze herausarbeiten und dafür Handlungsbeispiele geben – und hat im Mai dieses Jahres Premiere im Naturparkhaus Karwendel in Hinterriß gefeiert.

150 000 Euro Förderbudget pro Jahr

Um die 30 000 Euro waren für jedes der beiden beschriebenen Projekte veranschlagt. Circa 150 000 Euro Förderbudget kann die Euregio jährlich bereitstellen. Ein aus bis zu 18 stimmberechtigten Mitgliedern – sechs pro Region – bestehender Lenkungsausschuss entscheidet darüber, wer Gelder für Projekte bis zu 100 000 Euro Volumen bekommt. In diesem Gremium sind der Schwazer Bezirkshauptmann sowie die beiden Landräte von Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen vertreten. Laut Euregio-Geschäftsstellenleiterin Ines Leister gehören dem Gremium Bürgermeister der Grenzlandkommunen sowie Vertreter für Tourismus, Mobilität, Wirtschaft und Nachhaltigkeit an. Die Geschäftsstelle ist im Tiroler Schwaz angesiedelt. In den beiden bayerischen Landkreisen der Euregio SBM existieren Kontaktstellen.

Überdies unterstützt die Geschäftsstelle die Akquise weiterer Mittel, etwa für Großprojekte, die mit sogenannten „People-to-People-Projekte“-Fördergeldern gesponsert werden können. Dafür stellt die Europäische Union im Interreg-Programm Bayern-Österreich weitere circa 17 Millionen Euro bereit. Laut der Pressestelle im Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen beträgt der Fördersatz bis zu 75 Prozent.

Die deutsch-österreichische Grenze an der Kaiserwacht ist durchgängig. Die Region soll als Euregio noch besser zusammenwachsen.
Die deutsch-österreichische Grenze an der Kaiserwacht ist durchgängig. Die Region soll als Euregio noch besser zusammenwachsen. (Foto: Manfred Neubauer)

Nachhaltiger Tourismus, umweltschonende Mobilität und neues Arbeiten sind die drei definierten Aktionsfelder der Euregio SBM. Überwölbend ist das Querschnittsthema Nachhaltigkeit, Klima und Umweltschutz. Laut Landratsamt hat der Lenkungsausschuss bislang in allen Aktionsfeldern elf Projekte genehmigt, von denen derzeit noch acht laufen. „Insgesamt konnten rund 400 000 Euro am Fördermitteln lukriert werden.“ Bislang hätten zahlreiche Vernetzungstreffen und Informationsveranstaltungen stattgefunden, die Themen reichten von der Automatisierung im Tourismus über Wildökologie bis zum Katastrophenschutz. Anfang Mai organisierte die Euregio SBM das zweite Netzwerktreffen Bayern/Tirol mit mehr als 100 Teilnehmern zum Schwerpunktthema der grenzüberschreitenden Mobilität im ländlichen Raum in Fügen im Zillertal.

„In der Mobilität sind dicke Bretter zu bohren“, findet Geschäftsstellenleiterin Leister. Beispielhaft dafür steht die „Machbarkeitsstudie Mobilität Rißtal 2.0“. Damit wollen die Verwaltung des Naturparks Karwendel, die Kommunen Vomp und Lenggries sowie der Alpenverein München & Oberland alternative Fortbewegungsformen für das von Bayern nach Tirol führende Tal untersuchen. Denn bis zum Zielpunkt des Großen Ahornbodens inmitten des Karwendelgebirges zieht es vom Isarwinkel über die nur in den Sommermonaten offene Mautstraße zwischen 44 000 und 54 000 Fahrzeuge. Die Projektpartner fragen, wie sich der Takt des öffentlichen Nahverkehrs in die Eng verbessern lässt, die Route für Radfahrer sicherer werden kann und sich Spitzentage mit besonders viel Autoausflugsverkehr im Herbst entschärfen lassen. Zu den Projekten der Euregio SBM zählt auch die heuer erstmals zu Fasching und Ostern aufgestellte Dosierampel an der Achenseestraße, die der Verkehrslenkung dienen soll.

Darum, wie junge Leute an technische und naturwissenschaftliche Berufe herangeführt werden können, geht es dagegen im Projekt „Grenzenlos Mint“. Das ebenfalls angelaufene Projekt „Remote Work Alps“ beschäftigt sich damit, wie die Region zwischen Isarwinkel, Tegernsee und Inntal attraktiv für nicht an den Unternehmensstandort gebundene Fachkräfte werden kann. „Jede Region hat eigene Schwerpunkte“, sagt Geschäftsstellenleiterin Ines Leister. „Es ist spannend, wie sich das gegenseitig befruchtet.“ Die Akteure lernten viel voneinander und könnten sich vieles voneinander abschauen

 

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