Aus Anlass der Reichspogromnacht vor 86 JahrenSchrubben zum Gedenken

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Mit Putzeimern, Bürsten und Lappen säuberten die Teilnehmer an der Erinnerungsaktion in der Tölzer Marktstraße die Gedenksteine an die Opfer der Nationalsozialisten.
Mit Putzeimern, Bürsten und Lappen säuberten die Teilnehmer an der Erinnerungsaktion in der Tölzer Marktstraße die Gedenksteine an die Opfer der Nationalsozialisten. Harry Wolfsbauer

Lokalpolitiker säubern die Namensplaketten in der Tölzer Marktstraße, die an die von den Nationalsozialisten ermordeten Mitbürgerinnen und -bürger erinnern.

Von Alexandra Vecchiato, Bad Tölz

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Vor 86 Jahren brannten Synagogen in Deutschland, wurden Bürgerinnen und Bürger wegen ihres Glaubens und einer verblendeten Rassenideologie misshandelt, verfolgt, interniert und ihr Eigentum zerstört. Mehr als 1000 Jüdinnen und Juden wurden ermordet oder sterben später an den Folgen des Pogroms. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 erreicht die nationalsozialistische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung einen vorläufigen Höhepunkt. Die schrecklichen Geschehnisse werden als „Reichspogromnacht“ in die Geschichtsbücher eingehen. Diese Nacht markierte den Beginn der systematischen Verfolgung, die im Holocaust gipfelte.

Angesichts des Anstiegs antisemitischer Übergriffe wie jüngst der Attacken in Amsterdam, den rechtsradikal motivierten Demonstrationen und der Hetze in den sozialen Medien hat sich in Bad Tölz ein überparteiliches Bündnis zusammengefunden, das ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus setzen wollte. Die Organisatoren luden am Samstag – am Jahrestag der Reichspogromnacht – dazu ein, die Gedenksteine in der Tölzer Marktstraße zu putzen. Diese Gedenksteine erinnern an jene Mitbürgerinnen und -bürger in der Kurstadt, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Initiator Robert Keller konnte für die symbolträchtige Aktion Vertreter von Freien Wählern, CSU, SPD und Grünen gewinnen. Die eingeladene FDP musste aus Termingründen absagen.

Solche Putzaktionen habe es schon gegeben wie in Berlin oder Hamburg. Warum also nicht in Bad Tölz, begründet Keller seinen Vorstoß. In heutiger Zeit sei es wichtiger denn je, die Erinnerungskultur nicht nur zu befürworten, sondern sie zu leben. Das bekräftigt der Organisator auch in seinem Grußwort. Sein Geschichtslehrer hätte den 9. November 1938 „Schicksalstag der Deutschen“ genannt. Es sei der Beginn des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte gewesen. Doch nach 86 Jahren habe er größte Sorgen, dass „die Menschen nicht mehr darüber nachdenken“, welche Verbrechen Nationalsozialisten verübt hätten und welches Leid über das Land gekommen sei.

Organisator Robert Keller (links) konnte ein überparteiliches Bündnis für die Aktion gewinnen.
Organisator Robert Keller (links) konnte ein überparteiliches Bündnis für die Aktion gewinnen. Harry Wolfsbauer

Wenn er die Gedenksteine vor dem Tölzer Heimat- und Bürgerhaus betrachte, dann beschleiche ihn das Gefühl, dass diese „unbemerkt“ blieben, die Passanten achtlos vorübergingen. Zumal in unmittelbarer Nähe der aufgestellte Mülleimer auch nicht gerade dazu beitrage, den Gehsteig vor dem historischen Gebäude zu einem würdigen Gedenkort zu machen, so Keller. „Unser Auftrag ist es, die Erinnerung an die Gräuel der Nazis am Leben zu erhalten.“

„Das sind Bilder, die will ich nicht sehen“

Severin Eichenseher, CSU-Ortsverbandsvorsitzender in Bad Tölz, sprach von der „größten Schande“. Er erinnerte an den Anschlagsversuch auf das israelische Generalkonsulat in München Anfang September dieses Jahres. Er selbst, berichtete Eichenseher, arbeite in der Nähe des Konsulats. Es seien damals „beklemmende Stunden“ gewesen. Dass die Bedrohung aktueller sei denn je, zeigten die antisemitischen Attacken in Amsterdam. „Das sind Bilder, die will ich nicht sehen!“ Was vor 86 Jahren geschehen sei, dürfe nie wieder passieren. „Wir Tölzer stehen hinter dem jüdischen Volk“, hob der Kommunalpolitiker hervor.

Die vielfältige Erinnerungsarbeit, die in Bad Tölz geleistet wurde und wird, würdigte Josef Förster (SPD). Solches Engagement habe nicht nur „das Vertrauen der Nachbarn“ gestärkt, es habe vor allem dem Gemeinwesen gutgetan. Aufs Schärfste verurteilte Förster das Bestreben rechtsextremer Kreise, die Abkehr von der bislang gelebten Erinnerungskultur in Deutschland zu betreiben. Für ihn sei dies ein „Rückfall in eine unselige Vergangenheit“.

Wieder sauber: die Gedenksteine vor dem Tölzer Stadtmuseum.
Wieder sauber: die Gedenksteine vor dem Tölzer Stadtmuseum. Harry Wolfsbauer

Auch Thomas Maurer (Grüne) warnte vor Strömungen in Deutschland und deren Versuch, die Erinnerungskultur umzudeuten. Ihm habe ein Besuch des KZ Ausschwitz-Birkenau eindringlich das Ausmaß vermittelt, wie Menschen von den Nazis gequält, misshandelt und getötet worden seien. „Man hat Menschen etwa gezielt verhungern lassen“, erzählte er. Den rechten Strömungen im Land müsse man entgegenstehen und „demokratisch zusammenhalten“ – auch wenn die Demokratie in diesen Tagen nicht ganz so robust erscheine, wie sie sein sollte.

Nach den Reden ging es zur Sache: Mit Eimer, Putzlumpen und Bürsten brachten die Anwesenden die Gedenksteine wieder zum Glänzen. Auch hartnäckige Kaugummi-Reste hatten keine Chance. Die Aktion hatte ebenfalls zum Ergebnis, dass etliche Passanten auf die Gedenksteine aufmerksam wurden, innehielten und sich mit der deutschen Geschichte befassten.

1933 lebten 26 jüdische Mitbürgerinnen und -bürger in der Kurstadt. Nicht bei allen konnte deren Schicksal geklärt werden. Nach eingehender Beratung hatte der Tölzer Stadtrat im Jahr 2005 den Beschluss gefasst, in der Marktstraße an die Opfer des Nazi-Terrors zu erinnern, darunter die Familie Sandbank, die seit 1898 in Bad Tölz lebte. Die größte Opfergruppe in Bad Tölz – elf Frauen und Männer – sind indes psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, die bei Euthanasie-Aktionen umgebracht worden waren.

Die Gedenksteine sind aus Bronze. Der Entwurf und die Ausführung stammen von der Künstlerin Birgit Niedernhuber aus Reichersbeuern.

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