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Ausstellung im "Artforum" in Neufahrn:Poetisch und geerdet und groß-artig

Der Schäftlarner Bildhauer und Maler Leonard Lorenz öffnet sein "Artforum" für eine Werkschau, die eigentlich in Bad Hersfeld gezeigt werden sollte

Von Barbara Szymanski, Schäftlarn

Leonard Lorenz verknüpft Poesie mit Rationalität. Denn die Ideen für seine neuesten Skulpturen sind poetischen Themen aus der Literatur gewidmet. Die schrundige und teilweise patinierte Bronze und die kompakten und verdichteten Formen führen auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie strotzen vor Energie, bleiben dennoch geheimnisvoll wie die Bronzeplastik mit dem Titel "Werthers Traum und Wirklichkeit". Diese hat der Bildhauer und Maler vor einem von ihm gemalten monochromen Bild platziert. Er meint dazu, dass Figur und Hintergrund eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Größe und Höhe des Raums, in dem Leonard Lorenz seine Kunst präsentiert, eröffnen wunderbare Perspektiven.

(Foto: Jan Roeder/oh)

Das Werther-Thema war vorgegeben für eine Werkschau der für dieses Jahr im Juni geplanten Theaterfestspiele in Bad Hersfeld in der berühmten Stiftsruine und ihrem weitläufigen Park. Dort sollten die Skulpturen und Bilder von Leonard Lorenz die Theaterstücke begleiten; neben Werther auch seine bildhauerischen Umsetzungen aus dem Roman "Der Club der toten Dichter" von Nancy H. Kleinbaum, der so genial verfilmt wurde mit dem Hauptdarsteller Robin Williams, sowie die "Italienische Nacht" von Ödön von Horvath. Die Festspiele wurden auf 2021 verschoben. Doch diese Werkschau findet schon zuvor statt: in Lorenz' Atelier, dem "Artforum", das fast die Höhe eines Kirchenraums hat und als Ausstellungsraum dient.

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Eines der neuen Werke, "Dynamik der Begrenzung", eine 85 Zentimeter große Bronze.

(Foto: Jan Roeder/oh)

Lorenz' Figuren sind nie hübsch, leicht konsumierbar und rasch vergessen. Hier obsiegt die Imagination, ohne sich allzu sehr im Detail zu verlieren oder zeitgenössisch entmaterialisiert zu sein. Der Künstler sagt dazu ganz selbstbewusst: "Das Geometrisch-Formale hat keinen Bestand." Deswegen nimmt der Bildhauer, der in den Sechzigerjahren Meisterschüler bei Professor Hans Ladner an der Akademie der Bildenden Künste in München war und mit einem Diplom mit Auszeichnung abschloss, sich die Freiheit, seine Ideen und Visionen für Skulpturen aus Bronze und Holz eben nicht formal, sondern mit Leidenschaft, ausdrucksstarker Figuration und Ausformulierung umzusetzen.

Der Bildhauer und Maler Leonard Lorenz.

(Foto: Jan Roeder/oh)

Aber seine neuesten Arbeiten verfolgen nicht mehr so konsequent die Leichtigkeit und Transparenz seiner zuvor geschaffenen Werke. Bei diesen erschlossen fragile Bögen eine weitere Dimension, und so mancher Betrachter wird sich fragen: Wie können diese und die empfindsamen Figuren in der bekanntermaßen schwerfälligen Bronze entstehen?

Ganz einfach: Leonard Lorenz modelliert mit Wachs statt mit Ton und Gerüsten aus Bambus. Mit Bambus lassen sich ungeahnt dünne Stäbe oder Bögen verwirklichen, und er verbrennt beim Guss rückstandslos. Nach dem Brand lässt der Künstler mitunter die Gusshaut stehen, ziseliert aber auch, schleift oder erzeugt eine dezente Patinierung mit chemischen Prozessen, sodass noch mehr Körperlichkeit und eben auch Poesie entsteht.

Die neuesten Skulpturen wie "Maskenblind" gehören nicht zu diesen fragilen, fast im Raum schwebenden Werken. Sie sind geerdet, nachdenklich, leidend, aber rätselhaft - genauso wie die anderen literarischen Umsetzungen, die der Bildhauer für die Theaterfestspiele geschaffenen hat.

Nach wie vor aber malt der "leidenschaftliche Bildhauer", wie er sich selbst sieht, groß-artige Bilder. Auf derlei Leinwänden und mit Ölfarben kann er sich einem Farbenrausch hingeben, kann schichten, den Pinsel laufen lassen, verwirbeln, nachgerade toben. Dennoch befrieden die Kompositionen bei der Betrachtung. Denn die Farben sind klug abgestuft. Und die Bögen und Wellen, deren unvermittelte Überlappungen und ihr Zueinander- oder Auseinanderstreben und die mitunter aufblitzenden Figuren und kleinen Erzählungen sind nie laut, sondern eröffnen wie die neuesten Bronzen das Reich der Poesie.

Leonard Lorenz: "Perspektiven im Wandel der Zeit", Artforum, Starnberger Straße 103a, Neufahrn bei Schäftlarn; bis 24. Juni, täglich 14 bis 19 Uhr. Anmeldung unter Telefon 0157/75 36 77 28 oder via E-Mail an art@leonard-lorenz.com

© SZ vom 20.06.2020

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