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Zu wenig Betten, Helfer und Dienste:Pflege-Alarm im Landkreis

Der Landkreis wächst und altert, aber die Pflegekräfte fehlen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nach einer Prognose des Landratsamts fehlen in wenigen Jahren mehr als 500 Plätze - und für ambulante Dienste rechnen sich die weiten Wege in Kochel oder Egling nicht. Der Seniorenbeirat fordert Zuschüsse.

Die Zahlen sind alarmierend. Schon jetzt sind Plätze in der Kurzzeitpflege und der Tagespflege im Landkreis schwer zu bekommen, bis zum Jahr 2024 wird sich die Situation erheblich verschärfen. "Wir haben einen großen Fehlbedarf", sagte Felicitas Wolf, zuständig für Seniorenplanung im Landratsamt, am Montag vor dem Seniorenbeirat des Landkreises. Nach vorläufiger Berechnung fehlen in sieben Jahren zwischen mindestens 49 und maximal 70 Plätze in der Tagespflege, zwischen 13 und 41 in der Kurzzeitpflege. In der vollstationären Versorgung beträgt der zusätzliche Bedarf bis 2028 gar 430 Plätze. "Das ist ein Feld, das dringend bearbeitet gehört", sagte Wolf.

Den Prognosen des Bayerischen Landesamtes für Statistik zufolge wächst die Bevölkerung im Landkreis in den nächsten elf Jahren um zehn Prozent auf etwa 134 000 Einwohner. Zugleich wird sie älter und damit auch pflegebedürftiger. Die Anzahl der über 65-Jährigen steigt demnach um 45 Prozent, jene der über 80-Jährigen um circa 38 Prozent. In den vergangenen Jahren wurden Pflegeheime im Landkreis geschlossen, etwa das Haus des Reha-Zentrums Isarwinkel, einzelne Plätze fielen in bestehenden Einrichtungen weg.

Hinzu kommt, dass es künftig weniger Menschen geben dürfte, die Angehörige zu Hause pflegen - ebenfalls eine Folge der demografischen Entwicklung. Christine Bäumler vom Sozialamt des Landratsamtes warnte zudem davor, "die fehlenden Plätze eins zu eins als Bedarf darzustellen". Selbst wenn sie bestünden, wäre damit noch keineswegs garantiert, dafür die nötigen Fachkräfte zu bekommen.

In der Kurzzeitpflege will man im Sozialamt eventuell neue Wege beschreiten und nachdenken, ob eine Förderung von Investitionskosten durch den Kreis noch das richtige Instrument ist. Solche Überlegungen sollen allerdings zuerst dem Kreistag vorgestellt werden. Eine Idee trug Ute Reuter vom Seniorenbeirat vor. Sie regte eine zentrale Vergabe für Kurzzeit-Pflegeplätze im Kreis an - "das finde ich ganz wichtig".

In der ambulanten Pflege sind etwa 30 Dienstleister im Landkreis unterwegs. Für sie sei es jedoch problematisch, ihre Kunden in Dietramszell, Kochel, entlegenen Teilen von Egling oder in der Jachenau zu erreichen, sagte Wolf. "Wenn in der Jachenau nur eine Person zu versorgen ist, lohnt sich die lange Zeit für die Fahrt nicht." Für Ralph Seifert sind die Kreisräte da nicht minder gefordert wie im Fall der Geburtshilfe an der Tölzer Asklepios-Klinik - also mit einem Zuschuss. Um es den ambulanten Pflegediensten zu erleichtern, weite Wege zu bewerkstelligen, müsse man "an die Politik herangehen", sagte der Behindertenbeauftragte des Landkreises. "Es ist genauso wichtig, dass auch für die Senioren in diesen Gebieten etwas gemacht wird." Ähnlich äußerte sich Gabriele Skiba. Zu prüfen sei allerdings, ob der Landkreis den Pflegediensten überhaupt solche Angebote machen dürfe. Bäumler hält dies für möglich - jedenfalls für lange Anfahrten.

Integrierte Orts- und Entwicklungsplanung, Wohnen zu Hause, Unterstützung pflegender Angehöriger, Selbstbestimmung und Teilhabe, Steuerung und Zusammenarbeit, Angebote für besondere Zielgruppen, Hospiz und Palliativversorgung: Neben der Pflege gehören auch diese Kapitel in das 180 Seiten dicke Seniorenpolitische Gesamtkonzept des Landkreises, das 2012 herauskam und nun fortgeschrieben werden soll. Für die Umsetzung des Maßnahmenkatalogs ist das Landratsamt selten selbst zuständig. Seine Aufgabe: Information, Unterstützung, Beratung. Dies soll noch intensiviert werden, wie Wolf avisierte. In Eigenregie plane man "ein Kataster mit allen barrierefreien Bushaltestellen im Landkreis". Ein Problem ist nach wie vor die Nahversorgung. Supermarkt-Konzerne siedeln ihre Filialen zunehmend am Ortsrand an, im Zentrum fehlen die Lebensmittelläden, mitunter auch Apotheken und Arztpraxen. "In Eurasburg gibt es weder eine Apotheke noch einen Hausarzt", so Wolf. Und wenn es sie in einer Gemeinde doch gibt, könne man die Frage, wie alte Menschen dort hinkommen, auch mal umkehren, fand Hermann Lappus, Vorsitzender des Seniorenbeirats. "Wie kommt der Einzelhändler mit den Lebensmitteln zu ihnen?" Er verwies darauf, dass Bäcker früher die Semmeln ja auch vor die Haustür gebracht hätten.

Immerhin hat mittlerweile fast jede der 21 Kommunen im Landkreis einen Seniorenbeauftragten. Für Thomas Bigl sollten sie stärker auftreten. Dazu wolle er sie regelrecht "aufhetzen", sagte der Leiter des Sachgebiets Sozialwesen. Die Seniorenbeauftragten sollten "ein Reißnagel im Sitz des Bürgermeisters" sein.

© SZ vom 25.01.2017

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