Preisverleihung im Tölzer LandratsamtVon der Wärme der Kunst

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Ausgezeichnete und Auszeichnende (von links): Katja Deutsch, Laudator Johannes Umbreit, Max Kronawitter, Laudator Willi Weitzel, Karl-Heinz Bille, Laudator Christoph Schnitzer, Albert Maly-Motta und Landrat Josef Niedermaier bei der Preisverleihung im Landratsamt.
Ausgezeichnete und Auszeichnende (von links): Katja Deutsch, Laudator Johannes Umbreit, Max Kronawitter, Laudator Willi Weitzel, Karl-Heinz Bille, Laudator Christoph Schnitzer, Albert Maly-Motta und Landrat Josef Niedermaier bei der Preisverleihung im Landratsamt. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zeichnet Albert Maly-Motta und Karl-Heinz Bille vom Tölzer Marionettentheater mit dem Kunstpreis 2025 aus. Filmemacher Max Kronawitter aus Eurasburg wird für sein Lebenswerk geehrt. Die junge Cellistin Katja Deutsch aus Icking erhält den Förderpreis.

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Im Marionettentheater in Bad Tölz liegt ein Gästebuch aus. Nach einer Aufführung trug sich ein Zuschauer darin mit dem Satz ein: „Danke für ein bisschen Wärme in dieser kalten Zeit.“ Ebendies macht für Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) den Wert der Kunst aus. Sie sei unverzichtbar, weil sie die Chance biete, innezuhalten, über das Leben nachzudenken oder sich auch einfach nur mal zu zerstreuen, sagt er. Denn: „Kein Mensch kann immer nur funktionieren.“ Schon gar nicht in einer Welt, in der sich Ereignisse „gefühlt im Minutentakt“ überschlagen und echte oder vermeintliche Katastrophen die Nachrichten bestimmten.

Seit 2002 zeichnet der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in zweijährigem Turnus Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler oder auch Filmemacher in drei Kategorien aus. Den Kunstpreis, den Kulturehrenbrief fürs Lebenswerk und den Kunstförderpreis bekamen diesmal Albert Maly-Motta und Karl-Heinz Bille vom Tölzer Marionettentheater, der Filmemacher und Autor Max Kronawitter aus Eurasburg und die junge Cellistin Katja Deutsch aus Icking.

Landrat Josef Niedermaier hebt in seiner Begrüßungsrede den Wert der Kunst in einer schnelllebigen Zeit hervor.
Landrat Josef Niedermaier hebt in seiner Begrüßungsrede den Wert der Kunst in einer schnelllebigen Zeit hervor. (Foto: Harry Wolfsbauer)
Seit 25 Jahren leiten Karl-Heinz Bille (vorne links) und Albert Maly-Motta das Tölzer Marionettentheater. Im Hintergrund: Bürgermeister Ingo Mehner (links) und Laudator Christoph Schnitzer.
Seit 25 Jahren leiten Karl-Heinz Bille (vorne links) und Albert Maly-Motta das Tölzer Marionettentheater. Im Hintergrund: Bürgermeister Ingo Mehner (links) und Laudator Christoph Schnitzer. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Als Albert Maly-Motta noch jung war, hielt er im Salzburger Marionettentheater den Tamino aus Mozarts „Zauberflöte“ an den Fäden. Aber die Puppe zeigte sich widerspenstig. „Je mehr ich die Kontrolle wollte, desto mehr sperrte sich die Figur“, erinnert er sich. Seine Chefin riet ihm damals, er solle Tamino einfach gehen und spielen lassen. Marionetten haben ein Eigenleben und sind keine seelenlosen Figuren – das steht für Maly-Motta außer Frage.

