Ausstellung in WolfratshausenDrei Frauen im Turm

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"Das Leben zu Gast auf sieben Stühlen" von Birgit Berends-Wöhrl.
"Das Leben zu Gast auf sieben Stühlen" von Birgit Berends-Wöhrl. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Birgit Berends-Wöhrl, Petra Jakob und Teresa Erhart zeigen am Schwankl-Eck Skulpturen, "Photomorphosen" und Zeichnungen

Von Felicitas Amler

Sieben Stühle, auf denen niemand Platz nehmen kann. Sie wollen nicht besessen werden. Sie sind selbst Platzhalter - für ein ganzes Menschenleben. Bildhauerin Birgit Berends-Wöhrl hat die hölzernen Möbelstücke mit Symbolen und assoziativen Zeichen in eine große raumgreifende Metapher für Geburt, Kindheit, Jugend, Lebensmitte, Reife, Alter und Tod verwandelt. Je eine metallisch bearbeitete Holunderdolde markiert den Lebensanfang und das Ende, die erste auf einem strahlenden Untergrund, die zweite in eine Art Galaxie der Ewigkeit gesetzt. Dazwischen eine spielerische Etappe; eine, in welcher der Mensch im Wortsinn auf dem Sprung ist (der Stuhl trägt eine rostige Sesselfeder); eine Leiter steht für Leistung und Ehrgeiz in der Lebensmitte; es folgen verhutzelte Äpfel ("Die Reife blickt auf ihre eigenen schrumpelnden Früchte", sagt die 57-jährige Künstlerin und lacht); und schließlich besonders poetisch das hohe Alter, für das zwei zarte zerbrochene Porzellanfigürchen stehen - "die Kindheit, die bruchstückhaft zurückkommt".

Birgit Berends-Wöhrl stellt derzeit zusammen mit ihren Kolleginnen Petra Jakob und Teresa Erhart im Kunstturm des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL) in Wolfratshausen aus. Die drei arbeiten seit Jahren immer wieder zusammen, präsentieren sich bei den Ateliertagen Berg/Icking oder im Marstall am See. Für die aktuelle Ausstellung sind sie kurzfristig eingesprungen - es gab nur zwei Wochen Vorlauf. "Aber wir wussten, dass die Sachen zusammenpassen", sagt Erhart. Und das tun sie. Der Kunstturm ist für eine solche Gemeinschaftsschau prädestiniert. Denn er bietet auf drei durch eine transparente Treppe erschlossenen Etagen Rückzugsräume genauso wie Überblicke und lockende Perspektiven.

So gruppieren sich im Erdgeschoss heitere und ernste Bronze- und Holzarbeiten von Berends-Wöhrl vor den malerisch wirkenden "Photomorphosen" von Petra Jakob. Die freischaffende Künstlerin aus Icking hat das Illustrieren, Malen, Zeichnen hinter sich gelassen und eine eigene Technik entwickelt. Ihre Arbeiten sind auf Pergament gedruckte Fotografien, gerastert, digital bearbeitet, Belichtung und Farben werden dabei verschoben und verwaschen. Diese Verfremdung lässt die Werke wie Gemälde wirken, oft dunkel, geheimnisvoll, manchmal morbide, nie heile Welt und dennoch ungemein attraktiv. Sie wähle gern "lost places" als Motive, sagt Jakob, und "Dinge, die schon gelebt haben, wo der Zahn der Zeit eine eigene Ästhetik geschaffen hat". Tatsächlich ist es auch die Hand der Künstlerin, die den Fotografien ihre eigenwillige Schönheit verleiht. Die "Maison Rouge" etwa, die den Eingangsbereich des Kunstturms beherrscht, möchte man nur zu gern betreten und erkunden. Wunderbar ist der Kontrast der changierend weinroten Fassade mit einem dürren schwarzen Baum. Man wittert hier ein Geheimnis.

Ins Märchenhafte tendieren die Zeichnungen von Teresa Erhart. Wenn man weiß, dass sie eigentlich gelernte Bildhauerin ist, mag man stutzen, wie filigran sie arbeitet, da sie sich fast ausschließlich dem Zeichnen verschrieben hat. Einiges, wie die Drachen auf der Einladungskarte zur Ausstellung, ist so fein ziseliert, dass es auf den ersten Blick wie eine kolorierte Radierung aussieht. Stundenlange Arbeit steckt in so einem Bild. Und Erhart hat genau daran Freude: Sie zeichne, weil ihr das Malen zu schnell gehe, sagt sie. Wälder, Märchenfiguren, skurrile Gestalten, Reales und Surreales bringt sie zu Papier. Dazwischen drei Werke, die nun doch die Bildhauerin erkennen lassen, ein Fisch, ein großes Ornament und ein Frauenkopf mit wallendem Haar - feinst gearbeitet auch dies. Sie arbeite bildhauerisch nie mit der Kettensäge, sagt Erhart: "Ich klopfe alles händisch raus." Und bei den Haaren habe sie sich zwischendurch schon gefragt, warum sie sich das antue.

Holzarbeiten zeigt auch Berends-Wöhrl. "Kind mit rotem Kleid" I und II aus Eiche stehen und sitzen im Eingangsbereich des Kunstturms wie überdimensionale Puppen, die neugierig und selbstbewusst in die Welt zu blicken scheinen. Besonders eindrucksvoll aber ist die Künstlerin in ihren Bronzearbeiten. "Schreitende Frau", "Stehender Mann" und "Engel" erinnern mit ihren extrem langen, schlanken Figuren in rauem Guss stark an Giacometti. Doch die Künstlerin hat durchaus ihre eigene Handschrift und einen sympathischen Hang zum hintergründigen Humor, etwa wenn sie ein schweres Tier präsentiert und das Werk "Mammut träumt vom Fliegen" nennt.

Von herausragender handwerklicher Qualität und starker feministischer Kraft ist eine Bronze-Arbeit, die im Erdgeschoss des Kunstturms die Blicke auf sich zieht. "Kassandra", die mythologische Seherin, die verflucht wurde, weil sie sich Apoll verweigerte, deren Weissagungen man nicht glaubte, die vergewaltigt und schließlich ermordet wurde. Berends-Wöhrl hat sie als selbstbewusste Person mit stolz zurückgeworfenem Kopf gestaltet, als eine Frau, die sich erkennbar nicht um eines Mannes und um des Patriarchats willen aufgibt. Auf ihrer Homepage hat die Künstlerin ein Foto des Werks mit einem Zitat aus Christa Wolfs "Kassandra" versehen: "Wir schwiegen, alle drei. Mit diesem Schweigen, an dem mehrere beteiligt sind, so lernte ich, beginnt Protest."

"Kassandra" von Birgit Berends-Wöhrl.
"Kassandra" von Birgit Berends-Wöhrl. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Wer das liest, mag an die albernen Aufkleber denken, die bis vor Kurzem an den Schaufenstern des Kunstturms klebten: "Kunst beißt nicht". Doch, glücklicherweise tut sie genau dies. Natürlich in einem übertragenen Sinn. Kunst ist im besten Fall widerständig wie diese wunderbare Kassandra.

"Drei im Turm" : Kunstturm am Schwankl-Eck, Wolfratshausen, Obermarkt 33; Samstag 12 bis 15 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr; bis 20. Februar.

© SZ vom 28.01.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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