Zeitgenössische Malerei:Kunst als Kraftakt

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Nour Nouri (links), Direktor der Pashmin Art Gallery, und Alexander Dik vor dem Großformat "Erdreichtum" (200 x 350 cm). (Foto: Manfred Neubauer)

Der Berliner Alexander Dik hat für seine Einzelausstellung in Bad Tölz die Gegenwart gemalt - voller Zweifel, Angst und Wut. Nun präsentiert die Pashmin Art Gallery sein "Schaufelwerk".

Von Stephanie Schwaderer, Bad Tölz

Fantasy-Freunde wissen um den Reiz eines Portals: Wer es durchschreitet, dem öffnet sich, oft an ganz unvermuteter Stelle, eine andere Welt. In Bad Tölz gibt es seit vergangenem Jahr etwas Ähnliches wie ein solches Portal. Die Pashmin Art Gallery lässt regelmäßig die internationale Kunstwelt in einem einstigen Pferdestall an der Säggasse aufscheinen. Wer derzeit die Schwelle des alten Gewölbes übertritt, taucht ein in den Kosmos des Berliner Malers Alexander Dik. Er erschafft jedoch keine fantastischen Welten. Im Gegenteil. Dik malt das Grauen im Hier und Jetzt, den Krieg, den Tod. Seine Kraft speise sich aus "Ängsten, Wut und der quälenden Suche nach Antworten", sagt er. "Das Schaufelwerk" heißt die Ausstellung.

Dik ist Russlanddeutscher und hat in seinem Leben offenbar schon mehrere Portale durchschritten. Seine Geschichte lässt sich in dem 500 Seiten starken Buch "Migrant ... und nun?" von Lothar Berg nachlesen. Acht Jahre war er demnach alt, als er 1992 mit seiner Familie aus Kasachstan flüchtete, wo sie als Deutsche angefeindet worden waren. Statt in Sicherheit findet er sich als "Scheiß-Russe" in Berlin-Marzahn wieder und lernt, möglichst schnell zuzuschlagen. Er schließt sich kriminellen Banden an, kommt ins Gefängnis. Seine Rettung wird der Kampfsport: Sascha, wie er von Freunden genannt wird, boxt sich durch, wird Weltmeister im Taekwondo.

Sein innigster Wunsch sei es gewesen, Kunst zu studieren, erzählt er bei der Vernissage in Tölz. "Aber kein Abi, keine Chance." Stattdessen habe er Einzelhändler gelernt und einen Ost-Supermarkt geleitet. In seiner Freizeit jedoch habe er immer schon zu Zeichenstift und Pinsel gegriffen. "Seit ich drei war, wollte ich Maler werden."

2019 dann ein weiterer Umbruch: Dik stellt in einem Keller seine Arbeiten aus. Zu den Gästen zählt die Berliner Galeristin Anna Kimmerle. Sie ist begeistert und verweist Dik auch an Nour Nouri, den Leiter der Pashmin Art Gallery. Dik beschließt, von nun an nur noch zu malen. "Kunst ist das Letzte, was ich mache", sagt er heute, "und das Beste, das Schwierigste und das Glücklichste." In den vergangenen zwei Jahren hat er international ausgestellt, nun also erstmals in Bayern.

60 Bilder, die meisten davon Großformate, hat er seit November für die Ausstellung in Tölz geschaffen. Ein Kraftakt, Schlag auf Schlag. Ein Drittel davon ist zu sehen. Sein Auftrag habe gelautet, die Gegenwart zu dokumentieren, sagt Dik. "Ich male sehr gewalttätig." Einige Arbeiten lassen ahnen, mit welcher Wucht er die Farben auf die Leinwand klatscht und quetscht, hier spachtelt, dort kratzt. Meist arbeite er an 20 Bildern gleichzeitig, sagt er. Weil er nicht warten wolle, bis die Farbe trockne. Das Malen sei für ihn Sucht und Befreiung. "Ich male Tag und Nacht."

"Schwere Last", Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm. (Foto: Manfred Neubauer)

Im ersten Raum variiert er ein Motiv, das auch auf dem Titelblatt des Katalogs zu sehen ist. Zwei Menschen liegen da, Kopf an Fuß. Sie halten Schaufeln in den Händen, die ihre Gesichter verdecken. Ein Symbol für den Bruderkrieg in der Ukraine? "Die Welt steht kopf", sagt Dik, der Georg Baselitz als seinen "Kunstvater" bezeichnet. Die Schaufel sei ein Symbol der eigenen Kraft. "Man kann sie positiv und negativ einsetzen."

Die beiden Großformate im mittleren Galerieraum tragen die Titel "Naturreich" und "Erdreichtum" und fallen allein schon durch ihre Helligkeit aus dem Rahmen. Wer sie mit Diks Augen betrachtet, sieht indes wenig Erhebendes, sondern Soldaten, die vermodern. Welche Nationalität sie haben? "Es sind Menschen." Den dritten Raum dominieren die monströsen Bilder "Donnerwetter" und "Glückspilze". Dik hat sich zu ihnen von Kinderzeichnungen inspirieren lassen.

"Glückspilze", Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm. (Foto: Manfred Neubauer)

"Da, wo ich herkomme, ist die Welt eine andere geworden", sagt er in einer emotionalen Ansprache bei der Vernissage. Die Tölzer sollten gut auf ihre Heimat aufpassen. Vor ihm sitzen und stehen Freunde, Verwandte und Sammler aus Berlin, die Galeristin Anna Kimmerle, der Künstler Daniel Fuchs, der die Pashmin Art Gallery nach Tölz gebracht hat und dort die Leute um sich schart, und natürlich Gastgeber Nour Nouri aus Hamburg, dazu Kunstinteressierte aus der näheren und weiteren Umgebung.

Zu ihnen zählen auch der Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner und seine Frau. Mehner ist nicht zum ersten Mal hier. Die Galerie sei "eine große Bereicherung für Tölz", sagt er. Sie bringe in das vielfältige Kulturleben der Stadt "noch einmal einen ganz anderen Aspekt - Inspiration und neue Ideen".

Dik sagt, er sei nun zum vierten Mal in der Stadt. "Und ich habe mich in Bad Tölz verliebt." Dann bittet er den Bürgermeister nach vorne und überreicht ihm ein Geschenk. Er hat den Tölzer Löwen gemalt - flirrend, stark und expressiv. Mehner nimmt ihn strahlend entgegen und bescheinigt dem Künstler: "Das ist Tölz." Ein Portal-Moment, wie aus dem Buche.

Bis 25. März, Pashmin Art Gallery, Säggasse 7, Bad Tölz

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