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Ausstellung:Das Vibrieren des Neubeginns

Im Penzberger Museum sind die abstrakten Werke der beiden Künstlergruppen "Zen 49" und "Zero" zu sehen, die nach dem Ende der Nazi-Diktatur die absolute künstlerische Freiheit forderten

Wie fühlt es sich an, nach zwei Weltkriegen Künstler zu sein? Was muss es für ein Gefühl sein, wenn die eigenen Werke von den Nationalsozialisten vernichtet wurden? Was tut man dann? Malt man hoffnungslos traurige Bilder? - Mitnichten! "Zen, Zero & Co - abstrakt seit 1949" heißt die neue Ausstellung im Museum Penzberg. Mit ihr kommt die Privatsammlung der Familie Kaske in die Öffentlichkeit. Die Werke verströmen explosive Kräfte. Sie stehen für Hoffnung und Neubeginn.

Ein Bild ohne Titel - das Werk stammt von Otto Piene.

(Foto: Dario Suppan/VG Bild-Kunst 2019/)

Da ist zum Beispiel dieser blaue Tropfen auf rotbraunem Hintergrund. Umhüllt von einem schwarzen Kranz schwebt er, sanft, wie ein Wunder. Otto Piene, ohne Titel. Die Linien klar, die Farben warm. Wie eine Pusteblume. Oder eine Gebärmutter, aus der das Blau rinnt. Oder eine Eizelle. Aber es ist ja abstrakt. Es ist einfach schön. Nur, das Motiv der Keimzelle, es findet sich immer wieder in dieser Ausstellung.

Hätte es damals schon Hashtags gegeben, verkündet Kuratorin Katja Sebald bei der Eröffnung am Donnerstag, so hätten die beiden Künstlergruppen "Zen 49" und "Zero" sicherlich "Frieden, Freiheit und Demokratie" als Schlagworte gewählt. Die zwei Gruppen forderten nicht weniger als ihre absolute künstlerische Freiheit. Abstraktion, unverbraucht von der deutschen NS-Vergangenheit, sollte eine universell verständliche Sprache werden. Und mehr noch: "Es kommt nicht darauf an zu zeigen, was da ist, sondern zu offenbaren, was auch da ist; denn es ist weit mehr sichtbar, als wir sehen können, und weit mehr hörbar, als wir hören können, und weit mehr da, als wir selbst sind. Für mich gilt nur das, was wir noch werden können", sagt der Künstler Fritz Winter, Mitglied der Gruppe Zen 49.

Das Bild "Spring" von Heinz Mack gehört ebenfalls zu den Exponaten der Ausstellung im Penzberger Museum.

(Foto: VG Bild-Kunst/oh)

Zen 49 und Zero waren zwei Künstlerkreise, die beide einen Neubeginn suchten. Sie wirkten jedoch räumlich und zeitlich versetzt. Ein Rückblick: Vor dem Ersten Weltkrieg initiierte der "Blaue Reiter" in München eine Loslösung von der gegenständlichen Kunst. Der Expressionismus hielt Einzug, Künstler drückten ihr Inneres, ihr Erlebtes aus. Unter den Nationalsozialisten galt das Nicht-Gegenständliche jedoch als "entartet". "Zen 49" wagte nach dem Zweiten Weltkrieg den Neuanfang mit der abstrakten Kunst. Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff und Fritz Winter schlossen sich 1949 kurz nach Gründung der BRD in München zusammen. Zen 49 knüpfte mit seinem Ruf nach Freiheit an die Ideen des "Blauen Reiters" an. 1957 löste sich der Münchener Künstlerkreis auf. Ein Jahr später forderten Heinz Mack und Otto Piene in Düsseldorf einen zweiten Neuanfang: Sie gründeten "Zero."

Museum Penzberg

An der Ausstellung "Zen, Zero & Co - abstrakt seit 1949" waren Kurartorin Katja Sebald (links) und Leiterin Freia Oliv maßgeblich beteiligt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Beide Gruppen setzten sich zum Ziel, eine bessere Zukunft herbeizuführen und eine klare Stellung gegen Obrigkeiten zu beziehen. Zero wählte in gewisser Weise einen noch radikaleren Neustart als seine Vorgänger. Statt Farbe auf Leinwand sollte das Handeln selbst zur Kunst werden. Kunst sollte Interaktion und Wechselwirkung mit ihren Betrachtern sein.

Freia Oliv, Leiterin des Penzberger Museums, hat dieses Ziel beherzigt. So trat am Samstagabend der Künstler Andreas Kloker aus Schondorf am Ammersee mit einer Performance auf - was er mit der weißen Leinwand anstellen würde, wusste Oliv am Donnerstag selbst noch nicht. Die Ausstellung "Zen, Zero & Co" lässt ihre Werke für sich sprechen. Nur wenige Texttafeln erklären den Kontext, die Bilder sind nicht chronologisch geordnet. "Unsere Maxime war es: keine pädagogische Keule", sagt Oliv.

Museum Penzberg

Die Kunst-Konstruktion "Nägel mit Köpfen" hat Hans Panschar kreiert.

(Foto: Manfred Neubauer)

Unter den Leihgaben finden sich die Werke einiger noch lebender Künstlerinnen und Künstler: Marion Bembé ist 1930 in München geboren. Sie war eine Schülerin Fritz Winters. Ihre frühen Kompositionen erinnern an jene der Gruppe Zen 49. In einem späteren Werk ist Bembés "Entwinterung" sichtbar. Ihren Bildern gemeinsam ist eine runde Vollendung, eine schwebende Schwere. Der ebenfalls zeitgenössische Künstler Hans Panschar aus Allmannshausen hat das Nagel-Motiv des Zero-Künstlers Günther Uecker aufgegriffen. Im ganzen Museum finden sich seine großen, nahezu menschlichen Nagel-Skulpturen.

Den beiden Kunsthistorikerinnen Oliv und Sebald ist es damit gelungen, die Neuanfänge der Nachkriegszeit bis ins Heute zu spinnen. Zero löste sich 1966 mit einer spektakulären Inszenierung in der Nähe von Bonn auf: Die Künstler ließen einen brennenden Wagen im Rhein versinken. Mack schrieb darüber: "Ich selbst hatte mir dieses Ende gewünscht: ein Ende, das ich genauso befreiend fand wie den Anfang von Zero." So zeigt die Ausstellung in Penzberg den Kreislauf von Ende und Anfang. Die vibrierende Kraft der Neubeginne , sie ist in diesen Bildern spürbar.