Auf der Guckkastenbühne stehen drei kleine Stühle, ein niedriger Tisch mit zwei Mini-Bierkrügen, eine Theke, ein hohes Regal, eine Jukebox. "Eine gammlige Bar wird das", sagt Karl-Heinz Bille, der in der ersten Reihe im Tölzer Marionettentheater sitzt und die Szenerie mit ihrem Hauch des Verruchten prüft. Die Kulissen sind noch nicht ganz fertig, auch die leere Wand hinter dem Mobiliar muss erst bemalt werden. Das neue Stück, das den Arbeitstitel "Carmen . . . or not?" trägt, hätte dieses Jahr eigentlich uraufgeführt werden sollen. Aber dann kam Corona.
Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr ist das Marionettentheater seit 3. November wieder geschlossen, vor Januar wird es auch nicht mehr öffnen. "Wir leben von den Rücklagen", sagt Bille. In akuter Gefahr sieht er das traditionsreiche Puppenspielhaus nicht, jedenfalls noch nicht. Anders als in den Häusern in München oder Augsburg arbeiten in Bad Tölz neben den Profis Bille und Albert Maly-Motta nur ehrenamtliche Puppenspieler, insgesamt sind es acht. "Wir haben keine Angestellten, wir sind von daher nur zu zweit", sagt der 63-Jährige, der aus der Puppenspielerdynastie Bille stammt, deren Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Außerdem habe man das eigene Gehalt "auf ein Minimum" heruntergefahren. Von seiner Mutter habe er oftmals den Rat gehört, "ein bisserl Rücklage muss sein, gerade im künstlerischen Bereich".
Das Tölzer Marionettentheater, das rund 120 Sitzplätze in dem 1908 erbauten Gebäude am Schlossplatz bietet, bekommt allerdings auch Fördermittel. Ohne diese Gelder würden vermutlich auch alle Sparmaßnahmen wenig helfen. Da ist die Stadt Bad Tölz, die einen monatlichen Zuschuss gewährt und die Betriebskosten übernimmt - "das ist ein großer Vorteil", sagt Bille. Da ist die Bundesregierung, die 5000 Euro schon im ersten Lockdown gab. Da sind die Regierung und der Bezirk von Oberbayern, die mit kleineren Beträgen unterstützen. "Damit kommen wir eigentlich hin", sagt der Theaterleiter. Bis März nächsten Jahres sei man hundertprozentig auf der sicheren Seite. Und sowieso: "Aufgeben tue ich auf keinen Fall."
Schmerzhafter ist für Bille, dass heuer nur ein Drittel der sonst üblichen Aufführungen stattfand. Zehn Abend- und 49 Nachmittagsvorstellungen gab es 2020, normalerweise sind es insgesamt um die 150. Der Saisonhöhepunkt wäre gerade jetzt im Dezember, alleine in diesem Monat gehen sonst rund 60 Aufführungen über die kleine Bühne. "Im Dezember verdienst du das Geld, das du im Sommer brauchst, wenn du weniger Zuschauer hast", sagt Bille. Nicht einmal an Heiligabend oder an Silvester ist das Marionettentheater geschlossen. Diesmal hätten dem Programmplakat zufolge am 24. Dezember das "Geschenk vom Nikolaus" und am 31. Dezember der "Nussknacker" auf dem Spielplan gestanden. Aber daraus wird nun nichts. An Heiligabend müsse er heuer eben "irgendwie die Zeit rumbringen", meint der 63-Jährige halb im Scherz. Das sei aber "kein Problem", schließlich sei er seit mehr als 30 Jahren verheiratet.
Die Schließung des Marionettentheaters zwischen den Jahren liegt nicht an dem gerade bis 10. Januar verlängerten Teil-Lockdown. Auch ohne diesen Beschluss hätten es die Puppenspieler nicht geschafft, die Stücke auf die Bühne zu bringen. Den Grund dafür fasst Bille in einem Satz zusammen: "Man verliert das Gefühl für die Figuren." Neben der Bastelarbeit an den Kulissen nimmt er im leeren Theater ein- bis zweimal pro Woche die Puppen in die Hand und probt. Sie hängen an drei Meter langen Fäden und müssen auf der Bühne millimetergenau bewegt werden, das erfordert neben Talent auch ständige Übung. "Ich merke es in den Fingern", sagt Bille. "Wenn man es nicht mehr im Gefühl hat, das ist wirklich eine Katastrophe."
Hinzu kommt, dass das gesamte Timing und die Abläufe eines Stücks stimmen müssen. "Zwei bis drei Wochen braucht man, bis man es wieder drin hat", sagt der 63-Jährige. Das bemerkte er auch im Oktober, als das Tölzer Puppenspielhaus noch offen stand und "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" gegeben wurde: "Das ist etwas holprig über die Bühne gegangen." Der einzige Vorteil der Zwangspausen ist für Bille, dass er die Büroarbeit dieses Jahr schneller erledigt hat als in den Jahren zuvor. "Die Theaterstatistik" seufzt er. "Das ist alles fertig." Aber rechten Trost schöpft er daraus auch nicht.
Und das Publikum? Die kleinen und großen Besucher lieben das Theater am Schlossplatz, die kunstvoll gefertigten Figuren, die Puppenspieler, die sie führen. Nach dem Ende des ersten Lockdowns habe man lediglich 30 Plätze pro Vorstellung belegen dürfen, erzählt Bille. "Und es waren immer 30 Leute da, gerade so, als ob sie es alle abgesprochen hätten." Aus den Listen mit Namen, Telefonnummer und Postleitzahl, die im Foyer coronabedingt auslagen, sahen die beiden Theaterchefs auch, dass vor allem Einheimische ihr Marionettentheater besuchten. "Es waren noch nie so viele Tölzer da", sagt Bille. Sie kämen ansonsten in großer Zahl eher nur an Weihnachten oder Silvester. Und in diesen Tagen, da das Puppenspielhaus wieder geschlossen ist, erhalte man jede Menge Anfragen per E-Mail, "wie und wann es denn wieder weitergeht", erzählt der 63-Jährige. Zu den Kritikern des Lockdowns gehört er gleichwohl nicht. Die Schutzmaßnahmen könne er schon verstehen, sagt Bille. Hinter der Bühne seien die Abstandsregeln für die Puppenspieler schlicht nicht einzuhalten, "wir stehen da oft zu siebt". Und was das Publikum betrifft, so sei nicht der Saal ein Problem, sondern das kleine Foyer und die engen Gänge. "Dort sind die Leute dicht zusammen."
Die drei Stühle, der Tisch, die Theke, das Regal, die Jukebox: Immerhin hat der 63-Jährige noch genug handwerkliche Arbeit im leeren Marionettentheater, auch wenn das ständige Stehen ihn körperlich anstrenge, wie er sagt. In seinem Alter könnte er auch langsam in Rente gehen, aber dafür ist seine Leidenschaft zum Puppenspiel viel zu stark. Die schwingt auch in seiner Stimme mit, die plötzlich melancholisch klingt, als er von seinen Anrufen in den Marionettentheatern in München und Augsburg erzählt: "Was dort passiert, weiß man nicht. Es geht keiner ans Telefon."