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Gedächtnistraining:Mit Gehirnsport gegen das Vergessen

Seit zehn Jahren leitet Annelies Amberger das Gedächtnistraining im Tölzer Franziskuszentrum.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

2500 Demenzkranke leben im Landkreis. Annelies Amberger, selbst 81 Jahre alt, bietet ein Gedächtnistraining in Bad Tölz an

Mit 81 Jahren ist Annelies Amberger geistig voll auf der Höhe, auch körperlich macht sie einen rüstigen Eindruck. Gleichwohl treibt sie eine Angst um, die viele Senioren haben: Dass eines Tages das Gedächtnis nachlässt, dass man sich nicht mehr daran erinnert, was vor fünf Minuten geschah, dass man schlussendlich nicht mal die nächsten Angehörigen mehr erkennt. Dagegen, sagt sie, "möchte ich unbedingt etwas tun". Die 81-Jährige ist indes nicht Teilnehmerin des Gedächtnistrainings, das die Caritas-Stelle "Alt und Selbstständig" im Franziskuszentrum anbietet - sie leitet den Kurs. Der ist derzeit voll belegt. Die Furcht vor Demenz motiviere die Senioren, regelmäßig zu den Treffen zu kommen, sagt sie. "Das ist auch meine eigene Befürchtung, ich versuche, mein Gedächtnis nicht einrosten zu lassen."

Rund 2500 Menschen, die demenziell erkrankt sind, leben im Landkreis. Dies teilt Sabine Schmidt, Pressesprecherin des Landratsamts, mit. Ein Blick in den "Gesundheitsreport Bayern" des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zeigt, dass diese Zahl in den vergangenen vier Jahren um knapp 14 Prozent erhöht hat. Die Prognose bis zum Jahr 2032 fällt noch deutlicher aus: Demnach sollen dann 3700 Demenzkranke zwischen Icking und der Jachenau leben.

Umso wichtiger sind Angebote wie das Gedächtnistraining, das Annelies Amberger im Franziskuszentrum leitet. Der Kurs findet in 14-tägigem Rhythmus statt, einmal pro Woche vormittags und nachmittags mit je zwölf Teilnehmern. Freie Plätze gibt es zurzeit nicht, dafür eine Warteliste. "Ab und zu scheidet ja mal jemand aus", sagt Amberger. Die beiden Gruppen zu vergrößern, sei nicht sinnvoll. "Mehr nehmen wir nicht auf, weil es sonst zu viele sind."

Die Senioren sind zwischen Mitte 70 und 90 Jahre alt, mitunter ist auch ein erst 65-Jähriger dabei. In den anderthalbstündigen Übungen ergänzen sie beispielsweise unvollständige Sprichwörter, fügen auseinandergerissene Wörter wie "Nacht" und "Schwester" zusammen oder versuchen anlässlich des Todes von Walter Scheel, sich an alle Bundespräsidenten seit 1945 zu erinnern. Hinzu kommt biografische Erinnerungsarbeit, zum Schulbeginn etwa mit einer Erzählung über den eigenen ersten Schultag. Mal schriftlich, mal mündlich, gehe es um "Merken und Erinnern", sagt Amberger: "Das ist alles mehr spielerisch, kein stures Auswendiglernen."

Um einen solchen Kurs zu leiten, hat sie eine Ausbildung zur Gedächtnistrainerin bei katholisch-evangelischen Bildungswerk in München absolviert. Dort hatte sie als Sekretärin der evangelischen Beratungsstelle gearbeitet und die Alzheimer-Gesellschaft München mitbegründet. 2000 zog sie nach Bad Tölz um. Seit elf Jahren bietet sie das Gedächtnistraining auch in Lenggries an. Zehn Jahre sind es in Tölz, wofür sie von der Caritas jetzt die silberne Ehrennadel erhielt. "Für zehn Jahre Mitsorge", sagt Ellen Wagner von der Kontaktstelle "Alt und Selbstständig". Eine Besonderheit des Kurses sei, dass die Teilnehmer "nicht nach eineinhalb Stunden rausgehen und die Tür zumachen", sondern untereinander Kontakte pflegten, sich im Krankenhaus besuchten oder sich zu einem Ausflug verabredeten. "Jeder in der Gruppe hat seinen Platz mit seinen eigenen Fähigkeiten und dem, was er kann", so Wagner.

Im Unterricht verwendet Annelies Amberger einen Radiergummi, der die Form eines menschlichen Gehirns hat. "Ich hoffen, wir brauchen ihn wenig", sagt sie und lächelt. Wichtig ist ihr, dass jeder Teilnehmer im Kurs an die Reihe kommt und "nicht denkt, jetzt bin ich nicht zur Sprache gekommen". Ein Senior drängt nach der Übergabe von Ehrennadel, Blumen und einem Gutschein zur Eile: "Jetzt fang' ma an."