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Tourismus in Oberbayern:"Es ist eine Katastrophe"

Marktstraße Bad Tölz Sommer

Einen einsamen Anblick bot die Tölzer Marktstraße während der Corona-Beschränkungen. Nach dem Ende des Lockdowns nun will die Stadt mit einem Bündel an Maßnahmen wieder Urlaubsgäste anlocken.

(Foto: Manfred Neubauer)

Durch die Corona-Krise bricht in Bad Tölz die Zahl der Übernachtungen völlig ein. Mit einem Bündel an Maßnahmen will die Stadt den Tourismus im Sommer ankurbeln. Die Verluste sind jedoch nicht wettzumachen.

Die Folgen, die das Coronavirus für die Tourismusbranche in Bad Tölz hat, gießt Kurdirektorin Brita Hohenreiter in einen kurzen Satz: "Es ist eine Katastrophe." Vom Beginn der Ausgangsbeschränkungen, die Mitte März angeordnet wurden, bis Ende Mai verlor die Kur-stadt durch die Pandemie insgesamt rund 70 000 Übernachtungen. Das Defizit werde sich dieses Jahr nicht mehr aufholen lassen, sagte Hohenreiter im Kur- und Tourismusausschuss des Stadtrats am Donnerstagabend. Allerdings bastelt das Referat für Stadtmarketing, Tourismus- und Wirtschaftsförderung an einer ganzen Reihe von Aktionen, um zumindest die Sommersaison für Gastgeber, Gastronomen und Einzelhändler anzukurbeln. Dazu gehört vor allem die Kampagne "Aufatmen!" mit speziellen Postkarten, TV-Spots und Online-Werbung.

Das Jahr hatte für Bad Tölz im Tourismus gar nicht schlecht begonnen. Im Januar verzeichnete Hohenreiter insgesamt 18 184 Übernachtungen, ein Plus von 3,24 Prozent. Noch besser lief der Februar mit 21 695 Übernachtungen, 2,65 Prozent als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Dann aber brach durch die Corona-Pandemie alles zusammen: Im März gab es nur noch 12 119 Übernachtungen, ein Minus von 50,82 Prozent, im April waren es lediglich 1804 - "sagenhafte 93,58 Prozent weniger", sagte Hohenreiter. Die Statistik bei den Gästeankünften sieht noch ein wenig schlechter aus: Im April gab es davon gerade einmal 160. Drei Monate zuvor lag diese Zahl noch bei 3520.

Die Kurdirektorin hatte allerdings auch zwei erfreuliche Nachrichten zu verkünden. Trotz der prekären Situation habe sie "noch von keinem Haus gehört, das geschlossen wird", berichtete sie aus Gesprächen mit Tölzer Hotels und Pensionen. "Bis jetzt scheinen alle zu öffnen." Dies wird ab 30. Mai der Fall sein. Außerdem ziehen die Buchungen von Gästen mittlerweile wieder an, wenn auch eher verhalten. Gefragt seien vor allem Häuser, die auch eine Restauration, also ein Gasthaus, haben. Vergleichsweise gut laufe überdies die Belegung kleiner Ferienwohnungen, sagte Hohenreiter.

Trotz dieser Trends betonte sie jedoch: "Das Jahr wird schwer." Die Kurdirektorin äußerte sich skeptisch, dass der Urlaub in Bayern nun im Sommer einen regelrechten Boom erleben wird. Die Unsicherheit der Gäste sei spürbar, sagte sie. "Es spielt eine große Rolle, dass in vielen Familien das Geld knapp ist - man überlegt sich, ob Urlaub überhaupt sein muss." Zudem fehlten in Bad Tölz nach wie vor die Tagungen und Gruppenreisen, der Sportjugendherberge die Klassenfahrten der Schulen. Falls im Sommer alles gut läuft und auch der Herbst schönes Wetter bietet, könnte Bad Tölz nach Hohenreiters Prognose noch "circa 65 bis 70 Prozent der Übernachtungen des Vorjahres generieren". Dies sei jedoch "optimistisch geschätzt".

