Auf einer Fotografie aus dem Jahr 1904 raucht der mächtige Schornstein der alten Seifensiederei, die damals noch von Wiesen umgeben war. Von 1856 bis 1950 wurden in der Bairawieser Straße unter der von Joseph Anton Wiedemann begründeten Hausmarke "Isarperle" Seifen, Waschmittel und Bleichsoda hergestellt. Weil die handwerkliche Produktion durch die industrielle ersetzt wurde, diente das Gebäude anschließend als Lager für die Parfümeriekette, die die Gründerfamilie in den Folgejahren aufbaute. Vor etwa 15 Jahren wurde das Lager ins Tölzer Farchet verlegt, die alte Seifensiederei stand weitgehend leer. Florian Wiedemann und seine Frau Veronika wollten das Haus, das eng mit der Familiengeschichte verbunden ist, erhalten und sich dort einen "Lebenstraum" erfüllen. Einen Ort schaffen, "wo sich Menschen begegnen und selbst kennenlernen können", sagt Florian Wiedemann. Und so ist nach gut eineinhalb Jahren Bauzeit, mit viel Arbeit, Geld und Idealismus, das Seminarhaus und Teecafé "Alte Seifensiederei" entstanden, das Ende vorigen Jahres eröffnete.


Die ehemalige 180 Quadratmeter große Sudhalle wurde zu zwei Seminarräumen geteilt und heller Tannenholzboden verlegt. Triyoga-Kurse finden dort statt, Tai Chi und Qigong. Im Obergeschoss findet sich eine Küche und ein Raum für Meditation und Physiotherapie im Rahmen der dreiwöchigen Mammalife-Kuren, die Florian Wiedemann anbietet. Neun Apartments mit Küchenzeile gibt es für die Teilnehmerinnen, die auch touristisch vermietet werden, wenn sie nicht belegt sind. Seit fünf Jahren bietet der promovierte Sport- und Gesundheitswissenschaftler die Brustkrebsnachsorge freiberuflich an. Feste Räume zu haben, das sei auch einer der Gründe gewesen, sich an das Projekt zu wagen.

Neben den Mammalife-Kursen gibt der 41-Jährige auch Meditationen und Übungen zu Achtsamkeit und Stressbewältigung. Seine Frau ist ausgebildete Tai Chi und Qigong-Lehrerin, die beiden haben drei Kinder. Im Seminarhaus gibt es auch Angebote für Kinder und Jugendliche, Gesprächskreise, Coaching, Supervision. Neben dem Tölzer Triyoga-Zentrum sind weitere feste Mieter die Physiotherapiepraxis von Anton Büttner und eine Privatpraxis für Akupunktur von Barbara Kolb. Externe Seminarleiter können die Räume mieten, auch Vorträge oder Lesungen im Café können sich die beiden vorstellen. Ideen gibt es viele, "wir haben jetzt erst mal die Basis geschaffen", sagt Veronika Wiedemann.


Die Ausstattung der Räume ist hochwertig und verbindet Altes mit Neuem. So finden sich in jedem der angenehm puristisch gestalteten Apartments ein Möbelstück "von der Oma", sagt Florian Wiedemann: Ein bemalter Bauernschrank, eine Kommode, ein Lampenschirm, die eine persönliche Atmosphäre schaffen. Einen siebenstelligen Betrag haben sie in den Umbau investiert, Förderung gab es für die energetische Sanierung. Die Bauphase fiel in eine denkbar schlechte Zeit mit hohen Zinsen und Baukosten. "Wenn es uns ums Geld gegangen wäre, hätten wir das Haus abgerissen und eine Dreispänner gebaut", sagt Florian Wiedemann. Dass sie sich an den aufwendigen Umbau gewagt haben, sei einer Mischung aus "Naivität und Vertrauen" zu verdanken. Und einem Konzept, von dem sie überzeugt seien.
Viel Fantasie sei nötig gewesen, sich etwa die ehemalige Garage als Café vorzustellen - eine Idee, die erst während der Planungen aufgekommen sei, um das Haus nach außen zu öffnen. Einige Details erinnern an die frühere Nutzung: Der Boden ist aus grau-verwaschenem Sicht-Estrich, an der Außenwand wurden Reste des Schriftzugs der alten Seifensiederei freigelegt. Seit November ist das Café mit 25 Plätzen, hellen Holzmöbeln, Sitzstufen und weiß gekachelter Theke geöffnet. Die Pergola im Garten muss noch begrünt werden, die Zierapfelbäume sind bereits gepflanzt.
Betrieben wird das Café, das donnerstags bis montags von 9 bis 17 Uhr geöffnet ist, von Christina Gassner, einer Freundin der Wiedemanns. Zehn Jahre lebte Gassner, die in Peretshofen aufgewachsen ist, in London, anschließend eineinhalb Jahre in den USA. "Die Pandemie hat mich wieder zurückgebracht", sagt die Grafikdesignerin. In London habe sie ihre Leidenschaft für die Gastronomie entdeckt. "Das ist total meins". Im Café gibt es Frühstück, vegetarische Bowls und Suppen, hausgemachte Kuchen. Gassner legt Wert auf regionale Produkte, die überwiegend Bio sind. Den Tee bezieht sie vom Teehaus Tushita in München, das berühmt ist für seine mehr als 100 Teesorten.

An diesem Montagmorgen brummt der Laden: Eine Gruppe älterer Damen, die nach ihrer Turnstunde in der nahegelegenen Dreifachturnhalle regelmäßig vorbeischauen. Nachbarn, "die noch meinen Ur-Opa gekannt haben", sagt Wiedemann. Junge Leute, die zum Frühstücken kommen. Die Atmosphäre ist familiär und leger. "Es soll ein Platz für alle sein", sagt Gassner. Seit der Eröffnung Anfang November habe sich bereits eine Stammkundschaft etabliert, überhaupt werde das Seminarhaus super angenommen. "Es braucht Orte, wo man miteinander und jeder für sich schauen kann, wie man mit den Herausforderungen der Welt zurechtkommt", sagt Florian Wiedemann.

