Im Bulle-von-Tölz-Museum gibt es eine Stellwand, die stets Heiterkeit bei den Gästen auslöst. „So einen Polizisten brauchen wir nicht“, lautet ihre Überschrift. Darunter findet sich ein Bericht aus dem Tölzer Kurier vom Januar 1996, in dem Politiker und Polizisten gegen die damals neue Sat-1-Serie „Der Bulle von Tölz“ wettern und sie als „primitiven Schmarrn“ geißeln. Da hatten gerade mehr als sechs Millionen Zuschauer einem gewichtigen Kommissar namens Benno Berghammer zugeschaut, wie er in Tölz ein „Amigo-Komplott“ aufdeckte, und bei der Kurverwaltung gingen erste Anfragen aus ganz Deutschland ein, wo man in dieser hübschen Stadt Urlaub machen könne.
„Das Verhältnis von Bad Tölz zum Bullen von Tölz ist bis heute nicht entschieden“, heißt es auf einem Begleittext aus dem Jahr 2014. Und daran hat sich offenbar wenig geändert. Zwei Fragen, die derzeit diskutiert werden, lauten: Braucht die Stadt den Bullen noch? Und braucht sie ein Bullen-Museum?
Peter Syr, Grafikdesigner und Ausstellungsmacher, hat darauf zwei Antworten. Die lauten: Ja und ja. Syr hat das Bullen-Museum konzipiert. Dessen Tage sind nun gezählt. Am 28. Dezember schließt es – „für immer“, wie in gefetteter roter Schrift auf der Homepage zu lesen ist. Dann nämlich macht das Glashaus Seidl am Isarkai zu, in dessen Obergeschoss das privat geführte Museum untergebracht ist. „Wir haben lange nach einem Nachfolger gesucht“, sagt Johanna Seidl. Nun dränge die Zeit. Der Mietvertrag laufe aus. Womöglich würden die Museumsräume bald in Wohnungen umgewandelt.
Für Syr steht außer Frage, dass der Bulle in Tölz eine Zukunft hat. Haben muss. „Das ist eine historische Marke“, sagt er, vergleichbar mit „Don Camillo und Peppone“, einer Filmreihe aus den Fünfzigerjahren, die bis heute Touristen in das italienische Dorf Brescello locke. „Wir suchen nach einer Möglichkeit, das Museum zu erhalten und an anderer Stelle in Tölz wiederaufzubauen.“ Unterstützung bekomme er von Ottfried Fischer und dem Set-Fotografen Christoph Zach.

Die beiden hatten Syr schon 2014 zur Seite gestanden, als er seinen Bullen-Traum verwirklichte. Weil sich im Tölzer Stadtmuseum kein Platz für die Kultserie hatte finden lassen, setzte Syr sein Konzept auf 120 Quadratmetern über den Verkaufsräumen der Seidls um. Mit wenig Requisiten und großer Begeisterung schuf er ein Museum, in dem man 69 Bullen-Folgen Revue passieren und die Stars der Serie auf sich wirken lassen kann: allen voran Ottfried Fischer, den Bullen mit dem feinen Spürsinn, und seine resolute Mama Resi, verkörpert von Ruth Drexel. Nach ihrem Tod im Februar 2009 war die Erfolgsserie abgebrochen worden.
Fünfeinhalb Jahre später, im September 2014, öffnete das Bullen-Museum seine Türen. Unzählige Fans haben seither zwischen zwei ungleichen Regiestühlen und einer nachgebauten Pension-Resi-Fassade Erinnerungsfotos geschossen oder in einer Medienecke noch einmal verfolgt, wie sich der Baulöwe Toni Rambold (Gerd Anthoff) oder der Prälat Barthel Hinter (Michael Lerchenberg) aus einer Affäre winden. Dass die Serie sich bis heute wohltuend von Nachfolgeproduktionen abhebt, liegt nicht zuletzt daran, dass Fischer stark in das Drehbuch und die Dialoge eingegriffen hat. „Er hat den satirischen Heimatkrimi erfunden“, sagt Syr.


Für die Stadt spielt der Bulle „keine strategische Rolle mehr“
In der Zukunftsvision der Stadtverwaltung taucht der Bulle indes nicht auf. Zwar habe die Serie „wesentlich dazu beigetragen, den Namen Bad Tölz weit über die Region hinaus bekannt zu machen“, erklärt Sandra Herrmann, zuständig für Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung. Die Stadt habe sich aber „stark weiterentwickelt“ und richte ihren Blick „konsequent nach vorn“; sie wolle als „modern, vitalisierend und gestaltungsfreudig“ wahrgenommen werden. Daher spiele der Bulle „in der aktuellen und künftigen Stadtgestaltung keine strategische Rolle mehr“.
Ähnlich äußert sich die Kur- und Tourismusdirektorin Brita Hohenreiter. „Es war ein großes Glück und eine unbezahlbare Werbung für die Stadt Bad Tölz, Teil einer Kultserie zu sein, die den Stadtnamen im Seriennamen trägt.“ Viele Stammgäste seien durch die „tollen Stadt- und Umgebungsaufnahmen“ auf Tölz aufmerksam geworden. Allerdings habe der touristische Stellenwert der Serie „erheblich an Bedeutung verloren, seitdem keine neuen Folgen mehr produziert werden“. Insbesondere für jüngere Gäste spiele sie keine touristische Rolle mehr.

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Dem widerspricht Barbara Pauline Huber – energisch und in einem bairischen Tonfall, der sie ein bisschen wie Resi Berghammer klingen lässt. „Der Bulle gehört zu Bad Tölz wie das Winzerer-Denkmal“, sagt sie. Seit elf Jahren bietet sie samstags und sonntags Führungen zu den Drehorten und Schauplätzen an, erläutert Hintergründe oder lässt Hardcore-Fans Passagen nachspielen. Die Leute kämen noch immer aus ganz Deutschland, aber auch aus Tschechien, Österreich und der Schweiz. Auch viele Jüngere seien darunter. „Die sagen, das war der Film am Mittwochabend, den ich mit Mama und Papa anschauen durfte.“

Ihre Führungen waren seit jeher mit einem Museumsbesuch verknüpft. Deshalb will sie diese zum Jahresende ebenfalls einstellen. Hauptberuflich sei sie in ganz Deutschland mit dem Auto unterwegs, erzählt sie. Und noch immer werde sie regelmäßig auf ihr TÖL-Kennzeichen und den Bullen angesprochen. „90 Prozent der Leute kennen ihn. Er ist eine starke Marke, auch nach 30 Jahren. Authentischer geht es nicht.“
Ottfried Fischer hat die gleiche Hoffnung wie Peter Syr. „Ich fände es gut, wenn das Bullen-Museum einen Platz finden würde, damit diese epochemachende Filmreihe nicht dem Vergessen anheimfällt“, sagt er am Telefon. „Ich würde mir wünschen, dass sich dadurch die Erfolgsgeschichte des Bullen von Tölz in die Herzen der Tölzer einnistet.“
Und was würde die Mama sagen? Da muss er nicht lange nachdenken: „Gibt’s do a Geld?“ Denn: „Die Mama ist immer für ein Geschäft zu haben.“