Zusammen mit Bille, der aus einer Puppenspieler-Dynastie stammt, übernahm er das Tölzer Marionettentheater im Mai 2000. Derzeit führen dort zehn ehrenamtliche Spieler die etwa 700 Puppen. Die beiden Preisträger hätten sich den Herausforderungen einer immer schneller sich drehenden Medienwelt gestellt, sagte Journalist und Autor Christoph Schnitzer, der die Laudatio hielt. „Sie haben neue Formate, eine neue Bildsprache geschaffen, damit unsere kleinen Freunde, die Marionetten, überleben können.“

In dem Stück „Kristallplanet“ sitzen die Zuschauer plötzlich als Mitreisende im Raumschiff

Die Marionettenspieler setzen moderne Technik ein, um Märchen, Opern oder Stücken wie dem Brandner Kaspar ein zeitgemäßes Outfit zu geben. In der Eigenproduktion „Kristallplanet“, die vom 8. November an wieder auf dem Spielplan steht, finden sich die Zuschauer etwa per Computeranimation plötzlich selbst als Mitreisende in einem Raumschiff wieder. Ein kleines Mädchen sei nach der Aufführung gefragt worden, wie es ihr denn gefallen habe, so Schnitzer. Die Antwort: „Das ist ja wie ein schöner Film, wie 3D.“

Der Laudator lobte auch die Stadt, die das 1908 von Apotheker Georg Pacher gegründete Marionettentheater immer unterstützt habe. 1952 wurde das Haus auf dem Areal des alten Schlosses neu errichtet, nachdem es zuvor am Bürgergarten angesiedelt war. In der Corona-Zeit sicherte die Stadt mit Zuschüssen das Überleben des kleinen Theaters. Bis heute haben die Besucherzahlen jedoch nicht wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht. Ein wenig mehr Werbung durch die Kommune könnte da nicht schaden, befand Schnitzer. Schließlich stehe das Tölzer Marionettentheater in einer Reihe mit den Häusern in Salzburg, München, Augsburg oder Lindau.

Den Kulturehrenbrief erhält Filmemacher Max Kronawitter für sein Lebenswerk. Diesen Preis haben vor ihm unter anderem Klaus Doldinger, Vicco von Bülow, Gerhard Schmidt-Gaden, Albert von Schirnding oder auch Friedrich Ani bekommen.
Den Kulturehrenbrief erhält Filmemacher Max Kronawitter für sein Lebenswerk. Diesen Preis haben vor ihm unter anderem Klaus Doldinger, Vicco von Bülow, Gerhard Schmidt-Gaden, Albert von Schirnding oder auch Friedrich Ani bekommen. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Unter den Gästen der Feierstunde im Landratsamt befanden sich auch Prinz Ludwig von Bayern und Erzpriester Apostolos Malamoussis. Sie waren wegen Max Kronawitter gekommen, dem sogenannten Theologen mit der Kamera. Mit seiner 1989 gegründeten Firma „Ikarus“ hat er etwa 250 Dokumentarfilme und TV-Beiträge gedreht, oftmals als Autor, Regisseur, Kameramann, Produzent und Cutter in einer Person. Darunter auch den Film „Vom Königsschloss ins Wüstenzelt“. Dafür begleitete er Prinz Ludwig nach Kenia und dokumentierte, wie der Wittelsbacher dort Schulen gründet, Computerkurse initiiert, gegen die Zwangsheirat kleiner Mädchen kämpft.

Die Themen, die Kronawitter wählt, sind aufwühlend. „Fast alle Filme haben herausfordernde Titel. Du willst nicht unterhalten, du willst viel mehr“, sagte Laudator Willi Weitzel, Moderator und Produzent, bekannt durch die TV-Reihe „Willi will’s wissen“, in Richtung des Geehrten. Meist geht es in Kronawitters Werken um Existenzielles: um Sterben und Tod, bittere Armut, Nazi-Diktatur, Kirche und Spiritualität. „Er will geben, trösten, schenken, nachdenklich machen“, so Weitzel.

