Städtebauprojekt:Neues Leben im alten Viertel

Städtebauprojekt: Herzstück im Gries: Am Jungmayrplatz mit seinem Brunnen beginnen am 12. Juli die Bauarbeiten für die Umgestaltung des Viertels.

Herzstück im Gries: Am Jungmayrplatz mit seinem Brunnen beginnen am 12. Juli die Bauarbeiten für die Umgestaltung des Viertels.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Stadt Bad Tölz beginnt mit der Neugestaltung der denkmalgeschützten Handwerkersiedlung "Gries". Dort sollen künftig Märkte, Feste und Kleinkunst stattfinden. Der erste Bauabschnitt kostet etwa 1,25 Millionen Euro.

Von Klaus Schieder

Die meisten Touristen flanieren in Bad Tölz durch die Fußgängerzone mit ihren großen Giebelhäusern, nur wenige verirren sich hingegen in eines der ältesten Stadtviertel, das gleich nebenan liegt. Der "Gries", der vielleicht noch vor der Marktstraße gebaut wurde, mutet mit seinen Gassen und Gässchen, seinen niedrigen Häusern, die sich aneinander schmiegen, noch immer mittelalterlich an. Handwerker wohnten hier einstmals zwischen Stadtpfarrkirche und Isar, auch Fischer und Flößer. Viele Jahre dämmerte das pittoreske Viertel in einer Art Dornröschenschlaf, aber nun soll es eine Schönheitskur bekommen. Die seit 2017 geplante Umgestaltung beginnt am Montag, 12. Juli. Wenn sie abgeschlossen ist, sollen dort unter anderem Quartierfeste, Kleinkunst-Veranstaltungen und Handwerkermärkte stattfinden. Geplant sei "ein kommunikativer Raum mit einer hohen Aufenthaltsqualität", sagt Stadtbaumeister Florian Ernst.

Die Bauarbeiten beginnen rund um den Brunnen am Jungmayrplatz. Der sei ja das Herzstück im Gries, sagt Ernst und lächelt: "Es ist also eine OP am offenen Herzen." Vor zwei Jahren schon hatten die Stadtwerke dort den Kanal saniert und die Hausanschlüsse überprüft, nun soll erst einmal der Breitbandausbau in dem Viertel erfolgen. "Wir versuchen schon, möglichst viele Sparten zu koordinieren, aber das ist nicht so einfach, weil nicht nur die Stadt beteiligt ist, sondern viele Firmen", sagt Zweiter Bürgermeister Michael Lindmair (FWG).

Am Jungmayrplatz, der Konradgasse und dem nördlichen Teil der Botengasse wird sodann der Straßenbelag ausgetauscht. Entlang der Häuserfronten wird ein 90 Zentimeter langes Band an Gredplatten verlegt, sämtliche Bordsteine in dem künftig barrierefreien Viertel werden entfernt. Damit entsteht eine Vorzone, auf der die Anwohner etwa Sitzbänke, Pflanztröge oder Spaliere für Blumen aufstellen können. "Wir wollen das Leben wieder aus den Häusern auf die Straße bringen", sagt Ernst. Die Leute im Gries, die oft kleine oder gar keine Balkone haben, sollen draußen auf den Bänken sitzen, sich mit Nachbarn treffen und ratschen können.

Die Straße selbst bekommt ein neues Pflaster, das einen seltsamen Namen hat: "Wilder Verbund". Dies ist kein übliches Kopfsteinpflaster. Der Wilde Verbund bestehe aus Steinen in sechs verschiedenen Formaten und in drei Farbtönen, sagt Ernst. Der Belag sei langlebig, außerdem verursachten Autos auf seiner gesägten und ebenen Oberfläche weniger Geräusche. Der Zwischenraum zwischen den Steinen bestehe auch nicht aus kleinen Fugen, sondern werde ausgegossen. Zwischen den Gredplatten und dem Pflaster gibt es eine drei Zentimeter hohe Kante. Die sei für Rollstuhlfahrer leicht zu überwinden, aber hoch genug, damit Sehbehinderte sie ertasten können, erklärt der Stadtbaumeister. Nicht ganz in der Mitte des Jungmayrplatzes und der Gassen soll wie ein durchgezogenes Band eine neue Regenrinne verlaufen, die etwas tiefer liegt.

Städtebauprojekt: Die Zahl der Parkplätze wird von 115 auf 75 verringert.

Die Zahl der Parkplätze wird von 115 auf 75 verringert.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Und noch etwas wird umgerüstet: die Straßenbeleuchtung. Künftig sollen Hillerbrand-Leuchten wie im neugestalteten Taubenloch-Park für mehr Licht sorgen. "Wir werden an drei Stellen zusätzlich Leuchten errichten", so Ernst. Im Gries solle es "keine Dunkelstellen" mehr geben. Außerdem verschwinden die alten Stromkästen aus dem Viertel. Sie werden durch sogenannte Senk-Elektranten ersetzt - viereckige Kästen zur Stromversorgung, die sich in der Straße versenken lassen. Veranstalter von Festen oder Märkten "müssen sich also nicht irgendwas besorgen, sondern haben die Infrastruktur da", betont Lindmair.

