Zaubershow Einfach zauberhaft

Das Magierduo Andreas Maier und Gerhard Kerschagl verblüfft das Publikum im Tölzer Marionettentheater

Von Thekla Krausseneck, Bad Tölz

Eine würfelförmige Truhe mit einem soliden Schloss. Zaubermeister Andreas Maier reicht der neunjährigen Lena einen Beutel mit vier Schlüsseln: Sorgfältig probiert sie jeden einzelnen aus, keiner passt. Kein Wunder, denn wie sich herausstellt, trägt Maiers Kollege Gerhard Kerschagl, dem die Kiste gehört, den Schlüssel bei sich am Körper. Ob er ihm den Schlüssel mal kurz leihen wolle, fragt Maier. Kerschagl, obschon skeptisch, löst ihn vom Schlüsselbund, reicht ihn Lena und siehe: Er passt! Lena schließt die Kiste auf, und ehe sich Kerschagl versieht, hat Maier den kompletten klirrenden Schlüsselbund in der Kiste versenkt - und sie zu Kerschagls Verblüffen abgesperrt.

Doch keine Panik: Der Schlüssel zu der Kiste liegt ja noch auf dem Tisch, zusammen mit den vier anderen, die nicht passten. Unter den Augen der 28 gespannten Zuschauer, die im Bad Tölzer Marionettentheater in den vorderen Reihen sitzen und jeden Handgriff wie gebannt beobachten, weist Maier Lena an, die Schlüssel in ihre Hand zu nehmen und immer einen davon in der ausgestreckten Faust nach vorne zu halten. Kerschagl lässt seine Hände um die Faust herum schweben, wie um zu erfühlen, ob sie den richtigen oder den falschen Schlüssel festhält. "Das ist der falsche", sagt er, ohne ihn gesehen zu haben, und Maier veranlasst Lena dazu, den ausgewählten Schlüssel in einen Schlitz im Deckel der Kiste zu werfen. So geht es weiter, Schlüssel um Schlüssel fällt in die Kiste, bis nur noch zwei übrig sind - eine Chance von fünfzig Prozent. Lena streckt beide Fäuste nach vorn und Kerschagl trifft seine Wahl. Der eine Schlüssel wandert in die Kiste, der andere sinkt ins Schloss. Lena dreht - und die Kiste ist offen.

"Wir werden oft gefragt, wie funktioniert denn das?", sagt Maier und Kerschagl antwortet: "Meistens gut!" Was stimmt. Je weiter die Show "Wirtschaftswunderbar" voranschreitet, desto unfassbarer werden die Tricks. Die Kulisse ist minimalistisch: Einen kleinen samtbezogenen Tisch, dazu mal einen Becher, eine Schachtel einen magischen Würfel - mehr braucht das Duo nicht, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Denn das wichtigste Werkzeug haben die Zuschauer von allein mitgebracht: ihren Kopf. Das Unterbewusstsein spielt am Freitagabend eine Hauptrolle.

Kein zweiter Trick macht das so deutlich wie die Hypnose des Frankfurter Ehepaars Brigitte und Rolf Wüst. Kerschagl beginnt mit einer Suggestion: Frauen seien schwach, Männer stark. Bevor er Brigitte Wüst einen Zettel reicht, auf der das Wort "schwach" geschrieben steht, und ihrem Ehemann einen entsprechenden Zettel mit dem Begriff "stark", fragt er, ob es in Ordnung sei, wenn er sie berühre. Das Ehepaar hat nichts dagegen. Er neigt sich zu Brigitte Wüst: Frauen seien schwach, sagt er, und nach einer kurzen Pause erneut: "Schwach." Dasselbe wiederholt er bei Rolf Wüst, der den "starken" Zettel hat: "Stark." Und jedes Mal, wenn er das magische Wort sagt, berührt er die beiden mit der Hand.

Schließlich werden die Zettel getauscht. Brigitte Wüst soll den Zettel zerreißen, was ihr mühelos gelingt. Als ihr Ehemann es versucht, hat er kein Glück: Mit lauter Stimme, ihm permanent an den Arm fassend, ruft Kerschagl ihm zu, er sei schwach, während der kräftige Mann an dem Zettel herumknetet und ihn partout nicht entzwei bekommt. "Natürlich konnten Sie den Zettel nicht zerreißen", sagt Kerschagl, "es steht ,schwach' drauf!"

Wer am Freitag ins Marionettentheater gekommen ist, um zu staunen, der wird nicht enttäuscht. Das Duo steigert sich von Trick zu Trick: Es beginnt mit einem zerrissenen Faden, der sich wie auf wundersame Weise wieder zusammenfügt, lässt kleine Bälle auftauchen und verschwinden, zerreißt Karten und fügt sie nahtlos wieder zusammen, verknotet Seile, die gar nicht zu verknoten sind, und liest zu guter Letzt sogar Gedanken. Kerschagl zeigt auf einen Gast: "Das ist eine 32." Er fragt, welche Karte der Mann wählen wolle und der antwortet: "Herz König." Kerschagl sucht die Herz-König-Karte aus dem Stapel und dreht sie um: Auf der Rückseite steht eine 32. Ein anderer Gast bekommt die Pik vier zugeordnet. Welche Zahl er wähle? "18", heißt es. Die Pik vier wird gesucht und gefunden - auf ihrer Rückseite steht eine 18. Wie das nun wieder funktioniert hat, verraten die beiden Künstler nicht. Den lang anhaltenden Applaus am Ende der Vorstellung haben sie sich aber redlich verdient.