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Bad Tölz:Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Entscheidung über die Geburtshilfe

Der Kreistag soll heute einen Beschluss zur Entbindungsstation in der Kurstadt fassen. Es geht um die Frage, ob es noch Tölzer Kindl geben wird.

Von Konstantin Kaip und David Costanzo

Der Freitag ist ein entscheidender Tag für die Geburtshilfe im Landkreis: Dann beschließt der Kreistag in einer Sondersitzung, ob der Landkreis eine Hauptabteilung in der Tölzer Asklepios-Stadtklinik finanzieren soll. Es geht um die Frage, ob es noch echte Tölzer Kindl geben wird. Ein Nein ist wahrscheinlicher als ein Ja. Die SZ beantwortet vor der Sitzung die wichtigsten Fragen.

Worüber stimmt der Kreistag ab?

Es geht um einen Zuschuss für eine Hauptabteilung für Geburtshilfe an der Tölzer Asklepios-Stadtklinik in Kooperation mit einer anderen Klinik. Hierfür liegen schriftliche Angebote aus Agatharied und Garmisch-Partenkirchen vor. Für den Landkreis wäre das jedoch teuer: Eine Hauptabteilung muss über mindestens einen Chefarzt, zwei bis drei Fachärzte und fünf bis sechs Assistenzärzte verfügen. Die wären zwar bei der Kooperationsklinik angestellt, zahlen müsste sie aber der Kreis. Im Raum steht ein Zuschuss von rund 1,8 Millionen Euro im Jahr. Asklepios würde zusätzlich das bisherige jährliche Defizit der Belegabteilung tragen - rund 400 0000 Euro. Experten raten von dem Modell ab. Eine Hauptabteilung kann laut einem Gesundheitsökonom erst ab etwa 1300 Geburten pro Jahr kostendeckend arbeiten. Im vergangenen Jahr kamen in Tölz etwa 533 Kinder zur Welt. Dass sich im Kreistag eine Mehrheit für den Zuschuss für den Konzern findet, ist unwahrscheinlich. Fraktionssprecher und Landrat haben einen Beschlussvorschlag entworfen, der die Finanzspritze ablehnt.

Warum schließt die Tölzer Station?

Die beiden Belegärzte der Asklepios-Stadtklinik haben schon vor einem Jahr signalisiert, dass sie Kraftaufwand für Operationen und 24-Stunden-Bereitschaftsdienste mit Nacht- und Wochenendeinsätzen zusätzlich zur eigenen Praxis dauerhaft nicht leisten können. Trotz intensiver Suche fand die Klinik keine Nachfolger, auch wegen der hohen Versicherungssummen von bis zu 50 000 Euro im Jahr, die Geburtshelfer zahlen müssen. Belegarzt Stephan Krone hatte seinen Vertrag noch um ein Quartal verlängert, am 31. März läuft er aus. Bis 28. März nimmt die Tölzer Klinik Schwangere auf, dann wird der Kreißsaal geschlossen. Sollte der Kreistag den Zuschuss doch beschließen und eine Hauptabteilung aufbauen wollen, würden Monate vergehen - allein für die Ärztesuche.

Darf Asklepios einfach eine Abteilung schließen?

Der Konzern hat auf seine Millionenverluste bereits hingewiesen. Führende Kreispolitiker meinen aber offenbar, dass die Schließung unzulässig ist. Im Beschlussvorschlag an den Kreistag wird Asklepios jedenfalls aufgefordert, die Verpflichtungen aus dem Erbbaurechtsvertrag der Privatisierung von 2001 zu erfüllen - nämlich die Klinik nach den Vorgaben des Krankenhausplans zu betreiben. Demnach müsse die Geburtshilfe aufrecht erhalten werden. Die CSU will dazu vom Landrat wissen, wie der Kreis dies einfordern will und welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen.

Was bedeutet eine Schließung für Schwangere?

Werdende Mütter müssen sich eine andere Klinik suchen. In Frage kommen etwa Agatharied, Garmisch, Starnberg - oder Wolfratshausen. Dort kamen zur monatlichen Infoveranstaltung im Kreißsaal am vergangenen Dienstag 27 Elternpaare - dreimal so viele als sonst. Von Bad Tölz aus wäre dieser Kreißsaal laut Gutachter am nächsten und im Auto in rund 23 Minuten zu erreichen. Vor einem Problem stehen die Frauen in Lenggries oder der Jachenau, deren Anreise nicht innerhalb der geforderten 30 Minuten zu schaffen ist.

Sind die weiten Wege nicht gefährlicher für Mütter und Kinder?

Die Antwort fällt gemischt aus. Hebammen warnen immer wieder: Die Zahl der Geburten im Auto könnte zunehmen - mit einem Risiko für Kind und Mutter. Bei der Anhörung der Experten im Landratsamt sagte Belegarzt Krone auf die Frage nach Notkaiserschnitten in Bad Tölz, dass es seit Ende November drei vorzeitige Plazentaablösungen gegeben habe. Zwei Babys überlebten, eines starb. Andere Experten wie der Direktor der Frauenklinik an der Uniklinik Erlangen, Matthias Beckmann, sehen dagegen die Komplikationsrate nach der Geburt als Problem: Die liege in kleinen Häusern teils um ein Vielfaches höher als in großen Kliniken. Zwar seien die bisherigen Belegärzte erfahrene Geburtshelfer, bei jungen Nachfolgern könne die Rate aber steigen. Zudem gebe es bei bis zu fünf Prozent der Neugeborenen Probleme. Der Kreis solle sich auf einen Standort konzentrieren, riet Beckmann. Am besten sei einer, der vom Babynotarzt besser zu erreichen sei. Die nächsten Perinatalzentren liegen in Starnberg und in Garmisch.

Wie geht es mit der Entbindungsstation in Wolfratshausen weiter?

Nach dem Beschlussvorschlag des Landrats und der Fraktionssprecher soll die Kreisklinik gestärkt werden. Dort funktioniert das Belegarztsystem noch - solange die Gynäkologen Manfred Stumpfe und Ileana-Maria Niculescu im Dienst sind. Etwa drei Jahre, sagt Stumpfe, sei die Geburtshilfe in dieser Form tragbar. Deshalb arbeitet er an einem Konzept für die Zukunft. Die soll auch mit einer eigenen Hauptabteilung gesichert werden - in Kooperation mit dem Klinikum Starnberg, mit dem die Kreisklinik bereits in Notfällen zusammenarbeitet. Eine Kooperation zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz kommt laut Stumpfe nicht in Frage. Die Politik hofft jedoch, dass in Tölz einmal eine Art Außenstelle von Wolfratshausen öffnen kann.

© SZ vom 24.03.2017
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