Ein Problem in dem alten Handwerkerviertel sind die Parkplätze. Wer im Gries wohnt, hat in der Regel für sein Auto keine Garage oder gar eine Tiefgarage. Ein Ziel der Umgestaltung ist aber nun einmal, die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Eine Impulsgruppe mit Stadträten, Mitarbeitern der Stadtverwaltung und Bewohnern des Gries kam deshalb noch vor der Corona-Pandemie überein, die Zahl der Stellflächen von 115 auf 75 zu verringern. Die schräg angelegten Parkplätze werden auf dem neuen Belag mit Markierungsnägeln angezeigt. Wie dies aussieht, ist derzeit schon an einem Beispiel auf dem Jungmayrplatz zu sehen. Ein Vorteil der Stellplatz-Reduzierung sei, dass Rettungsfahrzeuge künftig leichter durch das Viertel kommen, sagt Ernst. "Ein Hauptproblem beim Thema Parken im Gries ist, dass es Zeiten gibt, wo die Feuerwehr nicht durchkommt." Deshalb sei geplant, noch eine Probefahrt mit einem Feuerwehrauto mit Drehleiter zu machen.

Der Wegfall von Parkplätzen gefällt nicht allen Anliegern. In der Bürgerbeteiligung der Stadt habe es da Pro und Contra gegeben, sagt der Zweite Bürgermeister: "Die Reaktionen reichten von ,Super' bis zu ,Das geht gar nicht'." Bislang hat jedes Mitglied einer Familie, die im Gries wohnt, einen Park-Berechtigungsausweis. Künftig werden manche ihren Wagen wohl im Zentralparkhaus, am Parkplatz Kolbergarten oder auf dem Parkplatz der Stadtwerke abstellen müssen. "Man muss sehen, wie sich das künftig entwickelt, ob man da nachbessern muss", meint Birte Otterbach, Pressesprecherin der Stadt. Für Stadtbaumeister Ernst dürfte das Parken im Gries "ein ewiger Streitpunkt bleiben". Lindmair weist indes darauf hin, dass die Anwohner ja befragt worden seien. "Wir hätten da nichts oktroyiert."

Städtebauprojekt: Das denkmalgeschützte Gries ist eine der wenigen Handwerkersiedlungen in Deutschland, die noch im ursprünglichen Zustand erhalten ist.

Das denkmalgeschützte Gries ist eine der wenigen Handwerkersiedlungen in Deutschland, die noch im ursprünglichen Zustand erhalten ist.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Ausgaben für den ersten Bauabschnitt der Neugestaltung im Gries beziffert Ernst grob auf etwa 1,25 Millionen Euro. Auf diese Summe mag er sich jedoch nicht festnageln lassen, denn mit einem historischen Stadtteil verhält es sich wie mit einem alten Haus: Vor unerwarteten Entdeckungen, die mehr Geld kosten, ist man nicht gefeit. Über die Bauabschnitte zwei und drei will er sich noch nicht äußern. Dann geht es um den Hochwasserschutz in dem Viertel - unter anderem um die Frage, ob die Rohre, die vom Rehgraben und der Krankenhausstraße herunterreichen, erneuert werden sollen. "Das muss politisch entschieden werden", sagt Ernst. Klar sei: "Das kostet richtig Geld."

Die Schönheitsoperation für das alte Handwerkerviertel soll bis zum Sommer 2022 beendet sein. Während der Arbeiten sollen die Gassen für den Verkehr weitgehend offen bleiben, allerdings werde eine Vollsperrung nicht immer zu verhindern sein, so Ernst. Da die Gassen bis zu 50 Zentimeter tief umgegraben werden, legt die Stadt grüne Teppiche für Bewohner und Besucher aus. "Damit sie sauberen Fußes durch den Dreck kommen." Am Ende, sagt Lindmair, "wollen wir ein neugestaltetes Gries, von dem alle ganz lange profitieren können." Eine so komplett erhaltene Handwerkersiedlung - die als Ensemble unter Denkmalschutz steht - gibt es nur selten in Deutschland. Für Ernst ist der Gries eines der ursprünglichsten Stadtviertel in ganz Deutschland. Und der älteste Teil von Tölz? Lindmair lacht. Darüber gebe es ja schon immer einen Streit zwischen den Grieslern und den Mühlfeldlern, sagt er.

Weitere Informationen über die Umgestaltung im Gries gibt es im Internet unter www.stadt.bad-toelz.de/unser-gries und in einer Ausstellung im Foyer des Anwesens Schulgraben 2. Dort sind bald auch Muster der Originalpflaster zu sehen.

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