Bad Tölz befindet sich bei der Realisierung einer kommunalen Wärmeversorgung auf der Zielgeraden, andere stehen noch an der Startlinie: In Geretsried hat der Stadtrat erst im Juli dieses Jahres den Auftrag für die Erstellung einer kommunalen Wärmeplanung an die Energiewende Oberland (EWO) vergeben. In Wolfratshausen läuft die Wärmeplanung seit November 2024, das Ergebnis soll im kommenden März vorliegen. In Bad Tölz ist man schon deutlich weiter: Kürzlich wurde die Wärmeenergiezentrale an der Lenggrieser Straße in Betrieb genommen, die im Verbund mit zwei Heizkraftwerken große Teile des Stadtgebiets mit Fernwärme fast ausschließlich aus regenerativen Energien versorgt.
Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat sich vorgenommen, bis 2035 unabhängig von fossilen Energieträgern zu werden. Die Zeit läuft, und Aufholbedarf besteht vor allem beim Heizen: Wie die EWO für das Jahr 2021 ermittelt hat, lag der Anteil der erneuerbaren Energien beim Sektor Wärme in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen bei lediglich 18 Prozent. Auch bayernweit hinkt man hinterher. So hat sich der Freistaat offenbar von seinem Ziel verabschiedet, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen. In den Jahren 1990 bis 2023 konnte der CO₂-Ausstoß lediglich um 26 Prozent reduziert werden, und das Zwischenziel, Emissionen bis 2030 um 65 Prozent zu senken, ist wohl kaum mehr zu erreichen. Ende Oktober kündigte Umweltminister Thorsten Glauber (FW) an, dass man die bayerische Zielvorgabe nun an die des Bundes anpassen werde, die Klimaneutralität erst für 2045 anstrebt.

Angebot der SZ:Wählen Sie den Whatsapp-Kanal für Ihren Landkreis
Die Süddeutsche Zeitung bietet Whatsapp-Kanäle für alle Landkreise rund um München an. Das Angebot ist kostenlos. So abonnieren Sie die Kanäle.
Um die Wärmewende voranzutreiben, hat der Bund im Januar 2024 die Länder, und Bayern wiederum ein Jahr später die Kommunen per Gesetz verpflichtet, Wärmepläne zu erstellen. Kommunen mit mehr als 100 000 Einwohnern müssen diese bis Ende Juni 2026 vorlegen, kleinere zwei Jahre später. Wärmeplanungen sollen Hausbesitzern eine Übersicht geben, ob und wann in ihrer Kommune klimaneutrale Wärmenetze geplant sind, an die sie sich anschließen könnten.
In Geretsried setzt man voll auf Fernwärme, die im Geothermieprojekt in Gelting erzeugt werden soll. Zwei Versuche sind zuvor gescheitert, weil zu wenig Thermalwasser vorhanden war. Ein neuer Anlauf mit innovativer Technologie ist nun erfolgreich: In Schleifen („Loops“) in rund 5000 Metern Tiefe, die horizontal aufgefächert werden, entsteht ein System von etwa 90 Kilometern Länge. In diesen gigantischen Heizkörper wird Wasser eingeleitet, das sich durch das Tiefengestein aufheizt, auf natürliche Weise an die Oberfläche steigt und so direkt in Fernwärmeleitungen eingespeist werden kann.

Diese neuartige Technologie sei, anders als die klassische Geothermie, auf 80 Prozent aller Flächen in Deutschland möglich. In Gelting könnten so rund 64 Megawatt thermische Leistung erzeugt werden, die „mittelfristig die ganze Region mit Fernwärme versorgen und Strom liefern kann“, heißt es auf der Website des Unternehmens Eavor Deutschland. Ein Ausstoß von 44 000 Tonnen CO₂ könnte so pro Jahr vermieden werden. Mit dem Bau des Fernwärmenetzes in Geretsried werde man nach der erfolgreichen Inbetriebnahme des zweiten Loops starten, „frühestens 2027/28“, erklärt der Pressesprecher der Stadt, Thomas Loibl. Dafür wurde eine eigene Gesellschaft, die Isar-Loisach-Naturwärme (ILN), gegründet. Eine Anschlusspflicht für Hausbesitzer werde es aber nicht geben.
Dass erst vor gut vier Monaten der Auftrag für eine Wärmeplanung an die EWO vergeben wurde, habe mit Fördermodalitäten zu tun, erklärt Loibl. Denn als der Stadtrat im November 2023 die Beantragung von Bundesfördergeldern (ZUG) beschlossen habe, seien Zuschüsse bereits fraglich gewesen, weil das Bundesverfassungsgericht den Nachtragshaushalt der Ampel aus dem Jahr 2021 für nichtig erklärt hatte. Geretsried ging leer aus, allerdings sei man „darüber gar nicht so unglücklich“, sagt Loibl. Denn wären Fördermittel geflossen, hätte die kommunale Wärmeplanung bereits 2026 fertig sein müssen. Nun habe man zwei Jahre länger Zeit, in denen das Geothermie-Projekt voranschreite und die Planungen der ILN „umso konkreter werden“. Für die Wärmeplanung habe Geretsried nun eine Förderung des Freistaats in Höhe von 122 600 Euro beantragt, in einem nächsten Schritt werde der Stadtrat über das weitere Vorgehen beraten.

Wolfratshausen ist, anders als Geretsried, noch bei der Bundesförderung zum Zug gekommen und erhält 90 Prozent Zuschuss. Welche konkreten Schritte die Stadt gehen will, werde erst nach Abschluss der Wärmeplanung entschieden, die die Stadt ebenfalls bei der EWO in Auftrag gegeben hat. „Der große Brocken liegt noch vor uns“, sagt Sebastian Sens vom Referat Planen und Umwelt. Letztlich hänge die Umsetzung vom Votum des Stadtrats und von den Stadtwerken ab. Dass ein kommunales Fernwärmenetz nach dem Vorbild von Bad Tölz auch in Wolfratshausen entsteht, sei nicht ausgemacht. „Es gibt auch eine Nullvariante“, erklärt Sens, „also ohne Fernwärme“.
Ob eine interkommunale Zusammenarbeit mit dem Geltinger Geothermieprojekt in Frage kommt, müsse ebenfalls erst entschieden werden. Aus Sicht der EWO gebe es in Wolfratshausen auch andere Optionen, etwa die thermische Nutzung von Oberflächengewässern mittels Großwärmepumpen. Als Standorte würden sich die Weidachmühle an der Loisach sowie ein Abschnitt zwischen Farchet und Waldram am Isar-Loisach-Kanal eignen. Denn klar ist: Handlungsbedarf ist dringend geboten. Wie die Bestandsanalyse mit Daten aus dem Jahr 2022 zeigt, ist in Wolfratshausen Erdgas mit 87 Prozent der vorherrschende Energieträger, gefolgt von Heizöl mit 5,5 Prozent. Diese fossilen Brennstoffe verursachen rund 97 Prozent der städtischen CO₂-Emissionen beim Sektor Wärme.