„Er will geben, trösten, schenken, nachdenklich machen“, sagt TV-Moderator Willi Weitzel, der die Laudatio auf Max Kronawitter hält.
„Er will geben, trösten, schenken, nachdenklich machen“, sagt TV-Moderator Willi Weitzel, der die Laudatio auf Max Kronawitter hält. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Für seine Filme zieht der Theologe, der in Rom studierte und bei Radio Vatikan hospitierte, mit kleinem Equipment mal in die Region, mal um den Erdball. Er filmte etwa Familien, die auf den Philippinen auf Müllbergen leben, oder Kinder, die zur Prostitution gezwungen werden. Er erzählte aber auch vom Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus Dachau, einem Pfarrer im Rollstuhl, vom Leben eines Schwerstbehinderten. „Ich bin nie als Journalist angetreten, sondern von Anfang an als Theologe“, sagt der Tassilo-Preisträger der SZ über sich selbst.

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Weil er seine Protagonisten nicht bloß abfilmt, sondern mitfühlend begleitet, kommt er ihnen ganz nahe. So wie dem Mädchen, das einen Gehirntumor hat und bald sterben wird, in der Doku „Ein Sommer für Wenke“.  Die 14-Jährige sagte, was sie noch zu sagen hatte, in die Kamera wie zu einem Freund. Und bat Kronawitter, die Trauerrede bei ihrer Beerdigung zu halten. Das sei „harte Kost“, die er sich selbst und den Zuschauern zumute, sagte Weitzel.  „Wir ehren dich, weil du die Welt durch deine Sichtweise bedeutungsvoller machst.“

Die Cellistin bekommt den Kulturförderpreis. Während ihres Vorspiels wird sie von ihrem Laudator, Professor Johannes Umbreit, begleitet.
Die Cellistin bekommt den Kulturförderpreis. Während ihres Vorspiels wird sie von ihrem Laudator, Professor Johannes Umbreit, begleitet. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Johannes Umbreit hatte ein Déjà-vu-Erlebnis. Vor 15 Jahren stand der Professor von der Hochschule für Musik und Theater München schon einmal am Rednerpult bei der Kunstpreisverleihung, um Sophie Herbig aus Icking zu würdigen. Nun tat er dies für ihre jüngere Halbschwester Katja Deutsch. Die 24-jährige Cellistin absolvierte ihr Bachelor-Studium bei Professor Sebastian Klinger an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, derzeit macht sie ihren Master bei dem Solisten Jean-Guihen Queyras in Freiburg. Daneben gibt sie immer wieder Konzerte, hilft im Mozarteum-Orchester Salzburg oder beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks aus.

Das richtige Instrument, die richtigen Lehrer, die richtigen Eltern – und dann ein Glücksengel, der die Weichen stellt

Umbreit skizzierte, was für den erfolgreichen Weg einer hochtalentierten Nachwuchsmusikerin zusammenkommen muss: das richtige Instrument, der richtige Lehrer, die Vereinbarkeit von Schule und Musikunterricht – und Eltern, die ihr Kind nicht in ein Wunderkind-Dasein drängen, aber helfen, nicht zuletzt auch finanziell. „Hat man einen Glücksengel, der die Weichen stellt, dann ist es hoch spannend zu beobachten, wo die Leute landen“, so Umbreit. Katja Deutsch wünschte er, dass sie als Cellistin im Musikbetrieb „eine Ecke findet, wo sie sich wohlfühlt“.

Von welcher Ausdrucksstärke ihr Cellospiel ist, zeigte Katja Deutsch eindrucksvoll mit zwei berühmten Werken der Kammermusik für dieses Instrument: der Elegie für Violoncello und Klavier, Op. 24, von Gabriel Fauré und dem Adagio und Allegro, Op. 70, von Robert Schumann. Den Abend gestalteten überdies Sängerin Rita Kapfhammer, Kunstpreisträgerin von 2018, und die Konzertpianistin Masha Dimitrieva mit Stücken vom Mozart, Chopin und Liszt. Den ersten Kulturehrenbrief erhielt vor 23 Jahren übrigens ebenfalls ein Musiker: Klaus Doldinger, der am 16. Oktober mit 89 Jahren in Icking starb, wurde damals für sein Lebenswerk geehrt.

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