Ausstellung in Bad Tölz:Wenn Janus zu Jana wird

Lesezeit: 4 min

Females - immer gleich anders

Marianne Hilger zeigt ein mythologisch aufgeladenes „Objekt“ mit Jana-Kopf.

Die Tölzer Gruppe "Females" präsentiert sich erstmals in der Galerie des Stadtmuseums. Mit "Immer gleich anders" eröffnen die sechs Künstlerinnen einen weiten Spielraum für Assoziationen und Fantasien

Von Felicitas Amler, Bad Tölz

Links geht's in die Vergangenheit, rechts ins Heute. Fünf Exponate in einer Reihe verdeutlichen eine Entwicklung. Jeannine Rücker hat hier, in der kleinen Galerie des Tölzer Stadtmuseums, das Ausstellungsthema "Immer gleich anders" mit einem ihrer Lieblingsmotive interpretiert. Sie hat Wolken im Stil alter Gemälde auf die Leinwand gebracht, üppige, regenschwere, changierende Wolken an einem finsteren blauen und gewittrig rostfarbenen Himmel. Man spürt geradezu mit jedem Blick, dass sich diese Formation ständig bewegt und verändert. So, wie die Kunst es tut und immer getan hat.

Rücker zeigt dies in einer chronologischen Reihung: Im linken Teil der Anordnung folgt auf die Malerei ein Wolken- Schwarz-Weiß-Foto, dann ein Farbfoto desselben Motivs; rechts taucht ein QR-Code auf, Ausdruck der Moderne und Schlüssel zu einem Video, das die ganze Reihung filmisch vors Auge bringt. Ganz rechts schließlich die aktuell letzte Stufe des Fortschritts: der QR-Code ist mit der Acrylmalerei verschmolzen, "beispielhaft für neue Wege in der Kunst", wie Rücker in ihrem Video erklärt.

Females - immer gleich anders

Jeannine Rücker führt die Entwicklung der Kunst vors Auge - von der Malerei auf Leinwand zum malerisch bearbeiteten QR-Code.

"Die Sicht von Frauen ist anders"

Zusammen mit ihren fünf Kolleginnen der Gruppe "Females" stellt Rücker im Tölzer Stadtmuseum aus. Die "Weiblichen" haben sich vor fünf Jahren zusammengefunden, sie treffen sich regelmäßig und erarbeiten ein gemeinsames Thema. "Immer gleich anders" ist ihre fünfte Ausstellung, drei davon waren in den Münchner Domagk-Ateliers zu sehen, eine im Kleinen Kursaal in Bad Tölz. In der Museumsgalerie sind sie zum ersten Mal, ein angemessen zentral gelegener Raum für Kunst, die gesehen werden sollte. Denn die sechs Frauen machen sichtbar, was im Kunstbetrieb leicht untergehen kann. Mit ihren eigenen Worten: "Die Sicht von Frauen auf praktisch jedes Thema ist anders."

Es fange schon in der Kommunikation an, sagt Marianne Hilger. "Vieles muss man einer Frau nicht erklären." Das zeigten die Teambesprechungen. Jeannine Rücker bestätigt es. "Wir finden immer eine gemeinsame Ebene." Und manches Thema, da sind sich die beiden auch mit ihrer Kollegin Stefanie Macherhammer einig, würden Männer wahrscheinlich gar nicht eigens behandeln, etwa das der vorigen Ausstellung: "Beziehungsweise".

Die neue Schau versteht sich bewusst mehrdeutig. Man könne das in allen Kombinationen lesen, sagt Rücker. "Immer gleich. Gleich anders. Immer anders." Das eröffne einen großen Spielraum, "auch formal", wie Marianne Hilger betont. Ihr titelloses "Objekt" ist das einzig skulpturale Exponat in dieser Ausstellung. Es ist ein allseits offener schmaler, hoher Kasten mit vielfach deutbaren Emblemen. Am Boden des Inneren zeigt sich eine Spinne im Netz, eng umringt von einer Schlange. Dahinter, auf der hohen Rückwand, eine flächendeckende Abbildung teils skurriler Totenköpfe; manche, als lächelten sie, einer mit Trachtenhut, einer mit Zöpfen, ein anderer mit Nägeln gespickt. Der Assoziationen noch nicht genug - an einer Seite des lichten Kastens ist eine Membran mit Hirnschnitt zu sehen, an der anderen ein spiegelnder Jana-Kopf. Es ärgere sie oft, dass das Männliche allenthalben im Vordergrund stehe, sagt die Künstlerin, weswegen der mythologische Janus sich bei ihr in eine Jana verwandelt hat. Die Künstlerin hat dafür ihr eigenes Profil gewählt, auf der einen Seite als junge, auf der anderen als alte Frau - dazwischen setzt sich beim Betrachten unwillkürlich das Gesicht der jeweils gerade Schauenden.

