AusstellungWie Thomas Mann in Kalifornien lebte

Lesezeit: 3 Min.

Eine Besucherin der Ausstellung „Architekten im Exil“ vor der Fotografie, die Jean Molitor von Thomas Manns Villa „Seven Palms“ in Pacific Palidales gemacht hat. Der Fotograf hat drei Wochen in dem Anwesen in Kalifornien verbracht.
Eine Besucherin der Ausstellung „Architekten im Exil“ vor der Fotografie, die Jean Molitor von Thomas Manns Villa „Seven Palms“ in Pacific Palidales gemacht hat. Der Fotograf hat drei Wochen in dem Anwesen in Kalifornien verbracht. Manfred Neubauer

Was hat die Villa des deutschen Schriftstellers mit einem Wohnblock in Nairobi zu tun? Dieser Frage geht die neue Ausstellung „Architekten im Exil“ im Bad Tölzer Stadtmuseum nach. Noch bis Ende Juni sind die beeindruckenden Architektur-Fotografien von Jean Molitor zu sehen.

Von Paul Schäufele, Bad Tölz

Hier hat er seinen schwarzen Pudel Nico getätschelt, dort hat er sich im hellen Anzug in die Sonne gesetzt. In den Pool gesprungen ist er allerdings nie. Denn als das Schwimmbecken in den Garten eingelassen wurde, hatte Thomas Mann sein kalifornisches Haus schon verkauft. Zehn Jahre hat die Familie dort nach der Auswanderung in die USA verbracht. Es wird damit zum Ausgangspunkt der Ausstellung „Architekten im Exil“, mit der das Bad Tölzer Stadtmuseum das diesjährige Thomas-Mann-Festival eröffnet. Wie bauen Menschen, die aus den eigenen Häusern vertrieben wurden? Die durch ihre Klarheit faszinierenden Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Jean Molitor lassen über diese Frage nachdenken.

Damit hat die Ausstellung in den zwei Galerieräumen im Erdgeschoss des Museums zwei Kapitel, wie die Kuratorin Kaija Voss erklärt. Das eine widmet sich den Wohnhäusern Thomas Manns, das andere den Werken vertriebener Architekten. Verknüpft sind die Bilder durch das Thema des Exils, das dem Festival zu Ehren des Jubilars Thomas Mann auch sein Motto gegeben hat. Doch auch die Fotografien der Häuser, in denen Mann vor seiner Flucht vor den Nationalsozialisten gewohnt hat, haben ihren Platz. Denn mit dem Ende der Lebensphase Thomas Manns in Deutschland findet auch eine architektonische Phase ihr Ende, suggerieren die Bilder.

So stehen beide Häuser, die Bogenhausener Villa und das Tölzer Domizil, das Thomas Mann „Herrensitzchen“ nannte, für einen bürgerlichen Repräsentationsstil: mehrstöckig, mit Jugendstilelementen und Anklängen ans Alpenland, dem Heimatschutzstil verbunden, wie die Architekturhistorikerin Voss erläutert. Wie es innen aussieht, wissen die wenigsten, beide Häuser sind heute in Privatbesitz. Zumal das Münchner Haus lässt sich von der Straßenseite kaum fotografieren. „Und ich kann ja nicht einfach über den Zaun klettern“, sagt Jean Molitor. Das war auch nicht nötig. Dem Fotografen hat der heutige Besitzer die Türen geöffnet.

Das Herrensitzchen in Bad Tölz ist eine Besonderheit

Ähnlich in Bad Tölz. Das Ferienhaus, in dem die Familie Mann zwischen 1909 und 1917 oft mehrere Monate am Stück verbrachte, gehört heute den Armen Schulschwestern, die Molitor Einblick gewährten. Die Gelegenheit ist selten und hat besonderen Stellenwert, da das Tölzer Herrensitzchen das einzige authentisch erhaltene Thomas-Mann-Haus im deutschsprachigen Raum ist.

Einen Seitenhieb in Richtung Norden kann sich der dritte Bürgermeister Christof Botzenhart nicht verkneifen: „Das haben die Lübecker nicht, die sich sonst – ganz zurecht – groß tun mit dem Thomas Mann.“ Die Bilder aus den frühen Wohnungen Thomas Manns eröffnen die Ausstellung in ständigen Beamer-Projektionen.

