Süddeutsche Zeitung

Erschreckend aktuelle Kunst:Offene Wunden

Ein Buch und eine Ausstellung zeigen Bilder des vor neun Jahren verstorbenen Künstlers Walter Raum in Kombination mit Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür".

Welche Wunden schlägt der Krieg? Walter Raum, Jahrgang 1923, gehörte zu jener Generation von Ehemännern und Vätern, die über ihre Erlebnisse in Schützengräben und Lazaretten, ihre Erfahrung von Ohnmacht, Schmerz und Todesangst kaum ein Wort verloren. In seinem künstlerischen Schaffen jedoch hat er all dies schonungslos aufgegriffen und hinterfragt, hat das Grauen seziert - und konserviert. Davon zeugt nicht zuletzt eine Serie von "Wund-Bildern", die nun, im zehnten Jahr nach seinem Tod, den Blick auf sich zieht.

Dass es ruhig um den Maler geworden ist, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zur internationalen Avantgarde zählte, mag verschiedene Gründe haben. An der Qualität seines Werkes liegt es nicht. Obwohl diese Arbeiten allesamt Titel wie "Wunde", "Blut", "Kopf", "Torso" oder "Toter" tragen, kann man sich kaum an ihnen satt sehen. Walter Raum hat in ihnen die Brüchigkeit der Existenz eingefangen - und lässt sie vor Kraft strotzen.

"Ich mag diese Bilder", sagt Tobias Raum, Sohn und Erbe des Künstlers, der in seinem Elternhaus in Achmühle lebt. Zusammen mit dem Berger Fotografen Edwin Kunz hat er den Wund-Bildern ein ungewöhnliches Buch gewidmet, das zugleich als eine Art Ausstellungskatalog dienen soll. Von 22. Januar an ist eine Auswahl der Gemälde in der Katholischen Akademie Bayern in München zu sehen.

Tobias Raum war 15 Jahre alt, als sein Vater die Serie schuf. In wenigen Monaten entstanden etwa hundert Bilder, die meisten in einem Format von 70 auf 100 Zentimeter. Das war 1983. "Ich weiß nicht, was damals die Initialzündung war", sagt der 51-Jährige, der in der Krebsforschung arbeitet. Sein Vater habe sich nie dazu geäußert. "Aber es war seine erste direkte Auseinandersetzung mit dem Krieg."

Sobald ein Bild fertig war, habe sein Vater es immer im Wohnzimmer aufgehängt, erzählt er. Während seine Mutter in Wolfratshausen eine Apotheke führte und morgens früh das Haus verließ, war es sein Vater, der bei ihm blieb und ihm das Mittagessen auf den Tisch stellte. "Er war für mich zuständig." In einer ehemaligen Erzgießerei in Achmühle hatte sich Walter Raum ein großzügiges Atelier eingerichtet. "Nach dem Frühstück ist er darin verschwunden und am Abend kam er wieder heraus", sagt Tobias Raum und lacht. "Ganz klassisch: Nine to five."

Ihr Verhältnis beschreibt er als intensiv und innig. Das Thema Krieg sei tabu gewesen. Einmal habe sein Vater ihm aber ein Büchlein in die Hand gedrückt und gesagt: "Lies das!" Es handelte sich um Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür". Und eben dieses Theaterstück hat er nun mit den "Wund-Bildern" in einem Buch zusammengebracht, das im Verlag Edwin Kunz Editionen erschienen ist.

Das Konzept ist eigenwillig, funktioniert über weite Strecken aber erstaunlich gut. An ein Vorwort von Wilhelm Warning und eine Einführung von Tobias Raum schließt sich Borcherts Drama an, das gleichsam in einen Dialog mit den Gemälden tritt. Ein Werkverzeichnis und die Kurzbiografien der beiden Männer runden das 170 Seiten umfassende Hardcover ab.

Borchert, Jahrgang 1921, hatte seine traumatischen Erlebnisse an der Ostfront und seine Heimkehr in ein zerrüttetes Land nach dem Krieg literarisch verarbeitet. Im Wissen, nicht mehr lange zu leben - er starb 1947 - , schrieb er wie ein Besessener und avancierte zu einem der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur. Für den Soldaten in "Draußen vor der Tür" gibt es kein Zurück in ein unversehrtes Leben. Er geht zugrunde an den inneren und äußeren Wunden, die der Krieg geschlagen hat.

Walter Raum hat seine "Wund-Bilder" 1983 weder geordnet noch nummeriert. "Ich habe alle auf dem Boden ausgelegt und versucht, sie in eine für mich sinnvolle Reihenfolge zu bringen, die auch zum Text passt", erklärt Tobias Raum. An einer Stelle, in der es bei Borchert um eine Knieverletzung geht, fällt dies fast ein bisschen zu plakativ aus. Ansonsten gehen die in Schwarz, Weiß, Grau und Blutrot gehaltenen Malereien mit dem Drama ein faszinierendes Spannungsverhältnis ein. Wo die Worte enden, beginnen sie zu erzählen. Das gelingt am besten auf Doppelseiten und seitenfüllenden Hochformaten. Zur bloßen Illustration oder als Platzfüller nach einer Szene taugen sie nicht. Sie erfordern Raum. Manchen würde man etwas mehr davon wünschen.

Davon abgesehen sind die Fotografien ebenso hochwertig wie die gesamte Aufmachung des Buches. Man nimmt es gerne in die Hand, blättert durch die kräftigen Seiten - und erkennt, dass Raum und Borchert von einer erschreckenden Aktualität sind.

Walter Raum starb 2009 im Alter von 85 Jahren in Achmühle. Seine Frau Christine und Freunde organisierten damals zusammen mit Albrecht Widmann eine Gedächtnisausstellung in dessen Kunstbunker in Geretsried. Seinem Sohn hat der Maler einen schier unergründlichen Kunstschatz hinterlassen. Warum Tobias Raum ausgerechnet die "Wund-Bilder" für das Buch- und Ausstellungsprojekt erwählt hat, kann er selbst nicht genau erklären. Diese Bilder hätten noch nie als Serie im Fokus gestanden, sagt er. "Das musste jetzt einfach so sein."

"Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür - Walter Raum: Wund-Bilder", Edwin Kunz Editionen, 29,90 Euro (erhältlich im Buchhandel und beim Verlag); die Ausstellung in der Katholischen Akademie Bayern, Mandlstraße 23, München, wird am Dienstag, 22. Januar, 19 Uhr, eröffnet und läuft bis 17. April; Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung, Eintritt frei

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SZ vom 08.01.2019/emo
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