Im tropischen Klima mit Temperaturen von mehr als 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit reicht es schon aus, langsam zu gehen, um in ein paar Minuten vollkommen nassgeschwitzt zu sein. Unter solchen Bedingungen auf Zeit 1,9 Kilometer zu schwimmen, 90 Kilometer Rad zu fahren und noch 21,1 Kilometer zu laufen, ist für die meisten wohl nur schwer vorstellbar.
Nicht für Jascha Breithaupt. Er kam über all diese Halbdistanzen im Ironman auf Sri Lanka am 22. Februar nach vier Stunden und neun Sekunden ins Ziel. Damit hat sich der 32-jährige Extremsportler, der als Lehrer im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen arbeitet, bereits zum zweiten Mal nach 2025 für die Weltmeisterschaft in dieser Kategorie qualifiziert.
„Für mich ist so ein Rennen wie ein Spiegelbild des eigenen Lebens“, sagt Breithaupt. „Ich weiß, es wird hart, es wird wehtun. Aber ich bin fähig, den Weg zu bestreiten, Schmerzen, Leid und Widerstände zu überwinden.“ Im Ironman-Sport gehe es für ihn vor allem darum, sich der Herausforderung zu stellen und dafür mental an sich selbst zu arbeiten. Die Sportart vermittle ihm, sich den eigenen Ängsten zu stellen und an sich zu glauben. Gleichzeitig sei er sehr leistungsorientiert und trainiere, um die Grenzen der eigenen körperlichen Belastbarkeit nach oben zu verschieben.
„Nach den persönlichen Grenzen zu suchen, ist ein Motiv, das reizt“
Genau dies dürften für Professor Oliver Stoll einige der zentralen Impulse dafür sein, warum Menschen sich den Härten von Extremsportarten stellen. „Zu schauen, was kann ich, was kann ich nicht, nach den persönlichen Grenzen zu suchen, ist ein Motiv, das reizt“, sagt der geschäftsführende Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg und sportpsychologische Berater. Solche Sportler bewegten sich in einer Bubble, also Blase, unter Gleichgesinnten.
In diesen Gruppen relativiert sich das Verhältnis zu Distanzen. Hielten andere einen Marathonlauf mit 42 Kilometern für extrem, steckten Ultraläufer 160 Kilometer locker weg, so Stoll. Durch das lange Training ändere sich die subjektive Wahrnehmung. „Da ist eine Normierung da“, sagt der Sportpsychologe. „Da ist für die Sportler nichts mehr Besonderes daran.“

Gerade in psychologischer Hinsicht sei er durch den Ironman-Sport gewachsen, sagt Breithaupt. Gleichzeitig sei er sehr leistungsorientiert – vom Fußball in der Kindheit, über den Kraftdreikampf Powerlifting bis zu den heutigen Aktivitäten. „Ich vergleiche mich nur nach oben“, sagt der 32-Jährige. Dabei versuche er, sich abzuschauen, wie die schnelleren und stärkeren Athleten trainierten. „Ich sehe nur die, die vor mir sind. Die langsamer sind, haben für mich keine Relevanz.“
Die Faszination, die eigenen Leistungsgrenzen zu verschieben, ist im Trend, die Szene der Extremsportler wächst. Das lässt auch die gewachsene mediale Berichterstattung vermuten. Ultrasportler seien trotzdem keine außergewöhnlichen Persönlichkeiten, sie unterschieden sich kaum vom Otto Normalverbraucher, betont Oliver Stoll. Sie bekämen aber ein unglaublich positives Gefühl der Bekräftigung, ihr Sport habe großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl. Wer etwa einen Ultramarathon laufe, teile mit anderen die Erfahrung, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben. Viel zu trainieren, Zeit mit sich selbst in der Natur zu verbringen, könne sehr stressregulierend sein, sagt Stoll.
Die Leistungsgesellschaft fördere die Extremsportarten
Mögliche Erklärungsansätze für den Boom der Extremsportarten sieht Jana Strahler auch in der Leistungsgesellschaft und den Optionen zur Selbstinszenierung in den Sozialen Medien. „In Mitteleuropa verschiebt sich unser Schönheitsideal vom model-schlanken zu einem fitten, athletischen Körperbild“, sagt die Professorin für Sportpsychologie an der Universität Freiburg.
In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Gruppe der Extremsportler präsenter. Daraus entstünden Vorbilder, an denen sich jüngere Menschen orientierten. In der Szene könne man mit Leistungen Bestätigung bekommen und Selbstwirksamkeit erfahren. „Das ist identitätsstiftend“, sagt die Professorin. „Bestätigung zu finden, ist ein psychologisches Grundbedürfnis.“
„Im Alltag grübeln wir, Extremsport dagegen ist Handeln“
Im Extremsport liegt der Fokus zudem auf dem Hier und Jetzt. „Der Sport vermittelt Intensität und Klarheit, ermöglicht ein unmittelbares Feedback“, sagt Sport- und Gesundheitspsychologin Strahler. Entscheidungen hätten direkte, mitunter lebensgefährliche Konsequenzen, die unmittelbar spürbar seien. „Wir erleben Selbstwirksamkeit, können uns fühlen“, sagt sie. Wer ganz im Hier und Jetzt agiere, erlebe den klassischen Flow-Zustand. „Wir gehen vollkommen im Moment auf, sind hoch konzentriert.“
Im gesellschaftlichen Alltag dominieren dagegen Routinen mit vielen parallelen Anforderungen und abstrakten Zielen. „Im Alltag grübeln und planen wir“, so Strahler. „Extremsport dagegen ist Handeln. Das gibt einen Kick und psychische Klarheit, ist wie mentales Aufatmen.“ Viele suchten etwas, das im Alltag zu kurz komme.
Durch das sogenannte „Sensation Seeking“ – das Bedürfnis nach neuartigen und intensiven Reizen – sind die Extremsportler auch bereit, Risiken einzugehen. Dies verbindet sie, darin sind sich die beiden Psychologen einig. Gleichzeitig handele es sich nicht um Draufgänger, sondern Menschen, die Risiken realistisch einzuschätzen versuchten, viel reflektierten und sich akribisch vorbereiteten. Darunter falle etwa auch, die eigene Ernährung auf das Training abzustimmen.

Auch Breithaupt folgt einer genau definierten Trainingsroutine. Aktuell kommt er auf acht bis zehn Stunden pro Woche – im Schwimmen, Laufen und Radfahren. Auf 13 bis 16 Stunden treibt er das Pensum dann nach oben, je näher ein Wettkampf wie der auf Sri Lanka kommt. Dort wurde er Dritter in seiner Altersklasse und Elfter in der Gesamtwertung unter 410 Startern. Für ein optimales Ergebnis gehe es darum, den eigenen Fettstoffwechsel zur Energiegewinnung zu optimieren, sagt Breithaupt. In puncto Ernährung setzt er vor allem darauf, gute Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.
Bis zur Weltmeisterschaft der Ironman-Halbdistanz, die Mitte September im französischen Nizza stattfindet, will Breithaupt seine optimale Leistungsfähigkeit erreichen. Am Ziel sieht er sich in seiner Sportart noch lange nicht. 2027, so sagt er, könnte das erste Jahr werden, in dem er sich auf die Volldistanz konzentriere. Das befriedige sein Entwicklungsbedürfnis. „Ich will mehr und ich kann mehr.“