Archirektur-Fotograf Jean Molitor, (links) und der Organisator des Tölzer Thomas-Mann-Festivals, Christof Botzenhart, tauschen sich bei der Vernissage über ihre Einblicke aus.
Archirektur-Fotograf Jean Molitor, (links) und der Organisator des Tölzer Thomas-Mann-Festivals, Christof Botzenhart, tauschen sich bei der Vernissage über ihre Einblicke aus. Manfred Neubauer

1933 vollzieht Thomas Mann den Bruch mit Deutschland, genauer gesagt: mit dem NS-Staat, ohne sich ganz von seinem Herkunftsland zu lösen. Zu eng ist die kulturelle und sprachliche Verbindung. „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte Thomas Mann. Die Fotos des „Seven Palms“ genannten Anwesens in Los Angeles zeigen auch das. Schwere Lederbände stehen in den schlicht modernen Bücherregalen – ein Detail, das für etwas Größeres steht, die Verbindung von bürgerlicher Kultur des neunzehnten Jahrhunderts und modernistischen Formen in Thomas Manns Werkbiografie.

In dieser Villa, die Thomas Mann im Stadtteil Pacific Palisades errichten ließ, hat Jean Molitor drei Wochen verbracht. „Das war schon spektakulär“, erinnert sich der Fotograf. Er wurde damit beauftragt, das Haus, heute eine Begegnungsstätte und Ort eines Residenzprogramms für Stipendiaten, fotografisch zu porträtieren. Das von Julius Ralph Davidson entworfene Haus mit seinen Fensterfronten und dem charakteristischen Kastenbau ist die Verbindung zu den Beispielen moderner Architektur von exilierten Baumeistern, der „Patchwork-Familie der internationalen Moderne“, wie Kaija Voss sagt.

Die Architekturhistorikerin Kaija Voss hat mit Jean Molitor schon mehrere Ausstellungen entwickelt. Ihr gemeinsames Projekt „bau1haus“ widmet sich den kosmopolitischen Verflechtungen der modernen Architektur.
Die Architekturhistorikerin Kaija Voss hat mit Jean Molitor schon mehrere Ausstellungen entwickelt. Ihr gemeinsames Projekt „bau1haus“ widmet sich den kosmopolitischen Verflechtungen der modernen Architektur. Manfred Neubauer

Eines ihrer Lieblingsbeispiele der im Tölzer Stadtmuseum vertretenen Architekten ist Ernst May. Der aus Frankfurt stammende May zählt zu den wichtigen Vertretern des Neuen Bauens in Deutschland, das auf Prinzipien wie Klarheit, Rationalität und Erschwinglichkeit für die breite Masse fußte. Nach Aufträgen in der Sowjetunion kehrt May nicht mehr in den inzwischen etablierten NS-Staat zurück, weil er aus einer jüdischen Familie stammt, aber auch, weil die monumentale Nazi-Ästhetik die neuen, progressiven Formen ablehnt.

May geht nach Ostafrika, versucht sich als Kaffeefarmer. „Aber sein Grundstück lag so hoch, dass er keinen Erfolg damit hatte“, sagt Voss. Schließlich eröffnet er ein Architekturbüro in Kenia, bringt die Frankfurter Küche nach Nairobi und baut dort unter anderem den Wohnblock „Kenwood House“, dessen abgerundete Ecken man in Tölz sehen kann. In bewusst ungeordneter Hängung tritt es in Dialog mit den Bauten etwa von Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder den Häusern, die Tel Aviv zu einer der Ikonen modernen Bauens gemacht haben.

Verflechtungen der modernen Architektur

Alle Fotografien sind für das Projekt „bau1haus“ entstanden. Es rückt die kosmopolitischen Verflechtungen der modernen Architektur ins Zentrum, die etwa durch Kolonialgeschichte und Exil-Schicksale bestimmt sind. Jean Molitor und Kaija Voss widmen sich dem Dokumentationsprojekt mit Leidenschaft und sind ein eingespieltes Team.

Das Duo hat schon 2022 im Stadtmuseum die Geschichte moderner Architektur in Bad Tölz beleuchtet, drei Jahre davor ein Projekt im Waldramer Badehaus verwirklicht. Mit der neuen Ausstellung gelingt es ihnen einmal mehr, die beziehungsreiche, oft durch Leiderfahrungen geprägte Geschichte der Moderne sichtbar zu machen, in fesselnden Fotografien.

Stadtmuseum Bad Tölz, Architekten im Exil, bis Sonntag, 29. Juni. Weitere Informationen unter www.bad-toelz.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: