Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Bad Tölz:Geheimnisvolle Gesichter

In der sehenswerten Ausstellung "Find Face" zeigt Rosemarie von Funcke abstrakte, farbstarke Bilder und Gestalten, die eine Deutung herausfordern. Zu sehen sind sie im Tölzer Kultursalon

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Rosemarie von Funcke mit Gesichtern. Sie malt keine Porträts, "darum geht es mir nirgendwo", betont sie. Ihr geht es um die Schichten einer Persönlichkeit, die sich oft hinter einer Maske der Selbstdarstellung verbergen. Ihre Gesichter sind in Fragmente gespalten - Augen, Kopflinien, Münder -, auf geometrische Formen reduziert und in kräftigen Primärfarben neu zusammengesetzt. Manchmal verschränken sich mehrere Profile, die man erst bei genauerem Hinsehen erkennt. Die abstrakten, farbstarken Bilder, die zurzeit im Tölzer Kunstsalon ausgestellt sind, macht das sehenswert. Sie fordern eine Deutung heraus, rätselhafte Titel wie "Der Spätdenkende" befeuern die Interpretation. "Mir geht es um das Gesicht hinter dem Gesicht", sagt die Künstlerin. Wie präsentiere ich mich? Welche Maske ist gesellschaftsfähig? Eine alte und dennoch hoch aktuelle Frage, wie die 76-Jährige findet.

Das Thema reicht von den Masken der Commedia dell`arte über den venezianischen Karneval zu Selfies, die Inszenierung einer perfekten Fassade. Aber auch Verschleierung, Vermummung, das Verbergen von Gefühlen sind präsent. Den Titel der Ausstellung "Find Face" hat von Funcke einem russischen Gesichtserkennungsprogramm entlehnt. "Ein Horrorprogramm" sei das, weil es den gläsernen Menschen zur Folge hat, der jederzeit und überall erkannt und verfolgt werden kann. "Damit gibt es keine Privacy mehr", sagt sie. Ihr Lieblingsbild ist "Das blaue Gesicht", das anders als die meisten ihrer Arbeiten nicht Bewegung, sondern Ruhe ausstrahlt. Reduziert auf die obere Gesichtshälfte, der Mund fehlt, markante Nase, darüber deutet sich ein zweites Gesicht an, in blauer Farbe ein weiteres Profil. Drei Gesichter verbinden sich zu einem, nichts ist vollständig, nicht alles wird preisgegeben. Von Funcke malt nur im Stehen oder Liegen. "Im Sitzen bin ich eingeengt", sagt sie. Da komme keine Bewegung in das Bild. Sie verwendet Eitempera, Öl, Acryl, Mischtechniken, Kreide. Viel Blau, lange ihre Lieblingsfarbe. "Inzwischen ist mir das aber ein bisschen zu romantisch."

Die gebürtige Münchnerin, die heute in Berg lebt, ist seit 2005 Mitglied im Tölzer Kunstverein. Gemalt habe sie schon immer, erzählt sie. Sie wollte auf die Kunstakademie, aber ihr Vater habe es nicht erlaubt. Auf seinen Druck hin begann sie ein Jurastudium, das ihr nicht gefiel, und wechselte zu Germanistik und Geschichte. Sie schloss mit Magister ab, arbeitete über 30 Jahre in einem Münchner Verlag und bekam vier Kinder. Nachts, wenn die Arbeit im Verlag erledigt und die Kinder im Bett waren, malte sie oft bis drei, vier Uhr früh. Sie nahm Privatunterricht, ging auf eine Zeichenschule und belegte einen Kurs an der Sommerakademie bei Jörg Immendorf. "Der hat mich geprägt", sagt sie. Politischer sei sie geworden, wollte provozieren. Gelungen sei ihr das nicht nur bei einer Ausstellung in Salzburg: "Da waren die Leute nicht erfreut, dass ich sie als Mozartkugeln gemalt habe", sagt sie und lacht. Ihr ironischer Blick zeigt sich auch in der Tölzer Ausstellung. Zum Beispiel im großformatigen Bild "Tischgesellschaft", das auch im Haus der Kunst ausgestellt war: Ein opulentes Diner, ein Gesicht mit Schmollmundkirsche, der Busen abgelegt auf einem Teller, "ein Fischkopf, der nur Blödsinn redet". Auch das Streifenthema , das sie oft einsetzt und das manche Bilder wie auf Holz geschnitzt wirken lässt, findet sich darauf. Die Streifen und Balken geben Struktur und fast architektonische Klarheit, die sich auch in der Anordnung der Ausstellung zeigt: Von Funcke hat Bilder im gleichen Format streng auf Linie gehängt, vor jedem steht ein weißer Stuhl. Die Liste ihrer Ausstellungen ist lang: München, Berlin, Heidelberg, Wien, Salzburg oder Teneriffa, wo sie ein Ferienhaus hat.

Fast hätte man ein Bild im Flur übersehen: "Die Vorsitzenden." Eine panzerartige Hülle mit angedeutetem Visier legt sich um zwei Köpfe, die einander abgewandt sind. Gesichter in akkuraten Streifen, kantige Nasen. Das Bild strahlt Härte und Aggression aus. Aus einem Auge verläuft eine kaum sichtbare Linie, ein feines Rinnsal - eine fast versiegte Emotion? "Die Interpretation meiner Bilder überlasse ich dem Betrachter", sagt die Künstlerin.

Vernissage 2. Februar, 15 Uhr, Kunstsalon, Marktstraße 6, Bad Tölz. Bis 17. Februar jeweils geöffnet Freitag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 02.02.2019
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