Aufarbeitung Der Tölzer Sonderweg

Die Arbeiten für historisch-kritische Erläuterungen an der Hindenburgstraße sind fast fertig. Christof Botzenhart, CSU-Stadtrat und Sprecher des Historischen Vereins, erwartet ein "brutales Echo"

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Paul von Hindenburg taucht mittlerweile in vielen deutschen Städten nicht mehr auf. Straßen, die seinen Namen trugen, wurden umbenannt, Gedenktafeln abgeschraubt, Kasernen mit anderen Namen versehen. Im Umgang mit dem Reichspräsidenten, der eine wesentliche Rolle bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten spielte, geht die Stadt Bad Tölz einen Sonderweg: Sie behält die Hindenburgstraße bei, will aber mit Informationstafeln über Hindenburg aufklären. Damit sei man "deutschlandweit Vorreiter", meint Christof Botzenhart. Der CSU-Stadtrat und stellvertretende Vorsitzende des Tölzer Historischen Vereins gehört zu der Arbeitsgruppe, die diese Art von Mahnmal entwirft. Ihr Konzept will sie am 23. September dem Stadtrat vorstellen. Botzenhart ist nicht wohl zumute: "Die Debatte wird schwer genug."

Das hat Gründe. Im Juni 2013 schrammte der Tölzer Stadtrat nur knapp an einer Blamage vorbei, als er Hindenburg mit bloß einer Stimme Mehrheit die Ehrenbürgerwürde der Stadt aberkannte. Botzenhart, der dem Gremium damals noch nicht angehörte, erinnert sich an eine "erschütternde Debatte". Die wirkt in ihm nach. Er hegt weiterhin den "Verdacht, dass das Mahnmal für einige nicht gerade eine Herzensangelegenheit ist". Das wurde vor gut einem Jahr zwar einstimmig beschlossen. An Wortmeldungen, dass auch eine Hinweistafel vollauf genüge, fehlte es jedoch nicht. Botzenhart treibt daher die Sorge um, dass sich eine Mehrheit im Stadtrat an Marginalien des Konzepts aufhängen könnte, um das Projekt zu kippen.

Andreas Wiedemann (FWG) teilt diese Befürchtung nicht. Über das Mahnmal sei bisher "nie negativ gesprochen" worden, sagt der Zweite Bürgermeister, der gegen die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Hindenburg votierte. "Man muss die Vergangenheit so akzeptieren", findet er. 1925, als der Stadtrat dem Reichspräsidenten diesen Titel verlieh, hätten "andere Einflüsse" eine Rolle gespielt. "Im Nachhinein ist man immer gescheiter." Dem widerspricht Botzenhart entschieden. Zwar sei der Ratsbeschluss damals nicht als "Nazi-Propagandacoup" zu werten. Aber das Argument, ein Stadtrat dürfe heutzutage eine Entscheidung der Vorgänger nicht revidieren, hält er für "schwachsinnig, wenn man die historische Genese sieht".

Bei dieser Information soll es nicht bleiben: Historiker haben Texte für elf Info-Stelen vorbereitet. Der Stadtrat soll darüber befinden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Einig sind sich Wiedemann und Botzenhart, dass das Mahnmal nicht als Sparversion entstehen soll. Die Ausgaben belaufen sich Botzenhart zufolge auf eine fünfstellige Summe. Die Arbeitsgruppe plane weder kostspielige Videoinstallationen noch billige Plexiglastafeln. "Das muss schon reell daherkommen", sagt er. Dem pflichtet Wiedemann bei: "Die Tafeln sollen was Vernünftiges sein." Geplant sind elf Info-Stelen entlang der Hindenburgstraße, die von der oberen Marktstraße zum Gymnasium und weiter zum Jugendcafé führt. Die Texte darauf umfassen etwa 1000 Zeichen, was die Arbeit für die Expertengruppe nicht gerade erleichterte, denn viel ist das nicht. "Aber wir bleiben bei 1000 Zeichen", sagt Botzenhart. "Bleiwüsten liest ja keiner." Auf den Metall-Stelen wird unter anderem die Rolle Hindenburgs im Ersten Weltkrieg, als Reichspräsident in der Weimarer Republik und unter den Nazis, seine Selbstüberhöhung und sein Bezug zu Tölz erläutert. Wegen der Gestaltung hat die Gruppe sechs Designer-Büros um Vorschläge gebeten, zwei Konzepte werden dem Stadtrat vorgelegt. Als "Mahnmal" will sie die Installationen an der Hindenburgstraße übrigens nicht bezeichnen. Sie schlägt dem Stadtrat den Titel "Informationsweg Paul von Hindenburg" vor. Warum dies? Ein Mahnmal sei ein authentischer Ort, etwa ein Haus, aus dem jüdische Bürger von den Nazis vertrieben wurden, erklärt Botzenhart. An der Hindenburgstraße hingegen "war nie irgendwo was".

Der CSU-Stadtrat und Historiker war anfangs eher ein Anhänger eines neuen Straßennamens. Das sieht er inzwischen anders. Der Info-Weg sei "ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte" und habe einen höheren Lerneffekt als eine Umbenennung, sagt er. Zudem gehe es nicht um eine eindeutige Nazi-Größe, "bei Hindenburg liegen die Dinge etwas komplizierter". Reinwaschen wolle er den Reichspräsidenten damit aber nicht. Botzenhart spricht von "ganz komischen Befindlichkeiten" in der Bevölkerung, wenn es um Hindenburg geht. Das haben für ihn auch Reaktionen auf die Aktion des Münchner Künstlers Wolfram Kastner gezeigt, der die Hindenburg-Büste in Dietramszell abmontierte. Ein "brutales Echo" erwartet er auch, wenn sich der Tölzer Stadtrat für das Mahnmal entscheidet. "Ich wette mit Ihnen, dass das die Leserbriefspalten füllen wird."