In einem Geschäft für Damenmode in der Tölzer Fußgängerzone hängen rote Plakate mit der Aufschrift „Geschäftsaufgabe“. Schräg gegenüber steht das Gasthaus Starnbräu seit mehr als einem Jahr leer. Auch die Räume, in denen sich früher die Filialen von Edeka und der Commerzbank befanden, sind schon lange verwaist. Eine Modekette kündigt die Räumung an, in einem Hutladen gibt es zweimal pro Woche einen Ausverkauf. Kündigt sich so das Ladensterben auch in Bad Tölz an? Mitnichten, sagt Wirtschaftsförderin Sandra Herrmann. „Viele Leerstände haben bei uns ihre eigene Geschichte.“ Und die habe oft nichts damit zu tun, dass ein Ladeninhaber nicht so erfolgreich gewesen sei.
Bad Tölz hat einen Vorteil. Die Marktstraße mit ihren prächtigen Bürgerhäusern – von Touristikern auch als „Festsaal des Oberlands“ angepriesen – lockt viele Besucher an. Tagestouristen, Hotel- und Pensionsgäste, Wohnmobil-Camper, Besucher, die in Ferienwohnungen oder bei Freunden übernachten. Nach einer Studie der DWIF-Consulting GmbH aus München bescheren sie Tölz einen jährlichen Brutto-Umsatz von rund 104,6 Millionen Euro. Das in der Stadt aus dem Tourismus generierte Einkommen beläuft sich auf 53,2 Millionen.

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Die Stadt möchte sich darauf aber nicht verlassen. Mit hohen Pachten, steigenden Betriebskosten und der Konkurrenz durch den billigen Online-Handel haben auch die Einzelhändler in der Kurstadt zu kämpfen. „Wir sind nicht so naiv, zu glauben, dass alles bleibt, wie es ist“, sagt Herrmann. Rund 30 000 Euro sollen nun in ein überarbeitetes Einzelhandel-Entwicklungskonzept und in einen Masterplan Innenstadt fließen. Die Mittel müssen in den anstehenden Haushaltsberatungen noch genehmigt werden.

Eines ist für die Wirtschaftsförderin klar: Wenn sich in Tölz – wie andernorts – bald nur mehr Büros, Nagelstudios, Praxen und leere Läden trostlos aneinanderreihen, wird die Zahl der Gäste schrumpfen. Wie langweilig ein solcher Straßenzug aussieht, kann man auch in der Kurstadt beobachten. Vor einem Jahrzehnt gab es in der Nockhergasse, die parallel zur Fußgängerzone verläuft, noch viele kleine Läden. Mittlerweile ziehen dort etwa Ärzte oder Architekten aus den oberen Stockwerken nach unten. Oder die Schaufenster der Geschäfte sind verhängt. „Das ist genau die Entwicklung, mit denen Innenstädte überall konfrontiert sind“, so Herrmann.

Als das alte Einzelhandelskonzept vor elf Jahren erstellt wurde, sah die Situation zumindest in der Nockhergasse noch anders aus. Die Daten von damals sollen jetzt von einem Fachbüro aktualisiert werden. Man brauche eine ordentliche Grundlage für den Stadtrat, der im März 2026 neu gewählt wird, so Herrmann. In einem zweiten Schritt soll der Masterplan Innenstadt entstehen. „Wir wollen alle an einen Tisch holen, die Hausbesitzer, den Unternehmerverein, die Händler, die Dienstleister und die Stadt“, sagt die Wirtschaftsförderin. Alle müssten an einem Strang ziehen und jeder seinen Beitrag leisten, „damit sich hier etwas gut entwickeln kann“.

Ein Strategiepapier kann vom scharfen Wind, der in der Branche der Einzelhändler herrscht, allerdings rasch davon geweht werden. Das sieht Herrmann nicht ganz so. Die Stadt habe schon das eine oder andere Instrument, etwa die Festlegung innenstadtrelevanter Sortimente – also Waren, die nur im Stadtzentrum verkauft werden dürfen. Allerdings, räumt die Wirtschaftsförderin ein: „Die Probleme, die jeder Händler hat, kann so ein Einzelhandelskonzept nicht verhindern.“

Birte Stahl sieht die Aufgabe der Kommune darin, die richtigen Voraussetzungen für den Einzelhandel zu schaffen. „Die Stadt darf nicht Maklerin sein, sie mischt sich auch nicht in die Angelegenheiten zwischen Maklern, Hausbesitzern und Mietern ein“, sagt die Pressesprecherin der Stadt. Sie könne aber ein angenehmes Ambiente schaffen: schön gestaltete Sitzbänke, dezente Werbeanlagen an den Bürgerhäusern, richtige Beleuchtung. Für Herrmann geht es auch darum, die Kunden auf mehreren Kilometern von der Mühlfeldkirche zur Marktstraße und hinüber ins Kurviertel bis zum Vichyplatz zu lotsen, wo sich neue Läden angesiedelt haben. Deshalb habe man die Weihnachtsbeleuchtung nicht mehr nur auf die Fußgängerzone beschränkt, sagt sie.

Zu den Beiträgen der Stadt zählt Stahl überdies die Neugestaltung des Post-Areals durch die Immobilienfirma der Familie Worbs aus Gmund und den Umbau der benachbarten Hindenburg-Kreuzung durch die Stadt. Dadurch soll ein attraktives Entree zum Stadtzentrum entstehen. Ein Brückenschlag von der oberen Fußgängerzone zur Nockhergasse, wie die Sprecherin sagt: „Das soll eine Spange sein.“
Alles, was die Stadt sonst tun kann, sei „Kommunikation“, sagt Herrmann. Das Knüpfen von Kontakten zu den Protagonisten im Einzelhandel sei ein aufwendiger, aber wichtiger Part. Citymanagerin Alexandra Hieke sei ständig am Telefon und in der Innenstadt unterwegs, „mit wahnsinnig viel Mühe und Engagement“, lobt die Wirtschaftsförderin ihre Kollegin. So erfahre man früher von Mieterwechseln in den Geschäften oder von Umbauplänen, könne Hausbesitzer bei ihren Vorhaben darauf hinweisen, „was wünschenswert ist und wo Stolpersteine liegen könnten“.
„Im Austausch mit den Wirtschaftsförderern anderer Städte sehe ich, dass es uns in Bad Tölz noch ziemlich gut geht“
Die angekündigten Geschäftsaufgaben in der Fußgängerzone sind manchmal gar keine. Die Modekette, die ihre Räumung mit großen Plakaten anzeigt, ziehe nur um, sagt Herrmann: „Drei Häuser weiter.“ Für den Starnbräu und den ehemaligen Edeka hätten die Eigentümer inzwischen Interessenten. Das sanierungsbedürftige Haus mit dem Hutladen sei eben „ein bauliches Thema“. Herrmann macht sich „nicht so große Sorgen“, dass die Kurstadt zunehmend von Leerstand geprägt sein könnte. „Im Austausch mit den Wirtschaftsförderern anderer Städte sehe ich, dass es uns in Bad Tölz noch ziemlich gut geht“.

