Nein, anschieben muss diesen Schulleiter niemand. Im Gegenteil. „Saus’ mer los“, sagt Andreas Stefan verschmitzt, dreht sich um 90 Grad und macht Tempo mit dem linken Bein. „Vollgas!“, sagt er und lacht. Die Türen sind breit, Schwellen gibt es offenbar keine in dem lichtdurchfluteten Gebäude am Alten Bahnhofsplatz, dafür einen Aufzug und automatische Türen in der Schülertiefgarage. Seit einigen Jahren ist die Tölzer Fach- und Berufsoberschule (Fos-Bos) bereits barrierefrei. Nun wollen Stefan und sein Kollegium noch einen großen Sprung nach vorn machen. Die Fos-Bos soll zertifizierte Inklusionsschule werden. Was heißt das?
„Inklusion bedeutet für uns, dass alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen, Behinderungen oder sozialen Hintergründen in einer gemeinsamen Lernumgebung so unterrichtet werden, dass sie ihr volles Potenzial ausschöpfen können“, sagt Stefan. Natürlich müssten sie grundsätzlich die Eignung mitbringen, das Fachabitur oder Abitur zu bestehen. „Dann aber wollen wir auch die Gehandicapten mitnehmen. Und da braucht’s Profis!“

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Formen der Beeinträchtigung gebe es viele, sagt die stellvertretende Schulleiterin Gabriele Zeiler. Die körperlichen machten an der Fos-Bos nur einen kleinen Teil aus. Im Gegensatz zu den psychischen. Die nähmen seit Jahren kontinuierlich zu. „Autismus, Prüfungsangst, Depressionen, Magersucht – das Spektrum ist weit“, sagt Zeiler. Zwischen 20 und 30 der rund 300 Schülerinnen und Schüler seien derzeit bekanntermaßen davon betroffen. „Wir fragen das schon bei der Anmeldung ab.“

Klar ist: An dieser Schule muss sich niemand verstecken, wenn er nicht der Norm entspricht. Keiner vermittelt das so überzeugend wie der Rektor im Rollstuhl, der an diesem Januarmorgen gute Laune für zwei versprüht. „Das ist mein Vorteil“, sagt er. „Ich kann das vorleben.“ Stefan arbeitet seit 1998 an der Fos-Bos. Seit zehn Jahren ist er krankheitsbedingt auf einen Rollstuhl angewiesen. Was sich damit für ihn als Schulleiter geändert habe? „Nichts“, sagt er lächelnd, „nichts.“
Das Schul- und Arbeitsklima an der Fos-Bos sei außergewöhnlich gut, sagt Gabriele Zeiler. Das gesamte Kollegium arbeite auf Augenhöhe und duze sich, während Schüler und Schülerinnen konsequent gesiezt würden. „Das sind junge Erwachsene, die wir entsprechend behandeln.“ Respektvoll gingen die Schülerinnen und Schüler auch miteinander um, ausgeschlossen werde niemand. „Wem nichts fehlt, der hat Glück gehabt“, sagt Stefan. „Und alle anderen gehören auch dazu.“


Die Gänge sind gesäumt von ansprechenden Kunst- und Foto-Arbeiten, Collagen und Technikmodellen. Keine Frage, in diesem Haus wird kreativ gearbeitet, auch wenn der Zweig Gestaltung in Tölz nicht angeboten wird. Zudem laufen über alle Wände farbige Streifen, die zu großen Buchstaben und Ziffern führen. „Damit sich auch Leute mit Sehschwäche zurechtfinden“, sagt Stefan und rollt an einem grünen B1 vorbei. Schräg darüber leuchtet eine große Ananas.
Was ihn freut: Das Kollegium habe einstimmig dafür votiert, dass sich die Fos-Bos, die sich bereits „Schule ohne Rassismus“ nennen darf, auch für das Profil Inklusion starkmacht. Nach einem strengen und aufwendigen Bewerbungsverfahren hat nun eine zweijährige Implementierungsphase begonnen. Ihr Kooperationspartner ist das Landschulheim Elkofen, eine Realschule zur sonderpädagogischen Förderung.
Zudem soll es Fortbildungen mit lokalen Partnern wie dem Real-Verbund in Tölz geben, der Menschen mit psychischen Erkrankungen und sozialen Schwierigkeiten unterstützt. „Das Kultusministerium finanziert uns 14 zusätzliche Wochenstunden“, sagt Stefan. „Damit können wir noch professioneller auf Schülerinnen und Schüler eingehen, die einen besonderen physischen oder psychischen Förderungsbedarf haben.“


Der Flur B1 mündet in einem Zwischenbau. Dort steht die Tür zu einem Büro offen. Das Anschlagbrett daneben ist gespickt mit Ausdrucken und Plakaten. „Schulberatung macht stark“, steht auf einem. Darunter ein handgeschriebener Zettel: „Schweinehund-Workshop im Raum D0/9“.
Wie man Blockaden überwindet, sich motiviert und an einer Sache dranbleibt, das weiß Martina Trischberger, die ihren Schreibtisch hinter der blauen Tür hat. Die Schulpsychologin ist vier Tage die Woche im Haus. Wer etwa eine Angststörung hat, kann zu ihr in die Einzelberatung kommen. Zudem bietet sie Workshops an. Das Angebot werde sie kontinuierlich auf den Bedarf abstimmen, erklärt sie. „Das ist ein Prozess.“ Wichtig sei, dass es auch Spaß mache. Die jungen Leute kämen ja freiwillig zu ihr und besuchten die Workshops neben dem regulären Unterricht.
Trischberger gehört zu einem multiprofessionellen Team, das Schüler wie Lehrer auf dem Weg zur zertifizierten Inklusionsschule unterstützt. Mit dabei sind außerdem eine Schulsozialpädagogin, ein Beratungslehrer und eine Sonderpädagogin. „Ich hätte früher nicht gewusst, wie ich einem Autisten begegnen soll“, räumt Schulleiter Stefan ein. „Jetzt sage ich zum Beispiel, dass er jederzeit einen Schallschutzkopfhörer aufsetzen kann.“

Viele handfeste Tipps hat das Inklusionsteam bereits in Form von Notfall-Karten gebündelt. Die sind in jedem Klassenraum greifbar und können von Schülern wie Lehrern zurate gezogen werden. „Was mache ich, wenn im Unterricht jemand eine Panikattacke bekommt?“, fragt Stefan. Da sei man erst einmal hilflos. Eine Antwort finde sich in den Karten. „Bei leichteren Fällen die Schulpsychologin rufen, bei Atemnot den Sanka.“
In zwei Jahren könnte das Inklusionssiegel an der Eingangstür hängen. Damit hätte die Fos-Bos ein Alleinstellungsmerkmal in einem Umkreis von 50, 60 Kilometern, schätzt Stefan. Was sie jetzt schon auszeichnet: Sie ist eine Schule, an der auch die Lehrenden Lust haben, dazuzulernen. „Wir müssen uns alle weiterentwickeln“, sagt der Rektor.
So bunt gemischt wie die Schülerschaft sei auch das Kollegium – mit Gymnasial- und Berufsschullehrerinnen, Meistern und Mitarbeitern mit Zusatzausbildungen. Das helfe, sagt Stefan. „Heterogenität bringt Offenheit. Und Offenheit bringt Toleranz.“