Hilger liefert zu diesem rätselhaften, irgendwie morbiden und doch gleichzeitig spielerisch-heiteren Objekt eine ausführliche schriftliche Erläuterung mit Verweisen auf Mythologie, Naturkunde und Anatomie. "Uroboros", die sich in den Schwanz beißende Schlange - hier in Verbindung mit der Spinne - ist für sie "das" Zeichen für "immer gleich anders". Brahmanische Symbole, ein Schleier der Isis, Todessinnbilder, rote "Lebensfäden", - "ein Konglomerat", wie Hilger selbst sagt. "Ich habe das Gefühl, es gehört zusammen." Wie, das fasst sie nicht in Worte. "Wenn ich das könnte, würde ich schreiben", sagt sie, aber ihr Ausdrucksmittel sei die Kunst.

Ganz abstrakt drückt sich Priska Ludwig aus. Ihre kaleidoskopartigen Bilder geben sich nicht auf den ersten Blick als Fotografien zu erkennen; wirken wie flirrende Farb- und Musterspiele. Tatsächlich verbergen sich in jedem Bild natürliche Motive. Mal ist es eine Eibe, digital fotografiert, gespiegelt, gezoomt, zu den schönsten Ornamenten verfremdet und farblich in unwirkliche Grün- und Violett-Töne verwandelt. Mal spielt sie in dieser bildbearbeitenden Weise mit Amethyst und Tierschädel, mal mit Felsen und Wasser. Sie wolle "inspirieren und an die Vergänglichkeit der Zeit erinnern", erklärt Priska Ludwig.

Females - immer gleich anders

Das Foto einer Eibe verwandelt sich bei Priska Ludwig in ein vielfältiges Kaleidoskop.

Dies tut in gewisser Weise auch Stefanie Macherhammer mit ihrem Acrylgemälde "Stillstand", das gestapelte rote Sessel zeigt, alle unbenutzt. "Das Werk ist während des Lockdowns entstanden", erklärt sie. "Alle versuchen weiterzumachen wie immer. Und doch ist plötzlich alles anders." Der Ausstellungstitel schwingt mit.

Females - immer gleich anders

Der "Stillstand“ durch Corona kommt von Stefanie Macherhammer.

(Foto: Manfred Neubauer)

Verschollene Bilder

Andrea Meßmer, die mit ihrem Mann zusammen in der Jachenau eine Yak-Herde hält, will künstlerisch "kurze, vergängliche Momente in Detailansichten" festhalten. Da ist die streichelnde Hand an einem Gesicht, da ist die Frau mit Schürze, die in ihren Kochlöffel beißt, vielleicht aus Verzweiflung darüber, dass frau immer alles schaffen muss - Haus und Hof, Küche, Kinder, Kunst?

Females - immer gleich anders

Andrea Meßmer will kleine Alltagsgeschichten erzählen.

Den Inbegriff der Vergänglichkeit aber hat ganz unfreiwillig Patrizia Zewe zur Ausstellung beigesteuert. Die frühere Vorsitzende des Tölzer Kunstvereins, die vor einigen Jahren in ihre Heimat Bad Nauheim zurückgegangen ist, kann nicht selbst kommen. Als Ur-"Female" schickte sie dafür zwei Acrylgemälde auf Reisen - mit einem Paketdienst. Sie sind trotz aller Nachforschungen einfach nicht in Bad Tölz angekommen. Zu sehen ist in der Ausstellung nur ein Foto der verschollenen Bilder.

Females: "immer gleich anders", Vernissage am Donnerstag, 14. Oktober, 19 Uhr, Stadtmuseum, Marktstraße 48, Bad Tölz; bis 3. November

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Kamerablick von oben in Marianne Hilgers Objekt.

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