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Bad Tölz:Wiederkäuende Protagonisten

Christian Stadelbacher Kühe Wasserkarren

Christian Stadelbacher und sein Markenzeichen. Das Logo aus einer Wolke, Kuhhörnern und Recyclingspfeilen sprüht er auch auf Wasserkarren.

(Foto: Manfred Neubauer)

Christian Stadelbacher zeigt in seinem neuen Atelier am Jungmayrplatz in Bad Tölz vornehmlich Kühe

Kühe gehören zum hiesigen Landschaftsbild wie die Berge und die Bauernhöfe, sie sind selbstverständlich und meist wenig beachtet. Nach einem Besuch der Ausstellung im neuen Atelier von Christian Stadelbacher am Jungmayrplatz ist das womöglich anders. Denn der 56-Jährige malt Kühe, fast ausschließlich Kühe. Liegend oder stehend, mal in Gruppen oder als Einzelportrait, realistisch und eingebettet in teils impressionistische Landschaften. Ruhig und unspektakulär wirken die Ölbilder, die Farben harmonisch, die Protagonisten friedlich.

Was dem einen seine Vögel, sind dem anderen die Kühe? Stadelbacher, der mit Birdman Hans Langner befreundet ist, kann nicht genau sagen, warum ihn Kühe so anziehen. Er ist auf einem Bauernhof im Schwarzwald aufgewachsen. "Und ich habe immer schon versucht, das, was mich an ihnen berührt, auf Fotografien und Bildern einzufangen", sagt der malende Autodidakt. Kühe böten eine Projektionsfläche für unterschiedlichste Interpretationen. "Sie verarschen doch die Welt mit Ihrer Idylle" - das habe einmal eine Teilnehmerin bei einem seiner Workshops gesagt. Oder: Die Wiese auf einem Bild wirke überdüngt, die Kuh beinahe depressiv, wie sie so perspektivlos in eine Ferne ohne Horizont glotze. "Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Bilder wahrgenommen werden", sagt Stadelbacher. Meist habe das mehr mit dem Betrachter zu tun als mit dem Motiv. Ihm gehe es um diese Prozesse: Einen Dialog in eine "friedliche Streitbarkeit" zu führen.

Kommunikation ist das zentrale Thema in Stadelbachers Leben: Er ist selbständiger Personal- und Organisationsentwickler, gibt Seminare und beschäftigt sich mit Gruppenprozessen. Dabei helfe die Kunst. Sie könne Hemmungen abbauen und eingefahrene Wahrnehmungsmuster aufbrechen. Kreativität brauche andere Rahmenbedingungen als optimierte Produktionsprozesse: Freiheit, Mut und Diskurs. Sein 50 Quadratmeter großes Atelier am Jungmayrplatz 11, in dem er seit Januar malt und Workshops anbietet, will er zu einem Forum machen, "in dem Menschen miteinander reden können". Vor fünf Jahren ist er von München in den Isarwinkel gezogen, seit Dezember ist er Mitglied im Kunstverein Tölzer Land.

Neben den Kühen gibt es ein anderes Motiv in seinen Bildern: Wasserkarren, von den Bauern meist in Eigenarbeit gestaltete und aus diversen Bestandteilen geschraubte und geschweißte Arbeitsmittel. Für Stadelbacher sind sie ein Symbol für Kreativität, Individualität und eine Wiederverwertungskultur. "Ich finde es erstaunlich, dass es in unserer modernen Welt noch Vehikel gibt, die keiner DIN-Norm entsprechen." Anders als die immer mehr in Gebrauch kommenden industriell gefertigten Bottiche seien das "wahre Charaktermaschinen". Um sie aus der Flut der unbeachteten Alltagsgegenstände herauszuheben und Reflexionen über systemische Kreisläufe anzuregen, hat er ein Logo entworfen: Wolke, Kuhhörner, Recyclingpfeile, Wasser. Das sprüht er auf Wasserkarren, wenn die Bauern es erlauben. Knapp zehn Landwirte aus Sachsenkam, Gaißach und Waakirchen hat er bisher gewinnen können.

Diese Aktion, die an die bemalten Siloballen von Birdman Langner erinnert, sei inspiriert worden durch seine Kuh-Kunst: Wer sich oft auf Weiden und Wiesen herumtreibe, der komme an Wasserkarren nicht vorbei. "Ihre Bedeutung als Symbol für kreative Freiheit ist mir erst allmählich bewusst geworden." Mit den Kühen ist er noch lange nicht fertig. "Das fesselt mich derart, dass ich nichts anderes machen möchte."

Bis 11. April, dienstags bis samstags 11 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung, Tel. 0176/300 76 600