Inklusion und Sport„Showdown“ in völliger Dunkelheit

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Spieler, die sehen können, müssen beim „Tischball“ eine Dunkelbrille aufsetzen.
Spieler, die sehen können, müssen beim „Tischball“ eine Dunkelbrille aufsetzen. Manfred Neubauer
  • Norbert Pollmann etabliert in Bad Tölz die inklusive Sportart „Tischball", bei der Blinde und Sehende mit Dunkelbrille gemeinsam spielen können.
  • Der 57-Jährige ist seit 22 Jahren nach einem Arbeitsunfall erblindet und bietet montags kostenloses Training im „Weltraum" am Vichyplatz an.
  • Beim „Tischball" wird mit einem rasselnden Kunststoffball gespielt, wobei blinde Spieler durch ihren geschulten Hörsinn im Vorteil sind.
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Im „Weltraum“ in Bad Tölz können blinde und sehende Menschen immer montags gemeinsam „Tischball“ spielen. Den rasanten Sport will Norbert Pollmann, der selbst blind ist, im Landkreis etablieren.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Mit einer Dunkelbrille über den Augen ist die Welt nicht nur dunkel, sie ist vollkommen schwarz. Eine Schwärze wie in einem tiefen Loch – eine ungewohnte, ja beklemmende Erfahrung. Ausprobieren kann man das neuerdings immer montags im „Weltraum“ am Vichyplatz in Bad Tölz: Dort hat Norbert Pollmann eine Platte aufgestellt, an der „Blindentischtennis“ gespielt wird. Die inklusive Sportart heißt eigentlich „Showdown“ oder „Tischball“: Blinde und Sehende, die wegen der Chancengleichheit eine Dunkelbrille oder Augenbinde tragen, können gemeinsam spielen.

Norbert Pollmann lebt seit 22 Jahren in Dunkelheit. Ein Arbeitsunfall sei schuld an seiner fast vollständigen Erblindung, erzählt der 57-Jährige. Beim Austauschen eines Verbindungsteils sei Erdgas-Kondensat ausgetreten. „Meine Haut hat sich angefühlt wie Papier, und mir ist schummrig geworden“, erzählt er. Das Kondensat, das schwer nachweisbar sei, habe die Nerven geschädigt. „Ich sehe nichts, ich rieche nichts, und ich habe diesen Ausschlag“, sagt er. Sein Gesicht ist mit roten Flecken übersät, die abheilen, aber immer wieder kommen.

Seit dem Unfall kann er nicht mehr arbeiten. Seine Frau habe sich scheiden lassen, erzählt er. Früher sei er ein leidenschaftlicher Auto- und Motorradfahrer gewesen. Auch das ist vorbei. Pollmann, der in Bad Heilbrunn wohnt, ist auf den Bus angewiesen. Deprimiert wirkt er trotz allem nicht. Er ist ein offener Mensch, der gerne erzählt. „Ich bin der Letzte, der aufgibt“, sagt er.

15 Jahre lang hat er ehrenamtlich den Blindenstammtisch in Bad Tölz geleitet. Er hält in Schulen Vorträge über seine Behinderung und engagiert sich im Verein LHON, einer bundesweiten Selbsthilfegruppe für Menschen, die unter der Erbkrankheit „Lebersche Heriditäre Opticus Neuropathie“ leiden, die zum Erblinden führt. Pollmann hat sich das Schreinern beigebracht und baut Vogelhäuschen oder Mühlespiele für Blinde mit ausgefrästen Linien, die ertastet werden können. In Bad Tölz will er nun in Kooperation mit der Kommunalen Sozialplanung der Stadt die Sportart „Tischball“ etablieren.

Norbert Pollmann ist seit 22 Jahren nach einem Arbeitsunfall erblindet.„ Ich musste irgendwas mit Sport machen“, sagt er.
Norbert Pollmann ist seit 22 Jahren nach einem Arbeitsunfall erblindet.„ Ich musste irgendwas mit Sport machen“, sagt er. Manfred Neubauer

Immer montags von 16.30 bis 19 Uhr wird im „Weltraum“ gespielt. Jeder ist willkommen, Mitmachen kostet nichts. Das neue Angebot sei niederschwellig, „ein schöner, inklusiver Baustein“, sagt der städtische Sozialplaner Franz Späth. „Ich hoffe, dass sich ein regelmäßiger Stamm von Mitspielern bildet.“ Die Sportart wurde in den 1960-er Jahren von dem blinden Kanadier Joe Lewis erfunden. Erst seit rund 20 Jahren ist sie auch in Deutschland bekannt, seit  2010 gibt es offizielle Deutsche Meisterschaften.

Pollmann spielt seit gut sechs Jahren. „Ich musste irgendwas mit Sport machen“, sagt er. Und damit er zum Tischballspielen nicht immer nach München fahren müsse, habe er seinen eigenen Tisch in den „Weltraum“ gebracht, den ihm die Stadt kostenlos zur Verfügung stellt. Der Tisch hat eine 14 Zentimeter hohe Bande und ein Mittelbrett mit Durchlass unten. An den Stirnseiten ist jeweils ein Loch mit Netz angebracht. Geschlagen wird mit schmalen, etwa 30 Zentimeter langen Holzschlägern, die Pollmann in seiner Werkstatt selbst fertigt. Der gelbe Kunststoffball, etwas größer als ein Tischtennisball, ist mit Kunststoffspänen gefüllt, die bei jeder Bewegung rasseln.

Neben blinden Spielern kommen auch Sehende zum „Tischball“ in den  Tölzer „Weltraum“, darunter Sebastian Englich (l.), Kreisrat der Linkspartei.
Neben blinden Spielern kommen auch Sehende zum „Tischball“ in den  Tölzer „Weltraum“, darunter Sebastian Englich (l.), Kreisrat der Linkspartei. Manfred Neubauer

Pollmann erklärt das Spiel: den Schläger leicht nach vorne kippen, bei der Angabe den Ball zuerst an die Bande, dann durch den Durchlass ins gegnerische Feld und möglichst ins Netz schlagen. Ein Tor gibt zwei Punkte, wenn der Ball das Mittelbrett trifft oder außerhalb der Platte gerät, erhält der Gegner einen Punkt. Wer zuerst elf Punkte erreicht, hat gewonnen. Ganz wichtig sei der Handschuh für die Schlaghand, betont Pollmann, denn der verhindere, dass der Ball schmerzhaft auf den Knöchel trifft.

Das Tempo bei diesem Spiel ist hoch, und es knallt laut, wenn der Ball gegen die Bande geschlagen wird. Tischball erfordert Reaktionsschnelle wie beim Tischtennis, ist aber ungleich schwieriger, wenn man mit Dunkelbrille spielt. Aus welcher Richtung kommt das Rasseln des Balls? Wo genau ist das Netz, das man mit dem Schläger verteidigen soll? Wo verläuft die Bande, über die man keinesfalls schießen darf? Beim „Showdown“ bekommt man eine Ahnung, was es heißt, blind zu sein. Wie wichtig es dann ist, aus dem Grundrauschen des Alltags Informationen herauszufiltern, Dinge zu ertasten.

Ins Netz des Gegenspielers muss ein rasselnder Kunstoffball beim „Tischball“ geschlagen werden.
Ins Netz des Gegenspielers muss ein rasselnder Kunstoffball beim „Tischball“ geschlagen werden. Manfred Neubauer

An diesem Montag sind noch vier Mitspieler gekommen, die alle nicht blind sind – darunter Sebastian Englich, Kreisrat der Linkspartei. Er arbeitet ehrenamtlich im Jugendzentrum und hat beim Aufbau des Tisches geholfen. Ballsport sei eigentlich nicht sein Ding, er spiele höchstens mal Billard, sagt er. Aber an diesem Montag ist er wieder dabei. „Tischball macht mir echt Spaß“, erklärt Englich und rückt die Augenbinde zurecht. Auch eine Besucherin mit ihren beiden erwachsenen Söhnen ist gekommen. Sie kenne den Norbert aus dem Tölzer Inklusions-Café „Miteinand“ und wolle sich das Spiel mal anschauen, sagt sie.

Beim „Tischball“ sind blinde Spieler im Vorteil, weil ihr Hörsinn besser geschult ist.

Wie viele Menschen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen von Blindheit oder einer Sehbehinderung betroffen sind, lässt sich anhand der ausgestellten Behindertenausweise abschätzen: Zum 31. Dezember 2025 waren es 641. Weil aber nicht alle einen solchen Ausweis beantragten, sei von einer größeren Personengruppe auszugehen, erklärt Maria-Kristin Kistler vom Fachbereich Inklusionsplanung.

„Beim Tischball sind Blinde klar im Vorteil, weil sie den Hörsinn über lange Zeit geschult haben“, sagt Markus Ertl. Der Lenggrieser ist Sprecher des „Arbeitskreises für Menschen mit Behinderung“ im Landkreis und wegen einer degenerativen Netzhauterkrankung seit 2014 selbst blind. Dass Norbert Pollmann den inklusiven Sport etablieren will, findet Ertl gut. Denn es biete Sehenden die Möglichkeit, „in eine andere Erfahrungswelt einzutauchen“. Blindheit sei nicht nur ein Defizit, sondern erfordere die Entwicklung anderer Fertigkeiten und die Schulung der Sinne. „Auf das Atmen von Anderen zu achten, auf die Schritte, das Füßescharren unter dem Tisch“. Fokussiertes Hören könnten auch Sehende lernen, sagt Ertl. „Dazu bietet Tischball eine Chance.“

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