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Bad Tölz:Das Zuviel an allem

Hübsch und bunt - doch die Kritik ist unübersehbar: ein Werk des Aktionskünstlers Wolfram P. Kastner.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Im Tölzer Kunstsalon dreht sich im Oktober alles um "Verschwendung - Hunger - Übergewicht"

Zur Oktoberausstellung hat Patrizia Zewe auch ihn eingeladen: Wolfram P. Kastner, den "Bürgerschreck", wie die Kunstsalon-Chefin ihn nennt. Seit der Münchner Aktionskünstler die Hindenburg-Büste an der Dietramszeller Klostermauer abgeschraubt und mit Hakenkreuz versehen hat, ist er in der Region als Provokateur bekannt; als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt und die Auseinandersetzung sucht. Das sei die einzige Möglichkeit, Dinge wirklich zu verändern, sagt er bei der Vernissage. "Verschwendung - Hunger - Übergewicht" lautet das Thema der Ausstellung, die von Kastner und Mitgliedern des Kunstvereins gestaltet wird: Vorwiegend Acrylmalerei von Heinz Stoewer, Andrea Westbrock, Gabi Dräger, Jeannine Rücker und Patrizia Zewe (unter ihrem Künstlernamen Gala von Nauheim) ist zu sehen. Konsum und Verschwendung, Überfluss und Mangel - ein Thema, das Zewe am Herzen liegt.

"Wir verbrauchen von allem zu viel", sagt sie zu den rund 30 Gästen. Zu viel Essen, zu viele Klamotten, zu viel Wasser und Energie. 795 Millionen Menschen litten Hunger, während hierzulande jeder Dritte übergewichtig sei. Zewe redet sich in Rage, und man spürt, wie nah ihr das Thema geht. Ihr Unbehagen hat sie in einer Installation ausgedrückt: Ein Berg abgelegter Kleidungsstücke, "greetings from bangladesh". Auch Kastner beschäftigt das Thema schon lange, eine seiner Arbeiten, "Fleischwurst", stammt aus dem Jahr 1985. Wie ein Bürgerschreck wirkt der Aktionskünstler nicht: Bereitwillig beantwortet er Fragen, ein freundlicher, älterer Herr mit Bart und Baseballkappe. Provokant sind freilich seine Bilder, ihre politische Aussage klar und schonungslos. Etwa die Arbeit "gefräßig": drei nackte Figuren, die wie fette Säuglinge ihre Mäuler aufreißen und gierig "mehr, mehr, mehr" fordern. Oder die Arbeit "Teilen statt Kriegen": drei Äpfel, von Panzern überrollt, die Botschaft eindeutig wie bei dem in schwarz-rot-gold gehaltenen Bild "Mahlzeit": rote Schlünde, scharfe Zähne, Gabeln - ein infernalisches Szenario, das Kastner um "das in Deutschland meist gesagte Wort" entfaltet.

Ähnlich plakativ, aber weniger eindeutig sind die Acrylbilder von Gabi Dräger. Ein Reigen mit beschwingten Titeln wie "Seeräuber-Rumba", "Afrika-Rock 'n' Roll" oder "Schnee-Blues", in denen Dräger Themen wie Schönheitswahn, Tierschutz und Luxussucht verarbeitet. Auch Heinz Stoewer greift diesen Aspekt auf: In seinen fast fotorealistischen Arbeiten werden Einkaufstüten zum Symbol von sinnentleertem Konsum und eine Starbucks-Kaffeetüte, gerahmt und in Form gebracht, zum upcycelten Kunstobjekt. Wie es Unternehmen gelinge, aus einem "nicht vorhandenen Bedürfnis" ein Riesengeschäft zu machen, sei unglaublich. Stoewer zeigt auch die Konsequenzen: "Under the park bench" heißt seine Arbeit - ein Teppich aus Müll und Kippen, aufgenommen unter einer Parkbank in Berlin. Die Arbeiten von Andrea Westbrock wirken subtil, auch wenn sie, wie etwa bei "Charakterfrage" ihre Aussageabsicht in das Bild eingeschrieben hat: "Es ist völlig egal, ob ein Mensch in Kleidergröße XL oder XS passt. Charakter passt in jedes Kleid." Man muss genau hinschauen, um die drei Frauenkörper zu entdecken, die sich tanzend aus ihrer Kleiderhülle befreien. Anders setzt Jeannine Rücker das Thema um: "money, money, money" heißt ihre originelle Installation. Ein fast raumhohes Mobile aus Flugzeugen, gefaltet aus übergroßen Geldscheinen. Ein Symbol für Verschwendung, nicht nur von Geld, sagt Rücker. "Es steht für alle unnützen Dinge im Übermaß."

Die Ausstellung ist bis 31. Oktober im Kunstsalon, Markstraße 6, zu sehen (freitags und samstags 14 bis 18 Uhr, sonntags 15 bis 18 Uhr).

© SZ vom 05.10.2015
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