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Bad Tölz:Kunst des Überlebens

Flüchtlinge malen ihre halsbrecherische Reise und bewältigen so Traumata. Künstler greifen das Thema auf. Thomas Kilpper stellt in der Wandelhalle bewegende Werke aus

Hussein Salama ist glücklich, dass er in der Wandelhalle malen und zeichnen kann - alles, was er will. Vor eineinhalb Jahren ist der junge Mann aus Syrien geflohen, seit zwei Monaten wohnt er im Jodquellenhof. Hussein hat in Aleppo Architektur studiert. Für die Ausstellung "Flucht und Migration", die am Samstag eröffnet wird, hat er sechs Bilder beigetragen; technisch versierte Zeichnungen, über die er gerne reden will. Zum Beispiel über sein Lieblingsbild: Ein König sitzt auf einem Thron, Messer und Gabel in der Hand. Eine nackte Frau kauert unter dem Tisch, ein Kopf ist nicht mehr erkennbar. "Der Diktator saugt sein Volk aus", sagt Hussein. "Flucht und Migration" lautet das Thema der vorletzten Ausstellung der Reihe "HALLE - Politik".

Es ist die bisher bunteste Aneignung der Halle durch Kunst im Rahmen der vierteiligen Reihe. Sie bespielt das lang gestreckte Gebäude mit Bildern und Objekten unterschiedlichster Techniken und Formate; so vielfältig wie die Künstler, die hier am Werk waren. Bilder von Flüchtlingen, die noch nie in ihrem Leben gemalt haben, hängen neben Zeichnungen, Linoldrucken, Radierungen und Objekten des renommierten Zeichners und Installationskünstlers Thomas Kilpper.

Die ehrwürdige Wandelhalle in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Flüchtlingen im Jodquellenhof - diese Situation wollte der in Berlin lebende Künstler aufgreifen und den funktionslos gewordenen Raum mit den Flüchtlingen und ihren Erfahrungen neu beleben. Kilpper, der an der Akademie für Kunst und Design im norwegischen Bergen unterrichtet, nahm Kontakt zu der Tölzer Kunsttherapeutin Maria Demmel auf. Zwei Monate malte und zeichnete sie in wöchentlichen Workshops mit den Flüchtlingen, die im Jodquellenhof und im Camp am Kranzer in Reichersbeuern wohnen. Zehn seien regelmäßig gekommen, sagt Demmel. Männer und Frauen aus Afghanistan, Syrien, Nigeria und Eritrea. Vorgaben habe es nicht gegeben. Und es sei nicht sein Anliegen gewesen, "dass Meisterwerke entstehen", betont Kilpper. Die Menschen sollten malen, was sie beschäftigt. Dadurch könnten Traumata bewältigt werden, sagt die Therapeutin Demmel. "Viele leben in einer Zwischenwelt - sind noch nicht angekommen und nicht mehr daheim".

Kilpper sieht eher den künstlerischen Aspekt. Er ist begeistert von den Bildern, die etwa Tracy Micheal aus Nigeria gemalt hat. "Sie hat keine künstlerische Erfahrung, aber die Großzügigkeit ihrer Bilder beeindruckt mich sehr." Bunt sind die meisten der ausgestellten Werke, manche unvollständig, manche kindlich. Tiere, Pflanzen, Motive aus der Heimat, immer wieder Flaggen. So wie bei Mohamed Saif, der ein fast prototypisches Fluchtbild gemalt hat: Der syrische Machthaber Assad mit brennender roter Flagge, ein IS-Kämpfer mit Schwert im Rücken. Ein überfülltes Flüchtlingsboot, Ertrinkende. Am rettenden Ufer die deutsche Flagge, die mit offenen Armen winkt.

Das spannende an der Ausstellung ist ihre Vielfalt. Denn zwischen die leuchtenden Tempera-Bilder mischen sich dunkle Kohlezeichnungen und Fahnen mit Linoldrucken von Kilpper: Eine Chronologie brennender Flüchtlingsunterkünfte, gezeichnet nach Pressefotos: "Freital 5.11.2015" oder "Bad Oldesloe 4.1.2015". Wachtürme, nackte Häftlinge in der Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen. Bilder, die die politische Dimension von Unterdrückung, Willkür und Gewalt thematisieren. Es soll ein gleichberechtigtes Nebeneinander der verschiedenen Werke sein. Und ein voneinander Lernen auf Augenhöhe. "Denn auch ein Zusammenleben funktioniert am besten ohne hierarchische Strukturen."

Nach diesem Prinzip hat der 59-Jährige auch die Ausstellung gestaltet: Dachlatten als Rahmengestelle, die improvisiert wirken und den Raum strukturieren. Die leichten Rahmen ermöglichen Durchblicke und eine Korrespondenz zwischen den Werken. Struktur geben auch lange Tische, auf denen Fundstücke ausgestellt sind. Objekte, die auf der Flucht zurückgelassen wurden und die Kilpper im Rahmen seines Lampedusa-Projektes gesammelt hat: Ein Notizblock mit Telefonnummern, Familienfotos, ein eritreischer Führerschein, arabische Marmelade. Die Menschen hätten auf ihrer Reise eine bewusste Entscheidung treffen müssen, "was nehme ich mit, was lasse ich da", sagt Kilpper.

Die Reise durch die Ausstellung mündet in einem Hafen: Venedig. Ein elf Meter langer Auszug einer preisgekrönten Fotomontage des Frankfurter Künstlers Holger Wüst. Venedig, jahrhundertelang Handelsmetropole und für Wüst ein Sinnbild für Kapitalismus. Die Flüchtlinge kommen nicht mit Schlauchbooten, sondern per Kreuzfahrtschiff, am Bug Karl Marx als Galionsfigur. "Es soll ein selbstbewusstes Kommen sein", sagt Wüst. "Von Menschen, nicht einfach von Massen."

Ausstellung in der Wandelhalle, Ludwigstraße 14, Bad Tölz, 24. April bis 14. Mai, geöffnet jeweils Mittwoch bis Sonntag, 18 bis 20 Uhr. Eröffnung am Samstag, 23. April, 17 bis 19 Uhr.