Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Kloster Beuerberg:Blüten aus Eisensplittern

Bettina Dittlmann hat im Pavillon eine Kopie der Schwarzen Madonna aus Altötting neu eingekleidet. Die fragile Installation spielt mit der Ambivalenz und verdichtet den Moment der Auflösung

Von Paul Schäufele, Eurasburg

Das Kloster Beuerberg ist ein heller Ort. An Sommertagen bestrahlt die Sonne die weißen Mauern, dass es den Besucher blendet. Brunnen tragen durch diskretes Plätschern zur Atmosphäre bei, der Klostergarten in seiner Vielfalt ist gerade so gepflegt, dass man sich noch in freier Natur wähnen könnte - fast ein locus amoenus. 2014 sind die letzten Salesianer-Schwestern ausgezogen, seitdem nutzt das Diözesanmuseum Freising die Räume für geistreiche Ausstellungen, die einen Blick vom Kloster in die entzauberte Welt werfen. Doch inmitten dieser Helligkeit steht ein schwarzer Pavillon. Der Ausstellungsraum ist ein Kontrastobjekt zum Kloster, ein Ort für offene Fragen. Bettina Dittlmanns aktuelle Ausstellung "Die Kleider der Maria" stimuliert diese Fragen auf hintergründige Weise. Fragen nach Glaube und der Kraft von Symbolen, Fragen nach Religion, Geschichte und Herkunft, nach dem, was eine Gesellschaft zusammenhält oder einmal zusammengehalten hat.

Am Anfang der Ein-Raum-Ausstellung stand eine simpel anmutende Aufgabe: Hier hast du eine Maria, zieh ihr ein Kleid an. Doch diese Maria ist nicht irgendeine, sondern die Devotionalkopie einer Figur aus dem spirituellen Zentrum des katholischen Bayerns, eine Kopie der schwarzen Altöttinger Madonna. Diese Madonna hat einen gut gefüllten Kleiderschrank, regelmäßig wechselt sie ihre Gnadenröckl - kostbare Gewänder aus Samt und Seide, bestickt mit Brillanten und Perlen.

Es wäre ein Leichtes gewesen, dem in Form einer Nachahmung, ironisierend oder nicht, zu begegnen. Doch Bettina Dittlmann hat einen nachdenklicheren Zugriff auf die Dinge. "Einfach Schmuck machen kann ich nicht und will ich nicht", sagt die Künstlerin, die auch gelernte Silberschmiedin ist. Bester Beleg dafür sind die zusammen mit ihrem Mann Michael Jank hergestellten "Fürimmerringe", ein seit 1998 bestehendes Kunstprojekt, das in immer neuen Variationen ungewohnte Perspektiven auf die archaische Form des Rings eröffnet.

Und so wird der Betrachter auch nicht einfach in das Beziehungsgeflecht geworfen, das ihm die vielfach ausgezeichnete Passauer Künstlerin im Beuerberger Gartenpavillon präsentiert, sondern durch eine kurze Passage darauf vorbereitet, eine fünf Meter lange Wallfahrt zur Beuerberger Madonna. Auf dem Weg begegnen ihm Eisenblumen, die aus dem dunklen Boden sprießen. Dazu hat Dittlmann Eisenspäne auf Neodym-Magnete rieseln lassen. Das Ergebnis sind schimmernde Gewächse, scheinbar zufällig entstanden.

Das gilt für Vieles in diesem Raum. Es könnte Zufall sein, doch alles hat Bedeutung, steht im Verhältnis zu sichtbaren und unsichtbaren Dingen. So wirkt das, was in anderem Kontext wie die Vegetation einer postapokalyptischen Wüste aussehen könnte, in diesem Raum wie das Negativ zur Umgebung, denn durch die Fensterspalten des Pavillons lassen sich die Blumen des Gartens erahnen, mit denen die eisernen Exemplare entfernt verwandt sind.

Doch die grauen Blumen sind ungleich fragiler. Was sie zusammenhält, ist nur ein Magnet, dessen Dialektik aus Anziehung und Abstoßung die Symbolkraft der wunderlichen Gewächse erhöht.

"Alles löst sich auf, es hält nur noch scheinbar zusammen." Der Satz steht im Katalog zur Ausstellung - ein wunderbares Dokument der intensiven Auseinandersetzung mit den Themen - wo Dittlmann ihn in Großbuchstaben unter einen Linoldruck in Marien-Kontur geschrieben hat. Doch neben dem gerade so aufgehaltenen Zerfall haben die Magnete auch biografische Bedeutung. Dittlmann, Tochter eines Elektroingenieurs, kam früh mit ihnen in Berührung, damals waren sie Spielzeuge. Zugleich unheimlich und spielerisch leicht, diese Blumen haben zwei Seiten.

Sie bereiten auf diese Weise auf die Maria vor, deren Kleid auch mit Eisenblüten verziert ist. Gehüllt ist die Schwarze in ebenfalls schwarzen, groben Stoff, einen echten Schutzmantel, der sie wie ein Zelt umgibt. Auch dieser Schutz ist ambivalent. Denn das grobe Leinen stammt aus einem Speicher des Klosters, seit dem Zweiten Weltkrieg lagert es ballenweise dort. "Genehmigter Verdunkelungsstoff" steht darauf. Der weiße Schriftzug sticht nicht nur durch das schwarze Gewebe, er schneidet auch quer durch die Geschichte. Mit diesem Stoff wurden Fenster verdeckt, um sich für den Feind unsichtbar zu machen.

Auf dem Kopf trägt Maria ein filigranes Drahtgebilde, in das sich Splitter von Edelsteinen eingenistet haben. Ihr Zepter ist ein Grashalm. Das ist der doppelbödige Ernst Bettina Dittlmanns. Diese Maria ist wie viele und doch ganz anders. Über die Variation der Form eröffnet sich ein Bezugsrahmen, in dem viele offene Fragen ihren Platz haben. Doch so groß diese Fragen auch sind, sie kommen auf einen zu ohne Aufdringlichkeit oder die Forderung einer sofortigen Antwort. Denn auch das ist wichtig und könnte beinahe übersehen werden: Am Kleid der Maria hängt eine goldene Nadel. Hier kann weitergestickt werden.

Weitere Infos zur Ausstellung unter https://www.dimu-freising.de

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Quelle:
SZ vom 19.08.2020
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