Um die Saison jetzt in Schwung zu bringen, hat die Abteilung für Stadtmarketing um Gabi Peters die Kampagne "Aufatmen!" ausgetüftelt. "Wir haben überlegt, wie wir Gäste nach den Corona-Beschränkungen hierher bringen", sagte Peters. Mit dem Titel der Aktion wolle man "emotionale Bilder erzeugen", die den potenziellen Gästen vermitteln, dass sie nach den Pandemie-Wochen in Bad Tölz durchschnaufen können. Dazu gibt es eine Wechselbild-Postkarte und eine sogenannten Landing-Page mit Internet, wo Sehenswürdigkeiten, sportliche Angebote, Freizeitmöglichkeiten oder auch vegane Ernährung unter dem Motto "Wir verschaffen Ihnen Luft" aufgeführt sind. Außerdem erfahren die Nutzer der Homepage, was in Bad Tölz aktuell geöffnet hat, wie sie ihre Urlaubstage gerade gestalten können. Solche Live-Informationen seien "wichtig, weil die Leute total verunsichert sind", erklärte Peters. Außerdem schaltet die Stadt drei Spots auf dem Fernsehkanal "sonnenklar.tv", die Anfang Juni ausgestrahlt werden, und lädt Blogger zu einem Informationsbesuch nach Tölz ein. "Es ist kein Selbstläufer, Urlaubsgäste zu bekommen, oft ist ein Informationsdefizit da", sagte Bürgermeister Ingo Mehner (CSU). "Wir werden also deutlich mehr informieren müssen als sonst."

Die Corona-Krise hat auch Veranstaltungen in der Kurstadt zum Erliegen gebracht. Techniker, Caterer, Klavierstimmer und die Künstler selbst seien von der Pandemie schwer getroffen worden, sagt die stellvertretende Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier. Die Reihe "Stadt mit der besonderen Note", die im April beginnen sollte, ist auf Eis gelegt. Derzeit werde in engem Kontakt mit der Tölzer Musikschule an einem Konzept gearbeitet, um die Reihe um Jubiläumsjahr mit einem Mix aus Freiluftkonzerten und klassischen Indoor-Auftritten zu retten. Die Vegan-Wochen "Tölzer Veg" wurden in den Herbst (4. Oktober bis 1. November) verschoben, ebenso das Thomas-Mann-Festival, das nun vom 24. bis 29. Oktober stattfinden soll. Ob es heuer eine Leonhardifahrt und einen Christkindlmarkt geben wird, ist noch unklar. "Ein großes Sorgenkind" ist für Frey-Allgaier ist das Tölzer Kurhaus. Dort fehlten nicht bloß die Konzerte, sondern auch die privaten Gäste, vor allem Hochzeitsgesellschaften.

Bad Tölz Kurpark Kurhaus

Dem Tölzer Kurhaus fehlen Konzerte und private Feiern.

Für die Gastronomie und den Einzelhandel in Bad Tölz hat die neue Wirtschaftsförderin und Citymanagerin Sandra Kern vier Projekte aufgelegt. Die "Tölzer Wertkarte" gibt es künftig als Kartonkarte und in vier verschiedenen Versionen. Das in der Corona-Krise eingeführte Internetportal www.unser-toelz.de soll zu einem Online-Schaufenster für Tölzer Betriebe fortentwickelt werden. Außerdem sollen Übersichtstafeln mit Geschäften und Gastronomie am oberen und am unteren Ende der Marktstraße installiert werden, ebenso an allen Parkplätzen. "Mit dieser Maßnahme sollen auch die Nebenlagen gestärkt werden", sagte Kern. Dazu ist eine Seite auf der Homepage der Stadt geplant. Und der Newsletter für Unternehmen, der in der Corona-Krise entstand, soll künftig vierteljährlich erscheinen.

Feliz Cetin (SPD) lobte die Maßnahmenpakete. "Diese proaktive Handeln finde ich unheimlich wichtig", sagte sie. Nur eines fand sie weniger überzeugend: Bad Tölz will seinen Gästen im Corona-Jahr auch Ratenzahlungen ermöglichen. Das sollte man sich gut überlegen, warnte Cetin. Ziel sei es, die Touristen erst einmal zu binden, meinte Hohenreiter. Damit wolle man aber nicht "in die Billigschiene reinrutschen". Mehner stellte klar: "Das ist kein Abstottern über fünf Jahre."

© SZ vom 30.05.2020

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