Bad Heilbrunn:Die Kunst des Hörens

Bad Heilbrunn: Matthias Göbel (am Flügel) führt die Gruppe im Langen Haus in die Kunst des Hörens und des Kunstlieds ein.

Matthias Göbel (am Flügel) führt die Gruppe im Langen Haus in die Kunst des Hörens und des Kunstlieds ein.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wie Robert Schumanns Lied "Mondnacht" auf Gut Nantesbuch erkundet wird

Von Sabine Näher, Bad Heilbrunn

Das Lange Haus der Stiftung Nantesbuch, die sich Kunst und Natur gleichermaßen verschrieben hat, ist im Juni eingeweiht worden. Schon deutet sich an, dass am Karpfsee zwischen Bad Heilbrunn und Königsdorf, inmitten von Wiesen und Wäldern, tatsächlich ein die Region bereicherndes Kulturzentrum entsteht. Am Wochenende fand dort eine der sogenannten "Erkundungen" statt, die besondere Form von Workshops, die in Nantesbuch angeboten wird und immer einen Naturwissenschaftler und einen Künstler als Dozenten aufweist.

Diesmal waren das Hans-Jörg Küster, Geobotaniker an der Universität Hannover, und Matthias Göbel, freischaffender Musiker, Pianist, Chorleiter und Dirigent aus Nürnberg. Mit diesen fanden sich die Gäste am Samstagnacht unter dem Sternenhimmel ein, um sich Robert Schumanns wunderbarem Lied "Mondnacht" anzunähern. Am Sonntagvormittag wurden die nächtlichen Erfahrungen und Erkenntnisse vertieft. Göbel teilt Textblätter aus. "Ich habe als Chorleiter die Erfahrung gemacht, dass die Herren meist nicht so textsicher sind" - und tatsächlich heben zunächst lediglich männliche Teilnehmer die Hand. Bei den übrig gebliebenen Exemplaren greifen dann auch die Damen zu. Vorsichtshalber... Und dann geht's los. Göbel spielt die herrliche Klaviereinleitung; dann setzt die Versammlung ein und singt den Vokalpart, den Schumann weder für Chor noch für einstimmiges Ensemble, sondern für einen (Profi-)Sänger geschrieben hat. Insofern mutet es zunächst einmal kurios an, was hier abläuft. Zumal auch ein ausgebildeter Sänger an einem solchen Kunstlied arbeiten und feilen muss, damit es so erklingt, wie der Komponist sich das vorgestellt hat. Nun versucht sich also eine bunt gemischte Schar von Laiensängern an einem der meist geschätzten Werke der Liedliteratur. Göbel lässt den Text sprechen, erst frei, dann im Rhythmus, dann kommt die Melodie dazu. Seine Anweisungen zur Gestaltung könnte man mit gutem Grund hinterfragen, aber besser irgendeine Gestaltung als gar keine. Nach der Übungsphase kommt die "Aufführung", bei der sich alle fühlen sollen "wie Fischer-Dieskau". Der Großmeister des Liedgesangs hätte diesem Prozedere allerdings wenig abgewinnen können, ging die absolute Professionalität ihm doch über alles.

Aber allmählich dämmert die Erkenntnis, warum dieses Tun einen Sinn haben kann - für die, die aktiv teilnehmen, denn an passive Zuhörer richtet es sich nicht. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, das Lied näher kennen zu lernen, vielleicht auch, die Liedkunst an sich besser zu verstehen. Dann folgt ein "Intermezzo", bei dem Küster einen Text Alexander von Humboldts vorträgt: "Die Zunahme der Stärke des Schalls während der Nacht". Er möchte damit belegen, dass die Romantiker (der Text des Schumann-Liedes stammt von Joseph von Eichendorff) nicht nur so vor sich hin schwärmten, sondern an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit höchst interessiert waren.

"Es ist kein einfacher, sondern ein wissenschaftlicher Text - und nicht unbedingt sofort zu verstehen", räumt er nach der Lektüre ein. Genau! Aus diesem Grunde wäre es wohl besser gewesen, Küster hätte in eigenem, freien Vortrag erläutert, worum es geht. Doch schon hat die Kunst wieder das Ruder übernommen. Göbel spielt den zweiten Satz aus der Klaviersonate op. 5 von Johannes Brahms und befragt das Auditorium nach seinen Eindrücken.

Ihm gehe es um die "Kunst des Hörens beziehungsweise des (Mit-)Fühlens", erläutert er und diese will er durch Übungen vermitteln. Er spielt den Sonatensatz erneut und fordert auf, anzuzeigen, wenn ein "neuer Charakter oder, wie es in der Musik heißt, ein neues Motiv" auftritt. Dieses wird näher charakterisiert, so dass man die Motive im Verlauf des Stückes verfolgen kann. Die Teilnehmer sind mit großem Eifer bei der Sache und gehen bereitwillig mit. Ob dieses Vorgehen zu mehr Durchblick oder vielleicht eher zur Verwirrung führt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls sind es spannende neue Wege der Kultur- und Naturvermittlung, die in der absolut ansprechenden Architektur auf Nantesbuch beschritten werden. Und schon der Besuch des Hauses selbst, einer gelungenen Kombination aus alten, traditionellen Baustoffen und moderner Formensprache, lohnt.

© SZ vom 29.08.2017
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