Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:"Jede Form der Wahrnehmung ist eine Abstraktion"

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Dierk Schwender ist Neurowissenschaftler und Künstler. Im Tölzer Stadtmuseum sind zurzeit seine anregenden Arbeiten zu sehen.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Das Bild "Schwarzenbachtal Lenggries" strahlt eine große Ruhe aus: dunkel-violetter Nadelwald, weiße Schneefläche, die durch eine Einzäunung abgetrennt wird. Der Schatten eines Pfostens gräbt sich wie Wurzeln in die verschneite Wiese, wirkt selbst organisch. Der Metalldraht scheint vor der dunklen Waldseite hell, auf der weißen Schneeseite dunkel. Wie er auf den Betrachter wirkt, hängt vom Licht ab und von den Wirkmechanismen unserer Wahrnehmung. Der Künstler Dierk Schwender ist ein Fachmann in Sachen Wahrnehmung: Der 68-Jährige ist Arzt und Professor für Neurowissenschaften. Und er ist Maler.

Zurzeit sind seine Arbeiten im Tölzer Stadtmuseum zu sehen: "Im Stillen Entdecken" ist die anregende Ausstellung betitelt, die unterschiedliche Sujets umfasst. Meditative Landschaftsbilder mit Motiven aus dem Isarwinkel, Frauen-Akte, die nicht voyeuristisch entblößen, sondern die Figuren in warmen Farben einbetten. Viele der Bilder wirken nicht still; sie sind lebhaft und farbstark. Spielen mit Perspektiven, öffnen Räume, irritieren durch ihre surrealen Sujets. "Malen ist für mich entdecken", erklärt Schwender. Was lasse ich weg, was hebe ich hervor, was bleibt im Ungefähren. Es sei der Versuch, die Welt so zu sehen, "als wäre es das erste Mal."

Das Medizinstudium begann er 1974 in Bonn und fast zeitgleich seine künstlerische Ausbildung. Schwender nahm drei Jahre Privatunterricht, belegte ein Grundstudium "klassisches Zeichnen und Malen" im Akthof in München, erwarb ein Diplom an der dortigen Malakademie und absolvierte ein Gaststudium an der Akademie der Bildenden Künste in München. In den vergangen Jahren nahm er an diversen Ausstellung in der Region und in München teil.

Dass er zugleich Mediziner und Künstler ist, sei für ihn völlig plausibel. Denn speziell die Neurowissenschaften beschäftigten sich, wie die Kunst, mit der Wahrnehmung. "Jede Form der Wahrnehmung ist eine Abstraktion", sagt Schwender. Denn Wirklichkeit ist keine Abbildung, sondern ein Konstrukt. Sie entsteht durch die Reduktion von Sinnesreizen und deren Abgleich mit Mustern, die durch die subjektive Erfahrung geprägt sind. Die Komplexität der Wirklichkeit wird reduziert, um Orientierung zu ermöglichen und Handlungsfähigkeit herzustellen. "Das Gehirn sucht eine Definition, die Malerei Zusammenhänge", sagt Schwender.

Sich von abgespeicherten Mustern zu lösen, sei der Weg, den die Kunst wählt. Denn die Grenzen zwischen verschiedenen Objekten sind nicht definiert, sondern eine Leistung des Gehirns. Wo endet das Glas, und wo beginnt der Tisch? Diese Fragen bewegten sich im Grenzbereich zwischen Neurowissenschaften, Kunst und Philosophie. "Ich will das aber nicht zu intellektuell machen", sagt er. Entscheidend sei, was die Bilder im Betrachter auslösten.

Schwender malt fast ausschließlich in Öl, bei manchen Bildern hat er eine eigene Technik verwendet. Dadurch wirken die Figuren, als würden sie mit der Umgebung verschmelzen. Die beiden stehenden Akte im hinteren Raum zum Beispiel oder das Bild "Stiere": ein Hintergrund, kühl und scharfkantig wie Alufolie, mit dem sie verwoben sind. "Wir sind nicht ohne Umgebung möglich", sagt Schwender, "aber diese Umgebung ist gefährdet."

Tiere finden sich häufig in seinen Arbeiten: Kühe, Stiere, Bienen, Vögel - gegenständlich, aber zum Teil inmitten abstrakter Szenerien. Das großformatige "Volare" zum Beispiel, bei dem Papageien, Adler, Geier aus einer Farbexplosion auffliegen. Warum er gerne Vögel malt, könne er gar nicht sagen. Auch bei Fragen nach einer Aussage oder künstlerischen Intention seiner Bilder winkt Schwender ab. "Wenn ich es ausdrücken könnte, dann würde ich schreiben und nicht malen", sagt er und lacht. Die Bilder müssten für sich sprechen, sonst hätten sie ihre Wirkung verfehlt.

Einen eindringlichen Effekt entfaltet das großformatige "Krokusblüte auf dem Jochberg". Im Vordergrund ein dichter weißer Blütenteppich aus der Froschperspektive, darunter die weite Fläche des Walchensees, am oberen Bildrand die prägnante Silhouette des Karwendel. "Ich musste diese Perspektiven einfach zusammenbringen", sagt Schwender, der mit seiner Familie in München und Lenggries lebt und arbeitet.

Viele Inspirationen schöpft er aus Wanderungen in der Natur und den Bergen. Er sei Arzt und Maler, aber irgendwann sei das zeitlich nicht mehr zusammen gegangen. Schwender entschied sich für die Medizin, arbeitete im argentinischen Mendoza, in Hamburg, Lübeck, am Bodensee, 1996 wurde er als Professor an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München berufen. Auch in seiner Wahlheimat Spanien hat er eine Lehrbefugnis. Seit er im Ruhestand ist und keine Vorlesungen mehr hält, sei er nur noch freiberuflicher Maler. "Die Malerei wie die Medizin haben großen Respekt vor der Schöpfung", sagt er. "Beide dienen dem Leben."

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